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Malibu: Wo Hollywood baden geht

Pierce Brosnan schlunzig am Nebentisch, Pam Anderson ungeschminkt im Supermarkt, Barbara Streisand im Gammellook - im kalifornischen Malibu lassen Promis uns an ihrem Alltag teilhaben.

Von Christine Kruttschnitt

Um es gleich ganz klar zu sagen: Vom Anblick hüpfender Delfine und des tiefblauen Pazifiks abgesehen, gibt es nicht viel, was die Einwohner von Malibu und Reisende dorthin gleichermaßen glücklich macht. "So schön warm hier, so viel Sonne!", rufen bleiche Familien aus Übersee beglückt, indes der Einheimische sorgenvolle Blicke weg vom Meer ins Bergige richtet. Die Santa Anas seien im Anmarsch, spricht er düster, jene Winde aus der Wüste, die durch die Canyons in Richtung Ozean fegen und mit spätsommerlicher Wärme Waldbrände und schlimmere Verwüstungen mit sich bringen.

"Kein Wölkchen am Himmel, endlich mal kein Nieselregen!", freuen sich die Bleichen aus Deutschland und legen eifrig Körperteile frei, während der gebräunte Mensch aus Malibu die große Trockenheit beklagt und dann gleich wieder mit Waldbränden anfängt, welche dadurch ja nur begünstigt würden - und in ihren Schrecken einzig übertroffen werden von Schlammlawinen, die der kleinste Regenguss von den abgefackelten Hügeln spült. "Aber der Strand, der wunderschöne Strand!", rufen trotzig die Bleichen und packen Frotteetücher aus. Da weist der Bewohner von Kaliforniens, wenn nicht Amerikas berühmtestem Badeort stumm auf einige Schilder im Sand, die weite Teile der lieblichen Gestade frech zum Privatgrundstück erklären. "Welcome to Malibu", lautet die übliche offizielle Begrüßung der 13.000-Seelen-Gemeinde nördlich von Los Angeles. Der inoffizielle Zusatz: "And now go home."

Bitte draußen bleiben

Um aber auch dies ganz klar zu sagen: Wer sich nach Südkalifornien begibt, ohne diesen 33 Kilometer langen und nur wenige Kilometer breiten Küstenort gesehen zu haben, verpasst das Paradies. So hat David Geffen, einer von Malibus bekanntesten und zickigsten Eingesessenen, seinen Wohnort einmal genannt. Der Musik- und Filmmogul kämpfte viele Jahre - und letztlich vergebens - dafür, dass Touristen und anderen Störenfrieden das Betreten des Strandes vor seiner Haustür verboten wird.

Sein Anwesen befindet sich am fast drei Kilometer langen "Carbon Beach", der den Beinamen "Billionaires' Beach" trägt und von ebensolchen bevölkert wird: Der Medien-Milliardär Haim Saban zum Beispiel besitzt hier ein Feriendomizil, der Software-Unternehmer Larry Ellison erstand gleich mehrere Häuser; dazwischen leben ein paar schlichte Millionäre wie die Schauspielerin Jennifer Aniston. Vom Pacific Coast Highway aus, jener Küstenstraße, die Malibu wie ein Baguette aufklappt in Sandseite und Bergseite, sehen deren Residenzen vollkommen schmucklos aus, Garagentor an Garagentor. Vom Strand aus aber - der nach kalifornischem Recht von Krethi und Plethi sehr wohl begehbar ist, wenngleich nur entlang der Wasserkante - bieten sich dem staunenden Auge architektonische Wunderwerke und Dollar-Paläste, wie sie nur Hollywoods berstende Ego-Kultur und ein wild gewordener Kapitalismus erschaffen können.

