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New York: Aufschlag bei der Königin

Zum Tennisfinale der US Open blickt die Welt auf Queens. Doch Touristen nehmen den größten New Yorker Bezirk kaum wahr. Dabei haben Künstler das Einwanderer-Viertel schon längst entdeckt. Ein Streifzug durch die Stadt in der Stadt.

Von Ulrike Wirtz

Das Schauspiel lässt sich nur im Stadtteil Queens erleben, wenn sich abends im Westen der Himmel rot färbt und die Sonne hinter der Skyline von New York versinkt. Queens bietet für das Spektakel den nötigen Abstand und liegt wie Manhattan auf einer Insel. Beide sind durch den breiten East River getrennt und über die Queensboro Bridge miteinander verbunden.

Der Sonnenuntergang lässt sich in Queens von gleich mehreren Logenplätzen nah am Wasser beobachten: auf einer Bank im Gantry State Park, im Liegestuhl der Water Taxi Beach Bar mit künstlich angelegtem Sandstrand oder noch stilvoller beim Dinner auf der Terrasse des Restaurants Water Edge.

Gleich gegenüber am Ostufer Manhattans erhebt sich das gläserne Gebäude der Vereinten Nationen. In der Abendsonne schimmert die flaschengrüne Fassade. Links davon ragt die markante Art-déco-Spitze des Chrysler Building in die Höhe. Tagsüber glänzt das Hochhaus silbern, nachts wird das Obergeschoss rot angestrahlt. Weiter rechts springt ein einzelner Turm ins Auge. Das mit 90 Stockwerken höchste Wohngebäude New Yorks, das dem Immobilienunternehmer Donald Trump gehört. Vor dieser Kulisse glitzert der Fluss. Park, Beach Bar und Restaurant liegen nur wenige Gehminuten auseinander und sind in nur vier Minuten mit dem Wassertaxi von Manhattan aus oder mit der U-Bahn-Linie 7 ab Times Square zu erreichen.

Mit der U-Bahn auf Weltreise

Auf der Fahrt bis zur Endstation Flushing Meadows durchquert die Linie 7 den ganzen Stadtteil Queens. Rechts und links der meist oberirdischen Bahngleise leben Griechen neben Argentinier, Inder und Malayen. Es gibt jüdisch, italienisch und afro-amerikanisch geprägte Viertel. An den Schildern der Läden und Restaurants lässt sich ablesen, welche Einwanderernationen den Ton angeben. In der Flushing Main Street sind es Chinesen und Koreaner, die wie andere Nationalitäten auch hier ihre Eigentümlichkeiten pflegen, kulinarisch wie sprachlich. "Amerikanisch ist in Queens oft nur die zweite Sprache", so Tour-Guide Marc Preven, der sich auf Führungen abseits des glamourösen Manhattan spezialisiert hat.

Marc ist einer von 2,2 Millionen Bewohnern des mit 100 Quadratmeilen Fläche größten New Yorker Stadtbezirks. "In Queens leben und arbeiten das mittlere Bürgertum und die Arbeiterklasse. Alles ist zwar ein bisschen spießig, aber dafür geht es nicht so hektisch zu wie Manhattan", sagt Marc. Er wurde in Queens geboren und lebt seitdem hier. Fast die Hälfte der Bewohner sind Einwanderer. "Queens bringt es auf über 100 Nationen", so Marc.

Das breite ethnische Spektrum lässt sich gut an den Aktivitäten im Corona Park in Flushing Meadows ablesen. Hier befinden sich nicht nur die Tennisarena für das US Open und das Shea Stadium, wo die Baseball-Profis der New York Mets ihre Heimspiele absolvieren. Im weitläufigen Gelände mit seinen Bächen und Seen werden Hockey und Cricket gespielt. Beide Sportarten sind bei Amerikanern pakistanischer und indischer Herkunft besonders beliebt. Die kolumbianische Kolonie feiert jedes Jahr im Juli ihren Unabhängigkeitstag. Im August halten die Chinesen hier ihr Drachenboot-Festival ab, kurz danach die Latinos ihr Junta Hispanic Festival. Die Koreaner folgen im September mit ihrem Erntedankfest.

Die Chinatown in Queens konzentriert sich in Flushing rund um die 100. Straße. Bei der 90. Straße mischt sich die chinesische Welt mit den Einflüssen anderer asiatischer Nationen. So lässt sich an der Kreuzung von Elmhurst Avenue und 45. Avenue in dem Minirestaurant "Taste Good" hervorragend malaiisch essen. Ab der 80. Straße dominieren dagegen die Südamerikaner. An der Ecke zur Baxter Avenue duftet argentinisches Rindfleisch vom Holzkohlegrill. Kolumbianischen Kaffee und Torten servieren Cafés wie das "Botanica" auf der 82. Straße.

Häuserzeilen statt Wolkenkratzer

Richtung 74. Straße prägen Inder und Pakistani die Straßenzüge. Rund um die Roosevelt und 37. Avenue bieten die Läden den landestypischen 22-karätigen Goldschmuck feil, ebenso Kleider und Tücher made in India und DVDs mit Filmen aus Bollywood. An der 31. Straße wird es plötzlich europäisch. Hier leitet ein Zypriot namens Peter den Supermarkt. Sein Sortiment reicht von spanischen Oliven über belgisches Bier und deutscher Schokolade bis zu bulgarischem Käse.

Die architektonisch schmucken Viertel heißen Elmhurst und Jackson Heights. Selbst in den Einkaufstraßen beschränken sich die Häuser auf maximal vier Stockwerke. Charakteristisch sind die zum Teil denkmalgeschützten Wohnblocks aus grauem Sandstein in Jackson Heights. Sie enstanden in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, ebenso die kleineren englischen Stadthäuser mit eigenen Gärten.

Kaum bekannte Museen

Neben dem Entdeckungstouren durch Nachbarschaften und Nationen haben sich in Queens auch Anlaufpunkte für Musik- und Kunstinteressierte etabliert. Jazz-Fans finden im Rathaus von Flushings eine Dauerausstellung über Louis Armstrong und andere Musiker wie Ella Fitzgerald. Satchmo wohnte lange in Queens, sein Wohnhaus kann sogar seit 2003 besichtigt werden. Auch das Duo Simon and Garfunkel, berühmt für den Hit "Bridge Over Troubled Water", verbrachte die Kindheit in Queens.

Zwei Museen in Queens stehen längst auf dem Kalender kunstbeflissener New Yorker: Das Museum of the Moving Image in Astoria und das P.S.1, eine Dependance des Museums of Modern Art. Letztes fand in einer alten Mädchenschule an von Jackson und 46. Avenue Unterschlupf. Auf dem ehemaligen Schulhof steht jetzt ein ungewöhnlicher Nutzgarten als Gesamtkunstwerk namens "Public Farm One". Vom P.S.1 ist nur noch einen Katzensprung bis zum East River. Nach dem Rundgang durch Queens wird es Zeit für einen Drink in der Beach Bar. Bei gutem Wetter gibt es den spektakulären Sonnenuntergang kostenlos dazu.

Weitere Infos
Fremdenverkehrsamt New York: www.nycvisit.com
Queens-Touren: www.newroticnewyorkcitytours.com
Flushing Meadows Corona Park: www.nycgovparks.org
Festivalkalender: www.flushingtownhall.org
US Open: www.usopen.org
Louis Armstrong House: www.satchmo.net
Museum of the Moving Image: www.movingimage.us
P.S.1: www.ps1.org

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