HOME

Studie zum Flugfunk: Piloten riskieren mit schlechtem Englisch unsere Sicherheit

Um eine funktionierende Kommunikation zu gewährleisten, ist der Flugfunk international standardisiert. Aber wie kann es sein, dass trotz verpflichtender Sprachtests nicht alle Piloten ausreichend gut Englisch sprechen? Eine Studie bringt erschreckende Ergebnisse ans Tageslicht.

Von Laila Keuthage

Im Cockpit kommt es auf jedes kleinste Detail an - Sprachbarrieren dürfen nicht ablenken. (Symbolfoto)

Im Cockpit kommt es auf jedes kleinste Detail an - Sprachbarrieren dürfen nicht ablenken. (Symbolfoto)

"Haben Sie die Freigabe, zum Gate zu fahren?"

"Roger, fahre zum Gate."

"Sie haben also die Freigabe, zum Gate zu fahren?"

"Fahren Sie fort."

"Haben Sie die Freigabe erhalten, zum Gate zu fahren?"

"Ok, Gate freigegeben."

"Nein, das war eine Frage! Haben die Kollegen vom Gate Ihnen eine Freigabe erteilt?"

"Roger, fahre zum Gate."

"Ich versuch es noch einmal. Es ist eine Frage, bleiben Sie wo Sie sind, dies ist eine Frage! Haben Sie die Freigabe, zum Gate zu fahren?"

"Ok, wir halten hier."

"Gut, was ist mit meiner Frage? Haben Sie die Freigabe für das Gate?"


Dieser Dialog spielte sich im Sommer 2007 auf dem John F. Kennedy Flughafen in New York zwischen einem amerikanischen Fluglotsen und einem chinesischen Piloten ab. Der Pilot spricht scheinbar nicht gut genug Englisch, versteht nicht, dass der Fluglotse ihm eine Frage stellt. Dieser wird langsam panisch - nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn der Air-China-Flieger einfach ohne Freigabe das Rollfeld benutzt.

Missverständnis mit fatalen Folgen

Es wäre nicht das erste Mal, dass misslungene Kommunikation zu einem Unglück führt. Am 27. März 1977 kollidierten auf der Startbahn des Flughafen Los Rodeos auf Teneriffa zwei Passagierflugzeuge und gingen in Flammen auf. Die Katastrophe

ging als schwärzester Tag der zivilen Luftfahrt in die Geschichte ein und jährte sich dieses Jahr zum 40. Mal, stern berichtete. Der Zusammenprall war die Folge einer Verkettung mehrerer Umstände, unter anderem gab es große Kommunikationsprobleme. So wurde eine Streckenfreigabe von einem Piloten mit der Startfreigabe gleichgesetzt, was schließlich zu der Kollision führte. 583 Personen starben. 2007 konnte  in New York eine Katastrophe glücklicherweise noch abgewendet werden. Dennoch erregte der Vorfall großes Aufsehen und Empörung.

Im internationalen Flugverkehr ist Englisch die weltweit vereinbarte Funk-Sprache. Piloten sollten diese also sicher beherrschen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs zwischen dem Air-China-Piloten und dem JFK-Flughafen-Lotsen gab es aber noch keine international geltenden Standards, die ein gewisses Level an Sprachkenntnissen von Piloten und Fluglotsen voraussetzen.

Erst 2008 trat eine Richtlinie in Kraft, die regelt, dass jegliches Luftfahrtpersonal, das international im Einsatz ist, einen Englischtest der Stufe vier der International Civil Aviation Organisation, kurz ICAO, erfolgreich absolvieren muss. Soweit die Theorie. In der Praxis heißt ein bestandener Sprachtest jedoch noch lange nicht, dass die Kommunikation im zivilen Luftverkehr reibungslos abläuft.

Beim Start auf dem Flughafen von Cordoba geht diese Flugzeugtür auf

Gefahr für die Flugsicherheit durch Sprachdefizite

Im Auftrag der britischen Behörde für zivile Luftfahrt (CAA) untersuchte ein Team um die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Barbara Clark problematische Situationen und stellte dabei 267 Fälle aus den letzten 18 Monaten heraus, in denen es zu Missverständnissen und Komplikationen in der Kommunikation zwischen Piloten und Towerpersonal kam. Beispielsweise steuerte ein Pilot sein Flugzeug ohne Freigabe auf die Startbahn, weil er eine Anweisung falsch verstanden hatte. Ein Anderer verwechselte im Landeanflug auf Manchester rechts und links. Wie kann so etwas passieren?