Geld und Glamour - jene beiden haben Malibu zu Malibu gemacht: zu Amerikas Riviera. Einst gehörte das Terrain einer einzigen Familie, die verbissen gegen die Erschließung ihrer Mega-Ranch durch die Eisenbahn protestierte. Den Bau jenes Highways, heute nur lässig PCH genannt, konnte sie nicht verhindern. Und weil die Rindge-Sippe durch ihre Prozesse verarmt war, wollte sie an der anrückenden Film- Schickeria aus Los Angeles verdienen: Sie vermietete und verkaufte Ende der 20er Jahre Ferienbungalows und Land an sie - dort, wo sich heute die "Colony" befindet, ein rund hundert Villen starkes, streng bewachtes Reichenviertel. Ihre Mieter haben Malibu nie wieder verlassen - die alte Geschichte: Hollywood entdeckt eine Schönheit vom Lande und macht einen Star aus ihr.

Und was für eine Schönheit: grandiose Buchten, weite Strände, wilde Berge voller Kojoten und roter Bussarde und Schlangen, Hänge voller Wein, bizarre Felsgebirge, die zum Kraxeln laden. Und was für ein Star: Jede Berühmtheit im Lande reißt sich darum, einen Zipfel jener Traumlandschaft zu ergattern, Teil zu werden dieser Hippie-, Surfer-, Künstler- und Snob-Kultur, die die Liebe zu See und Sonne eint. Hier bin ich Mensch - nicht Moviestar -, hier darf ich's sein: Malibu ist ein zauberhaftes Nest geblieben, trotz der Zäune, trotz der Wachmänner und "Betreten verboten"- Schilder, mit denen sich Hollywoods A-Liste Neugierige vom Leibe hält.

Entziehungs-Paradies

Ein Luxus-Nest und voller Widersprüche: Im Gebüsch parken - und zwar für immer - die nach Sand und Salzwasser miefenden Wohnmobile der Surf-Gurus, ein paar Meter weiter bauen zu Ehren und Millionen gekommene Schauspieler ihre Märchenschlösser. Malibu bietet mehr Betten in Entzugsanstalten als in Hotels, und die "Rehab-Center" selbst ähneln Luxus-Spas und sind prächtiger als alle Hotels, die sich Normalsterbliche leisten können.

Trotz all der Kulturschaffenden vor Ort hat die Gemeinde außer "Baywatch" keinen echten Exportschlager vorzuweisen; das braucht sie aber auch nicht, weil kaum ein Ort der Welt ihr in Sachen Körperkultur das Wasser reichen kann. Ein Mythos wurde hier schaumgeboren: Mit dem in Film, Buch und Fernsehen verewigten Surfer-Girl "Gidget" prägte Malibu in den 50er Jahren das Image der Kalifornier - immer junge Wesen von strotzender Gesundheit, Sonne im Herzen, Fun im Sinn, anzutreffen vorwiegend in Bademode.

"Humaliwo" nannten die indianischen Ureinwohner das idyllische Fleckchen - "wo die Brandung rauscht". Heute rauscht weit mehr: Täglich 53.000 Autos schlängeln sich durch Malibu, im Sommer noch mal 25.000 mehr. Es gibt nur wenige, simple Hotels, nur wenige, charmante Restaurants und Fischbuden. Superhippe Nachtklubs - Fehlanzeige. Glitzernde Geschäftszentren? Wozu denn? Der PCH führt vorbei an Läden voller Surfbedarf, Öko-Gemüse und Yoga-Matten, vor allem aber an flammenden Bougainvilleen, Palmen, Klippen, Villeneinfahrten.

Ein Dorf, aber in Hollywoodversion: In der kleinen Einkaufspassage, die noch am ehesten einem Stadtzentrum entspricht, blühen Boutiquen, in denen T-Shirts um die 100 Dollar und Jeans nur fürs Dreifache zu haben sind, und im Coffeeshop schnappt man Gespräche über Skripts "für Steven" und Wochenendeinspiel-Ergebnisse auf. In der Mitte befindet sich ein Spielplatz, auf dem teuer gekleidete Kinder schaukeln, und in einer eher dunklen Ecke das berühmteste Lokal am Ort, ein Japaner namens "Nobu", in dem zuverlässig Stars mit Stäbchen speisen.

