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Memphis: Elvis? Lebt!

Graceland ist der zweitbeliebteste Wallfahrtsort in den USA. Bei all dem Trubel auf seinem Anwesen in Memphis wird der King wohl nie die ewige Ruhe finden.

Sein Grab ist immer noch ein Hit. Davor hebt die Welt die Digitalknipse. Elvis-Pilger aus New York oder Santa Fé, aus Moskau, Valparaíso, Kapstadt, Hamburg oder Birmingham, alle lichten sich vor dem Plätscherbrunnen ab, neben dem der King eben keine ewige Ruhe fand. Der Platz liegt unweit des Meditationsgartens, den Elvis, gegen Ende seines kurzen Lebens etwas esoterisch angehaucht, hatte anlegen lassen. Auf einer Tafel der Spruch: "Gott sah, dass er Ruhe brauchte, und holte ihn heim." Den hat Elvis' Vater Vernon verbrochen. Er starb zwei Jahre nach dem King und ist ebenfalls hier beigesetzt, wie seine Frau Gladys und die Großmutter Minnie Mae. Graceland liegt an einer dieser trostlosen Ausfallstraßen amerikanischer Großstädte. Doch das Grundstück mit der Elvis-Villa hinter dem schmiedeeisernen Tor, 1957 für 100 000 Dollar gekauft, ist ein hochkarätiger Wallfahrtsort. 700 000 Besucher kommen pro Jahr, an runden Elvis-Geburtstagen über eine Million - in den USA ist nur das Weiße Haus beliebter. Graceland entsprach exakt Elvis' Idee vom Reichsein. Wenn er im pinkfarbenen Cadillac Fleetwood Sedan vorfuhr und sein Hofstaat zur Begrüßung antrat, überfiel ihn manchmal die Fassungslosigkeit dessen, der seinen Erfolg im tiefsten Inneren nicht recht glauben mag. 23 Zimmer! Aber glücklich? Glücklich war er hier allenfalls in den Anfangsjahren. Am Ende hatte sich Graceland in eine von Schmarotzern und Speichelleckern bevölkerte, tiefgekühlte Vorhölle aus Langeweile und Pillengeschlucke verwandelt. Als Elvis, gerade mal 42 Jahre alt, am Morgen des 16. August 1977 auf den Fliesen seines Badezimmers mehr verreckte denn starb, zugedröhnt mit einem Cocktail aus Barbituraten, titelte das Lokalblatt "Memphis Press Scimitar": "A lonely life ends on Elvis Presley Boulevard." Niemand, der die Musik und die Zeit des Elvis Aaron Presley wirklich begreifen will, kommt um Graceland herum. Schon gar nicht um Memphis. Hier brach am 8. Juli 1954 die Rock'n'Roll-Revolution aus: als Elvis' Song "That's All Right" über den örtlichen Sender lief und die Jugend schüttelte wie ein Tornado.

Graceland ist perfekt organisiert. Am Ticket-Office auf der anderen Straßenseite geht es zu wie auf einem Flughafen, Taschenkontrollen inklusive. Jessie und Gina kommen aus New Orleans. Er Gelegenheitssänger, sie Friseuse. Ihr Elvis-T-Shirt spannt über der üppigen Vorderfront. "Seit ich sieben bin, liebe ich ihn", sagt Gina hingebungsvoll. Sie meint den King. Jessie ist nicht eifersüchtig. Er hat sich als junger Elvis zurechtgemacht. Steht ihm gut. Die beiden übernachten im hübsch dekorierten "Heartbreak Hotel" ein Stück die Straße hinunter. Eine Gelddruckmaschine, wie ganz Graceland. Die Vermarktungsrechte an der Popfigur Elvis hat seine Tochter und Alleinerbin Lisa Marie kürzlich versilbert. Wer es bunt und krass und schrill mag, total amihaft eben, für den ist Graceland der Himmel. Im Jungle Room sieht es aus wie im Tierpark Hagenbeck, im Pool Room wie in einer Halbweltkneipe, im Trophy Room steht allerhand Lametta rum, unter anderem das GoldlaméKostüm seines berühmten Hawaii-Auftrittes von 1973 mit dem breiten Gürtel zum Bauchspeckverstecken. Richtig geschmackvoll: der Living Room mit Piano. Der gelb-marineblau tapezierte TV Room mit seiner Batterie von Fernsehgeräten (ein Geschenk der Plattenfirma RCA anlässlich 50 Millionen verkaufter Scheiben 1960) imitiert Präsident Johnsons Fernsehzimmer, wo der sich ein Dutzend Programme gleichzeitig ansah. Nixon war Elvis-Fan, und umgekehrt. Der Präsident ließ dem King einen Ausweis der Drogenbehörde ausstellen - ausgerechnet ihm. Tütenleuchten, goldene Sofas, weiße, mit Kunstfell bezogene Betten, rote Flokatis, ein Glastisch, der von goldenen Meerjungfrauen getragen wird, eine Lampe mit einem Fuß aus Muscheln, abenteuerlich schlechte Ölschinken, die Elvis und seine Mutter zeigen. Elvis Geschmack war der eines typischen Herzland-Amerikaners. Sein Waffenfetischismus ebenfalls. Da sind .45er Automatik-Colts mit seinen Initialen auf den türkisfarbenen Schalen, schwere .357er Smith & Wesson-Revolver, ein Derringer, den seine Frau Priscilla im BH tragen sollte (was sie nie tat). Graceland war hoch gerüstet. Die Treppe zum ersten Stock, wo sein Schlafzimmer lag, ist für das Publikum gesperrt. Da oben ist er geendet, der größte Sänger aller Zeiten. Das arme Schwein.

