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Erzwungene Landung in Belarus Unverantwortlicher Psychoterror: Ein Anschlag auf unsere Flugsicherheit

Belarus: Alexander Lukaschenko ist bereits seit rund 26 Jahren an der Macht
In Belarus gibt es seit der Präsidentenwahl am 9. August vergangenen Jahres Proteste und Streiks gegen Alexander Lukaschenko, der bereits seit rund 26 Jahren an der Macht ist
© Sergei Sheleg / DPA
Die erzwungene Landung der Ryanair-Maschine in Belarus ist nicht nur ein krimineller, völkerrechtswidriger Vorgang. Es ist ein Anschlag auf die hochsensible Psyche der Reisenden. Das wird Konsequenzen für die fragile Luftverkehrsbranche haben, meint Capital-Redakteurin Jenny von Zepelin. 
Von Jenny von Zepelin
Dieser Artikel erschien zuerst auf Capital.de.
Es ist eine entsetzliche Vorstellung: Da sitzen Menschen in einem Flugzeug, einige mit ihren Kindern, einige kommen aus dem gerade jetzt so sehnlich erwarteten Urlaub. Und dann kommt eine Durchsage aus dem Cockpit, dass die Maschine unerwartet zur Landung in Minsk ansetzen muss. Eine Erklärung dafür gibt es in dem Moment für die Reisenden nicht. Aber in Gedanken dürften viele Passagiere mögliche Szenarien durchgegangen sein: ein Krankheitsfall an Bord oder womöglich ein technisches Problem an der Maschine? Was geschieht da gerade? Wie bedrohlich ist die Lage? Wird die Maschine sicher landen? Sind wir in Lebensgefahr? Selbst aus der sicheren Entfernung sind solche Gedanken beklemmend. 

Unverantwortlicher Psychoterror des Diktators Lukaschenko

In so einer Situation denkt wohl erst mal kaum jemand darüber hinaus an eine Geiselnahme, an eine militärische oder politische Bedrohung. Dass ein MiG-29-Kampfjet diesen mit 171 Menschen vollbesetzten Ryanair-Flug FR4978 eskortiert hat, werden sie erst im Nachhinein erfahren haben. Auch, dass es angeblich eine Bombendrohung gegeben haben soll. Beim Landeanflug sind Krankenwagen und Feuerwehr auf dem Rollfeld zu sehen. Was für ein Schock für die Passagiere, für die Piloten im Cockpit, die Befehle aus dem belarussischen Tower ausführen müssen, für die Flugbegleiter, die stets Ruhe bewahren sollen. Das ist unverantwortlicher Psychoterror, den sich der unberechenbare Diktator Alexander Lukaschenko herausnimmt, um einen unliebsamen Oppositionellen zu bezwingen.

Für den 26-jährigen Blogger und Aktivisten Roman Protasewitsch und seine Freundin, die aus dem Flugzeug abgeführt und verhaftet wurden, ist dieser kriminelle Akt lebensbedrohlich. Die umgehenden politischen Reaktionen, die klare Verurteilung und Sanktionen sind wichtig und müssen weiter mit Nachdruck verfolgt werden. Beim EU-Sondergipfel ist in der Nacht bereits ein Sanktionspaket gegen Belarus auf den Weg gebracht worden. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte dazu beim EU-Sondergipfel: "Das Urteil war einstimmig, dies ist ein Angriff auf die Demokratie, dies ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und dies ist ein Angriff auf die europäische Souveränität." 

Belarus muss konsequent bestraft werden

Es ist auch ein Angriff auf unsere Flugsicherheit. Für den zivilen Luftverkehr ist dieses perfide Kapern einer Passagiermaschine nicht nur eine Verletzung des internationalen Luftverkehrsrechts, ein eklatanter Bruch des Völkerrechts. Es ist darüber hinaus eine willkürliche Gefahr der Luftverkehrssicherheit und ein sadistisches Spiel mit der Angst von Reisenden. Lukaschenko hat ein bislang undenkbares Gefährdungspotential auf die Risikomatrix der Luftverkehrsbranche platziert. Die Lufthansa hat das umgehend zu spüren bekommen, als sie gestern nach einer Bombendrohung für einen Flug von Minsk nach Frankfurt am Main alle 51 Passagiere und Fracht erneut prüfen mussten.

Das ist für eine Branche, deren oberste Maxime stets die höchste Sicherheit ist, ein dramatischer Rückschlag. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die monatelangen Reisebeschränkungen langsam gelockert werden und die schwer angeschlagenen Fluggesellschaften um das Vertrauen und die Rückkehr der Kunden werben, könnte es fataler kaum sein.

Auch deshalb muss das Regime in Belarus umgehend und konsequent von der internationalen Gemeinschaft bestraft werden, um potentialen Nachahmern diese Munition zu entziehen.

rw Capital

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