Malibu ist das Entspannungsbecken der Prominenz: Hier geht Pamela Anderson ungeschminkt einkaufen, hier lässt sich die noch nie als uneitel beschriebene Barbra Streisand in zeltähnlichen Gewändern sehen, die, schwömmen sie im Wasser, Wal-Beobachtungsboote anlockten. Bei "Starbucks" schlürft man seinen Caffè Latte neben einem unrasierten Bermudahosenträger, der sich bei näherer Betrachtung als Pierce Brosnan herausstellt, schönster aller 007. Und am Strand präsentieren Kino-Beauties so gelöst Cellulitis, als wäre das Teleobjektiv noch nicht erfunden.

Ist es aber. Und um die lästigen Paparazzi in die Schranken zu weisen - die natürlich, angelockt von Malibus Schlunz-Effekt auf die Schönen, in Scharen anrücken -, veröffentlichte der Stadtrat jüngst eine Checkliste für genervte Stars und Bürger, ab wann die Polizei zu rufen sei. Autoverfolgungsjagden, Tumulte vor der "Nobu"-Tür - alles, was lauter ist als Brandung, hat in Malibu nichts verloren.

Immer größer, immer teurer

Der Frieden ist teuer erkauft: Selbst Mini-Parzellen am "Carbon Beach" kosten mehr als zehn Millionen Dollar; derzeit ist eine Immobilie für imposante 65 Millionen auf dem Markt. Mel Gibson, der einst trunken tönte "Mir gehört Malibu!" (worauf Scherzkekse das Ortsschild prompt in "Melibu" umpinselten), erstand jüngst für schlappe elfeinhalb Millionen das Heim von David Duchovny und Tea Leoni am "Carbon Beach"; seine mindestens vierte Villa am Ort. Und selbst wer sich in die noble Nachbarschaft nur einmieten möchte, muss tief in die Tasche greifen: Strandhäuser gingen diesen Sommer für bis zu 150.000 Dollar weg - im Monat.

"Was sollen diese riesigen Paläste?", schimpft Jefferson Wagner, ein gealterter Stuntman, der einen Surf-Shop beim Malibu-Pier betreibt und die bauliche Entwicklung hin zu Super-Malibu mit Ingrimm beobachtet. Wagner, genannt "Zuma Jay" wie auch sein bei Touristen hochbeliebter Laden, war mal Model für Ralph Lauren und Double für Clint Eastwood, hat Britney Spears das Wellenreiten beigebracht und ein Buch über Surfbrett-Wachs veröffentlicht; selbstverständlich sind die Filmrechte an seiner Biografie nach Hollywood verkauft. Der 54-Jährige fürchtet, dass das alte, idyllische Malibu im großen Meer der Geschäftigkeit untergeht.

Wo ist es denn, das Alte, Idyllische? Direkt am PCH zum Beispiel. In der legendären Fischbraterei "Neptune's Net" hängen jede Menge Typen herum, die auch vor 50 Jahren von nichts anderem träumten als der perfekten Welle. Direkt gegenüber am Ventura County Line Beach, wo Malibu endet, schaukeln sie auf ihren Brettern im Wasser. Das rustikale Lokal ist Boxenstopp der Biker; Arnold Schwarzenegger kam früher gern auf ein paar Shrimps vorbei, als er noch mit seiner Harley durch die Gegend fuhr.

Surfen ist kein Sport hier, sondern Religion. Alte tun es, Junge tun es, Beach-Boys und Bikini-Babes, Promis wie Cameron Diaz und Matthew McConaughey. In den Wintermonaten meint man Neopren in der Meeresbrise zu erschnuppern, wenn das Wasser zu kalt ist für die nackte Haut. Und manchmal riecht es richtig übel, dann sind die Sickergruben übergelaufen, und ungefilterte Abwässer schwappen in die Jagdgründe der Wellenjäger.

