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Klettern im Oman: Adrenalin-Kick auf der Arabischen Halbinsel

Messerscharfe Klippen ragen im Norden des Sultanats Oman aus dem Meer. Die steilen Wände in den Fjorden sind ein Traum für Kletterer, die das Abenteuer suchen.

Von Mark Synnott

Die steile, 900 Meter hohe Klippe schimmert verlockend in der glühend heißen Mittagssonne. Alex ist begeistert. "Darf ich mich hier mal umsehen?", fragt er die Dorfbewohner. Wir stehen mit ein paar Fischern vor einer kleinen Moschee im Norden von Oman. Weiß getünchte Gebäude säumen den Kiesstrand. "Ganz wie Sie wollen", antwortet Taha Abdullah Saif Althouri.

Wir erklären den Fischern, dass wir professionelle Felskletterer sind und die Gegend erkunden wollen. Die in weiße und beige Dischdaschas gekleideten Männer rauchen Pfeife und nicken. Die bergige Halbinsel, die ihre Heimat ist, bildet ein Labyrinth aus Buchten und Fjorden, sogenannten Khors. Wenige Kletterer haben die steilen Kalksteinklippen bisher bestiegen.

Wir sind zu sechst, darunter Alex Honnold und Hazel Findlay - zwei der besten Kletterer der Welt. Alex ist 28 und kommt aus Kalifornien. Er sorgte erstmals 2008 für Schlagzeilen, als er im Yosemite-Nationalpark die 600 Meter hohe Nordwestwand des Half Dome ohne Seil durchstieg. Hazel, 24, stammt aus Wales und meisterte 2011 als erste britische Freeclimberin die 900 Meter hohe Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark.

Ein Segelboot dient als Basislager

Ich klettere seit 28 Jahren, aber noch nie habe ich so märchenhafte Felsformationen gesehen. An manchen Stellen steigt die Küste senkrecht wie eine messerscharfe Flosse aus dem Meer. Die Klippen sind hervorragend für das sogenannte Deep Water Soloing geeignet. Ungesichert und ohne Hilfsmittel steigen die Kletterer so hoch es geht und lassen sich dann einfach ins Wasser fallen.

Wir haben einen 13,5 Meter langen Katamaran als mobiles Basislager gemietet. Wir wollen mit dem Boot nach As Salamah fahren, auf eine unbewohnte Insel in der Straße von Hormus.

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Insel. Es stellt sich heraus, dass As Salamah nur ein riesiger, aus dem Meer aufragender Felsen ist und dass es keinen Ankerplatz gibt. Wir holen die Segel ein und steuern den Katamaran mithilfe der beiden Motoren wieder hinaus aufs Meer, um dort vor Anker zu gehen.

Unter ihm glänzt die Wasseroberfläche

Alex und Hazel verlieren keine Zeit. Sie binden ihre Kletterschuhe zu, springen vom Boot ins Wasser und schwimmen zu einer Klippe, aus der das Meer eine fünf Meter hohe Höhle gefräst hat. Kurz darauf klebt Alex schon im Überhang und hangelt sich an winzigen Griffen einen dunkelgrauen Kalksteinvorsprung entlang. Seine Muskeln spannen sich, die Gesetze der Schwerkraft scheinen für ihn nicht zu gelten.

Als er den Rand der Höhlendecke erreicht hat, kann Alex seinen rechten Fuß an einem schräg abfallenden Vorsprung fixieren. Er zieht sich an einem Arm hoch und sucht blind mit der anderen Hand über dem Rand nach einer winzigen Spalte, in die er die Finger klemmen kann. Aber hier kommt er nicht weiter. Er blickt hinunter, acht Meter unter ihm glänzt die Wasseroberfläche. Unter anderen Umständen könnte ein Sturz für einen Free-Solo-Kletterer wie Alex tödliche Folgen haben. Seine Arme geben schon nach, doch sein Ehrgeiz ist stärker.

"Los, Alex!", feuert Hazel ihn an. Mit einem Ächzen zieht er sich über den Rand, aber seine Beine schwingen zu weit nach außen. Er lässt los und springt ins Wasser. Als er wieder auftaucht, ist er sauer. "Ich springe nicht gern ab", sagt er und schwimmt zur Felswand zurück, um die Route gleich noch einmal zu versuchen.

Richtung Osten zum "Löwenmaul"

Wir legen für die Nacht in Kumzar an. In dem Dorf am Nordrand der Halbinsel leben 2000 Menschen in einer der ältesten Siedlungen der Region. Ihre Häuser drängen sich am Fuß einer steilen, von Felswänden umschlossenen Schlucht.

Von Kumzar segeln wir Richtung Osten zum Fakk al-Asad, dem "Löwenmaul". Die Meerenge wird wegen ihrer roten und orangefarbenen Kalksteinsäulen so genannt, die an Reißzähne erinnern und an der Einfahrt aus den Felsvorsprüngen ragen.

Als wir den nächsten Tag besprechen, schlage ich vor, dass wir Seile und andere Sicherheitsausrüstung mitnehmen. Hazel und Alex spötteln, für sie sei es nur eine bessere Wanderung. Ich halte mich für einen jugendlichen 44-Jährigen, aber ich komme mir alt vor, wenn ich mit den beiden mithalten will.