Das Geld allerdings, es strömte wie der Mississippi. Elvis konnte gar nicht so viel verballern wie reinkam. Im Car Museum sind seine diversen Spielzeuge ausgestellt, wie der weiße Rolls-Royce Silver Cloud III, Motorräder, Golfcarts und Snowmobile - Elvis schrubbte wie ein hyperaktives Kind mit allem rum, was sich bewegte. Auf einem Areal neben dem Ticket Office steht die "Lisa Marie", seine vierstrahlige Convair 880. Damit flog er manchmal mit der ganzen Bande nach Denver, wo es die besten Peanutbutter-Sandwiches gab. Die Wasserhähne im Flieger sind vergoldet, 24 Karat. Elvis' Leben war bigger than life. Und zugleich smaller than life. Reichtum, Glamour und die Unfähigkeit zu leben, ganz dicht beisammen. So entstehen Mythen. Seine Wurzeln sind in Tupelo zu besichtigen, zwei Autostunden südwestlich von Memphis. Sein Vaterhäuschen, eine weiß getünchte Bretterbude mit zwei Zimmern, Eisengestellbett und gusseisernen Öfen. Der alte Presley verdient als Landarbeiter weniger als manche Schwarze. Zeitweise haust die Familie im Viertel der "Neger". Dort hört Elvis ihre Gospels und Spirituals von den Baumwollplantagen des Südens. Lernt singen, lernt Gitarre spielen. Später wird man sagen, er sei der erste Weiße gewesen, der wie ein Schwarzer singen konnte. Die Familie migriert ins boomende Memphis. Dort schleicht Elvis um die Sun Studios an der Union Avenue herum. Sun-Chef Sam Phillips produziert die heißeste Musik der Südstaaten. Irgendwann wird er auf Elvis aufmerksam. Und ab geht eine Rakete von Karriere. Die Sun Studios sind ein Muss für alle Elvisianer, für alle Blues- und Rockfans überhaupt. Das Label mit dem Hahn und der aufgehenden Sonne hat auch Ikonen wie Johnny Cash, Roy Orbison, B.B. King, Howlin' Wolf oder Carl Perkins hervorgebracht. Im abgewetzten Kneipen-Shop hängt das berühmteste Rockfoto aller Zeiten: das Million-Dollar-Quartett, 1956 aufgenommen bei Sun. Am Klavier Elvis the Pelvis, stehend singend "The Killer" Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Johnny Cash. Plakate werben für B.B.-King-Konzerte, bei denen ein Paar namens Ike & Tina Turner im Vorprogramm auftritt. Durch das kleine Studio im ersten Stock werden Besucher geführt, sobald sich ein Grüppchen angesammelt hat. Manche küssen den Boden, auf dem Idole wandelten. Wie einfach die Aufnahmeapparate der frühen fünfziger Jahre waren! Die großen chromblitzenden Mikros - mittlerweile wieder schwer in Mode. Einmal reinsingen, wo ER mit der Zunge drübergegangen ist!

Der King lebt, of course. Marc Cohn hat im Song "Walking in Memphis" beschrieben, wie Elvis einen verfolgt. In Memphis, wo jeder irgendeine Elvis-Story draufhat, jeder irgendeinen kennt, der Elvis noch gekannt haben will. Am touristischen Brennpunkt, der Musikmeile Beale Street, schwappt Rock und Blues und Soul aus ungezählten Läden, wie B.B. Kings Blues Club oder dem Blues City Cafe. In den Souvenirshops eine Orgie an Elvis-Devotionalien. Der King als Salzstreuer, Spardose, Wackelfigur fürs Auto. Kein Fan geht leer aus. "Die Wiege des Rock", so wirbt die Stadt Memphis, ist auch ein Hort wunderbar lebendiger Museen. Wie das Rock-'n'-Soul-Museum hinter der Beale Street, wo einem die Musik der Südstaaten und ihr Einfluss auf die Welt erst richtig klar wird. Wie das Mississippi River Museum auf einer Insel im Fluss, wo man alles über das Leben am Ol' Man River erfährt. Oder das Stax Museum, das die Entstehung des Soul reflektiert, auch eine Memphis-Kreation. Das Civil Rights Museum, das die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung darstellt. Es liegt im ehemaligen Lorraine Motel. Dort wurde 1968, als Elvis sein musikalisches Comeback feierte, ein anderer King ermordet, Vorname Martin Luther. Irgendwann kehrt man wieder nach Graceland zurück. Allein in den Andenkenläden der Umgebung kann man Stunden verbringen. Das Aufgebot von Memorabilia bewundern, in Elvis-Perücken und -Koteletten stöbern und den Geschichten der Fans lauschen, die nur zu gerne erzählen, was sie mit Elvis verbindet. "Am Todestag war ich hochschwanger", kräht eine Sue aus New Jersey durch den Verkaufsraum. "Ich lag auf dem Gang zum OP, als plötzlich Unruhe ausbrach. Alles stürzte in einen Raum, wo ein Fernseher lief. Mich und das Baby hätten sie beinahe vergessen." Gute Story. Der King hätte sicher gelacht.

Wolfgang Röhl / print

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