Eine eigene Welt

Tatsächlich: Die Millionenvillen der Prominenz sind an keine Kanalisation angeschlossen, die meisten verfügen nur über primitive Klärgruben. "Wahrscheinlich", sagt sarkastisch eine blonde Surferin, die jeden Tag zum "Surfrider Beach" nahe der "Colony" kommt, "muss man es als Ehre ansehen, in den Exkrementen von Barbra Streisand zu schwimmen."

Ein paar Strände weiter, am Zuma Beach, der in einer dramatischen und viel fotografierten Felsformation endet, steht ein Restaurant mit Namen "Sunset", das man zu genau dieser Zeit aufsuchen sollte. Wenn die Sonne den Pazifik streichelt und ganz nah am Ufer Pelikane fischen. Dann sieht man Tümmlerrücken durchs dämmerige Wasser sicheln und im Herbst an jedem Abend, schwört der Kellner, Wale auf dem Weg nach Mexiko. Man nehme also einen Drink. Ein paar frittierte Calamari dazu. Diese Wellen. Diese Farben. Diese Luft. Und Delfine - jetzt hüpfen, bitte. Wer braucht Hollywood?

Hier sind Promis inklusive

Übernachten:

Es gibt nicht viele Übernachtungsmöglichkeiten in Malibu (Vorwahl: 001 310), man kann aber auf die Hotels im nahe gelegenen Santa Monica ausweichen.

"Malibu Beach Inn"

Das teuerste Motel am Ort, direkt am Milliardärs-Beach, wurde gerade generalüberholt und im Oktober neu eröffnet. Trotz stolzer Preise - Zimmer ab 325 Dollar - sehr simple Anlage, dafür unbezahlbare Nachbarschaft. www.malibubeachinn.com, Tel.: 456 64 44

"Casa Larronde"

Bed & Breakfast am "Carbon Beach", John Travolta hat hier genächtigt, ehe er berühmt wurde und sich Boeings leisten konnte. Zimmer ab 200 Dollar, Tel.: 456 93 33

"Leo Carrillo State Park"

Campingplatz in der Nähe des Biker-Treffpunkts "Neptune's Net" am Nord- ausgang von Malibu. Von Kitesurfing bis Krabbenfischen wird alles geboten. 25 Dollar pro Nacht, ganzjährig geöffnet. www.reserveamerica.com

Essen & Trinken:

"The Sunset Restaurant"

Gelegen am prächtigen Zuma Beach; schönes Bar-Menü mit viel Fisch, noch schöner der Blick aufs lebende Meeresgetier. www. thesunsetrestaurant.com, Tel.: 589 10 07

"Taverna Tony"

Gelegen im "Malibu Country Mart", der kleinen Mall, jeden Abend voll. Griechische Küche, lockeres Ambiente, illustre Gäste - und gar nicht mal soooo teuer. Tel.: 317 96 67

"Nobu Malibu"

Exzellenter Ableger der in den USA berühmten Sushi-Restaurants von Nobu Matsuhisa. Teuer, aber jedes rohe Fischchen ist seinen Preis wert. Tel.: 317 91 40

"Geoffrey's Malibu"

Auch hier Spitzenblick, diesmal von einer Klippe aus. Leicht überschätzte Küche, aber wunderschöne tropische Anlage. Tel.: 457 15 19

"Paradise Cove"

Sehr idyllische, oft gefilmte Bucht mit Restaurant und Café; Detektiv Rockford stellte hier einst seinen Wohnwagen ab - Parken kostet hier heute ein kleines Vermögen. Tel.: 457 25 03

"Moonshadows Blue Lounge"

Aufreißer-Bar mit romantischem Meerblick; hier tankte vor zwei Jahren Mel Gibson, ehe ihn die Malibu-Sheriffs beim Rasen auf dem PCH ausbremsten. Tel.: 456 30 10

"Coogie's Beach Cafe"

Beliebter Kaffee-Stopp der Prominenz, wenn sie vom Einkaufen im benachbarten "Country Mart" ermüdet ist. Tel.: 317 14 44

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