Der Report legt offen, dass es außerhalb Großbritanniens zahlreiche Piloten gibt, deren Englischkenntnisse deutlich unterhalb des vereinbarten Standards liegen. Demnach besteht der begründete Verdacht, dass in den Prüfungen geschummelt und getrickst wird, beziehungsweise, dass angehende Piloten den Test nur durch gute Kontakte, sogenannte "sweetheart deals", oder Korruption erfolgreich absolvieren. Teilweise bekämen sie die Zertifikate sogar ausgestellt, ohne überhaupt an einer Prüfung teilgenommen zu haben, berichten die Wissenschaftler. Als möglichen Grund für das Fehlverhalten vermuten sie die Angst der Geprüften vor einer Blamage wegen fehlendem Vokabular oder falscher Aussprache. In dem Report wird aber auch beklagt, dass Sprachkenntnisse der Stufe vier generell nicht ausreichen würden, um eine problemlose Kommunikation zu garantieren. 

Piloten-Sprachtest: Zweifelhaftes Prüfungsverfahren

Im Sprachtest für Level vier werden Hörverständnis und Sprachfertigkeit der Anwärter geprüft. Beim Hörverständnisteil bekommen die Prüflinge mehrere Texte vorgelegt und eine Audio-Datei vorgespielt. Anschließend müssen Sie aus den acht bis zehn Möglichkeiten den Text identifizieren, der vorgelesen wurde. Außerdem füllen sie ein Lückentext aus, was eher an eine Englisch-Klassenarbeit im siebten Schuljahr als an einen Eignungstest für Piloten erinnert. Anschließend müssen die Bewerber ihre Gesprächsfertigkeiten in einem Interview unter Beweis stellen. Die Wissenschaftler bezweifeln, dass dieser Test eine flüssige Kommunikation gewährleisten kann und fordern eine Änderung des Prüfungsverfahrens.

Besonders schockierend: Einige Anwärter, die durchgefallen waren, bekamen ihr Zertifikat nach einem zehntägigen Crash-Kurs dennoch ausgestellt. Die nötigen Fertigkeiten in solch einer kurzen Zeit aufzuholen, sei absolut unmöglich, sagte ein Mitwirkender des Reports gegenüber dem Telegraph

Ein weiteres Problem in der internationalen Luftverkehrskommunikation: Piloten und Tower-Mitarbeiter sind laut des Berichts teilweise zu "faul", um die unmissverständliche offizielle Fachsprache zu nutzen. Nicht nur weichen sie von Fachtermini ab und nutzen Alltagssprache - zum Beispiel sagen sie "yes" anstatt "affirm" - sondern viele Piloten springen sogar zwischen Englisch und ihrer Muttersprache hin und her. Die Wissenschaftler betonen, dass man diese sich einschleichenden Ungenauigkeiten nicht unterschätzen darf: "Sprachbezogene Fehlkommunikation hat mit Sicherheit das Potenzial, zu ernsthaften Problemen oder sogar Unfällen zu führen."

Wissenschaftler fordern härteres Durchgreifen

Das Team um Dr. Clark schlägt unter anderem vor, vermehrt Stichprobentests bei Piloten und Fluglotsen durchzuführen, um deren Englisch-Fertigkeiten zu prüfen. Mögliche Zwischenfälle, die auf mangelnde Sprachkenntnisse zurückzuführen sind, sollten zukünftig sofort untersucht werden und Täuschungsversuche bei Sprachtests hart bestraft werden. In dem Report wird klar Stellung bezogen: "Es sollte keinen Raum für mangelnde Sprachkenntnisse in der internationalen Luftfahrt geben."

Dabei handelt es sich jedoch lediglich um Empfehlungen. Es bleibt abzuwarten, wie die zuständigen Stellen mit den neuen Erkenntnissen umgehen. Ein CAA-Sprecher beteuerte, dass die Ergebnisse der Studie nun eingehend diskutiert würden und dass man gemeinsam mit der ICAO und der restlichen Luftfahrt-Industrie an Möglichkeiten arbeiten werde, die Sicherheit zu verbessern. 

Follow Me: Diese Ideen revolutionieren die Flugreise
Crystal Cabin Award 2017

Kategorie: Passenger Comfort Hardware

Mehr Beinfreiheit in der Economy Class verspricht der vom Sitzhersteller Recaro und Airbus umgesetzte Smart Cabin Reconfiguration: Durch Sitzschienen und hochklappbare Sitzflächen lassen sich bei weniger ausgelasteten Flügen die Dreierbanken mit wenigen Handgriffen nach hinten verschieben und bieten in den Reihen davor mehr Fußraum. "Mit dem Flexsitz haben die Airlines die Möglichkeit zum Upsale", sagt Stephan Arnold von Recaro im Gespräch mit dem stern. Fluggesellschaften verkaufen als Zusatzgeschäft noch kurz vor dem Start freie Sitzplätze mit mehr Beinfreiheit gegen einen Aufpreis. 



Wissenscommunity