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Angelique Kerber bei den US Open: Angie - noch ein deutscher Tennisstar

15 Jahre nach Steffi Graf steht mit Angelique Kerber wieder eine Deutsche im Halbfinale der US Open. Angelique wer? Eine Annäherung.

Von Klaus Bellstedt

Nach dem Matchball sank Angelique Kerber auf die Knie. Sie schlug die Hände vors Gesicht und sah dabei so aus, als könne sie das, was gerade Geschehen war, gar nicht fassen. Die 23-Jährige hatte soeben ihr Viertelfinalmatch beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres bei den US Open gegen die Italienerin Flavia Pennetta gewonnen. Erstmals seit Steffi Grafs letztem Semifinale in Flushing Meadows vor 15 Jahren steht damit wieder eine deutsche Tennisspielerin in der Runde der letzten Vier.

Und die heißt nicht Petkovic. Und nicht Lisicki. Auch nicht Görges. Sondern Angelique, genannt Angie, Kerber. Vor Beginn des Turniers wurde sie auf Position 92 der Weltrangliste geführt. Ihre größten Erfolge bisher: die Endspielteilnahme bei einem eher unbedeutenden Turnier in Bogotá 2010, dazu schaffte es die Linkshänderin vor ein paar Wochen ins Halbfinale von Dallas. Nur ganz wenige hatten die gebürtige Bremerin für die US Open, diesem extremsten aller Grand-Slam-Turniere, auf dem Zettel.

Andrea Petkovic gehörte dazu. Deutschlands zurzeit beste Tennisspielerin, in New York im Viertelfinale ausgeschieden, prophezeite vor Beginn der Veranstaltung einen Durchmarsch Kerbers. "Ich habe vor den US Open allen gesagt, dass sie sich in acht nehmen sollen - die Angie wird hier durchgehen." Petkovic wusste, wie hart Kerber in letzter Zeit gearbeitet hat.

"Fitness habe ich schleifen lassen"

Gemeinsam mit ihrer Teamkollegin aus dem deutschen FedCup-Team absolvierte "Petko" in der Akademie der beiden deutschen Tennisprofis Rainer Schüttler und Alex Waske in Offenbach eine vierwöchige Vorbereitung auf die Hartplatzsaison. Kerber, die in der Zeit auch ihre Ernährung umstellte, entschied sich ganz bewusst für den Drill in diesem von ihr selbst als "Bootcamp" bezeichneten Trainingszentrum. Denn was der Dame mit der krachenden beidhändigen Rückhand auf dem Weg in die Weltspitze schon immer gefehlt hatte, war die nötige Fitness - und die Disziplin.

"Ich muss zugeben, dass ich die Fitness öfter mal habe schleifen lassen", sagte Kerber nach ihrem Halbfinaleinzug bei den US Open, "es ist unglaublich, welchen Unterschied das jetzt ausmacht." Bei früheren Turnieren wirkte sie nie richtig austrainiert. Zehn bis 15 Kilo Übergewicht schleppte sie bis zum Frühjahr mit sich auf dem Platz herum. Davon ist nichts mehr zu sehen. Die körperlichen Voraussetzungen für das Durchstehen eines harten und langen Grand-Slam-Turniers sind bei Kerber jetzt gegeben.

"Das ist auf jeden Fall der Schlüssel. Letztes Jahr wäre ich nach der zweiten Runde fix und fertig gewesen. Wenn ich das Turnier vor einem Monat gespielt hätte, weiß ich nicht, wie es ausgegangen wäre", gestand Kerber nach ihrem Sensationserfolg gegen Pennetta, der sie jetzt schon in der Weltrangliste auf einen Platz unter die Top 40 der Welt katapultiert hat. "Angie kann jetzt endlich die langen Rallyes gehen", sagt Klaus Hofsäss, langjähriger Trainer und Berater von Steffi Graf, zu stern.de. "Das Damentennis ist heute anders als früher, als nach zwei, drei Ballwechseln gepunktet wurde. Fitness und Disziplin bringen Erfolg, das klingt platt, trifft aber gerade auf Kerber voll zu."

Hofsäss, der eine Tennis-Akademie in Marbella betreibt, kennt Kerber gut. Vor Jahren war sie wiederholt Gast bei ihm und trainierte mit den anderen deutschen Talenten Petkovic, Lisicki und Görges auf seiner Anlage. Der Ex-Coach von Boris Becker beschreibt die 23-Jährige "als ruhigen und introvertierten Menschen, der gut zuhören kann, nicht aufgibt, seinen Traum leben will und nach vorn schaut, nicht nach hinten".

Aber Hofsäss warnt auch: "Angie steht jetzt in einem Grand-Slam-Halbfinale. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sie mit dem Erfolg umgehen wird. Das kann entscheidend für den weiteren Verlauf ihrer Karriere sein. Denn natürlich kommen jetzt auch die falschen Berater aus ihren Löchern. Jeder will jetzt irgendwas von ihr und an ihren Siegen partizipieren."

Im Finale vielleicht gegen die Freundin

Wer Angelique Kerber nach ihrem Dreisatzerfolg gegen Pennetta zugehört hat, bekam nicht den Eindruck, als würde sie jetzt abheben. Die Bremerin, die in Kiel wohnt, ist weiter voll im Tunnel: "Zehn Minuten nach Spielende hatte ich schon 50 SMS und 60 E-Mails. Ich habe mein Handy ausgemacht, es war zu viel. Das lenkt nur ab." Schon war ihr Blick am Donnerstagabend kurz vor Mitternacht auf die nächste Gegnerin gerichtet. Am Samstag zur Primetime trifft sie im größten Tennisstadion der Welt auf die Australierin Samantha Stosur.

"Ich werde natürlich mein Bestes geben, das Turnier ist noch nicht vorbei. Ich werde rausgehen und es genießen. Ich habe nichts mehr zu verlieren", so Kerber, die ihre Sätze mit einer Mischung aus Jubel und Ungläubigkeit vortrug. Wer weiß, sollte die Deutsche weiter so positiv denken und gelingt es ihr auch gegen die French-Open-Finalistin von 2010 ihr aggressives Grundlinienspiel durchzuziehen, ist vielleicht sogar das Endspiel drin. Dort könnte es dann zum Aufeinandertreffen mit Carolione Wozniacki kommen. Und das wäre dann noch mal eine ganz andere Gesichte.

Mit der Weltranglisten-Ersten aus Dänemark, deren Eltern genau wie ihre aus Polen stammen, ist Kerber sehr eng verbunden, "weil wir uns von klein auf kennen". Im Juli feierte sie bei Wozniackis 21. Geburtstag mit, beide machten schon gemeinsam Urlaub auf Mauritius. Die beste Tennisspielerin der Welt, die einen ähnlichen Spielstil pflegt, sollte gewarnt sein. Die Erfolge haben Kerber selbstbewusst gemacht, die einstigen Zweifel sind verfolgen. Für sie ist jetzt alles möglich.

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