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Unter Segeln mit der "Sea Cloud II": Immer sanft am Wind

Eine Kreuzfahrt wie auf einer Privatyacht: Seit mehr als zehn Jahren steuert die "Sea Cloud II" auf nostalgischem Kurs. Autor Ludwig Moos ist auf dem Windjammer mitgesegelt.

Die Lady hatte einen Spleen. Und es fehlte ihr nicht an den nötigen Mitteln. Majorie Merriweather Post, Erbin eines Vermögens aus Frühstücksflocken, suchte eine Segelyacht mit angemessenem Komfort. Sie fand eine auf der Germania Werft in Kiel 1931 gebaute Bark mit vier Masten und dreißig Segeln, deren stählerner Rumpf von 109 Metern Länge genügend Raum bot. Für sich, ihren Mann und zwölf Gäste ließ sie acht Suiten standesgemäß einrichten, mit dem vertrauten Angebot an Antiquitäten, Kaminen, edlen Hölzern, schweren Teppichen, graviertem Kristall, Marmor und vergoldeten Schwänen als Wasserspendern in den Bädern.

Zwanzig Jahre lang durften Frau Post und ihre Celebrities sich auf der legendären "Diva der Meere", der größten Privatyacht aller Zeiten, von einer sechzigköpfigen Crew verwöhnen lassen, dann musste das Schiff als Absteige für ein dominikanisches Diktatorensohn herhalten und rottete schließlich in Panama vor sich hin. Hanseatische Kaufleute retteten es vor dem Abwracken. Seit 1994 nimmt die "Sea Cloud" in altem Glanz und mit neuem Komfort bis zu 64 zahlende Gäste zu Fahrten in die Karibik oder das Mittelmeer an Bord. Wer sich ganz auf eine Zeitreise begeben möchte, kann eine der acht Originalkabinen buchen.

Bei allem Sinn für die Romantik der Großsegler hat sich der neue Eigner, der Hamburger Reeder Hermann Ebel, das ökonomische Kalkül bewahrt. Da es nicht lohnt, für ein Kreuzfahrtschiff allein eine spezielle Logistik zu unterhalten, ergänzte er seine Sea Cloud Cruises 2001 um die "Sea Cloud II".

Goldener Seeadler am Bug

Vom Bugspriet mit dem goldfarbenen Seeadler bis zum hochgezogenen Heck nimmt der neue Rahsegler von der Werft Astilleros Gondan im asturischen Figueras die Linie der klassischen "Sea Cloud" auf. Allerdings macht die jüngere Schwester mit ihrem voluminöseren Rumpf und der geringeren Segelfläche schon Zugeständnisse an einen besseren Nutzungsgrad. In ihren zwei Owner-Suiten, den 16 Juniorsuiten und den 29 Außenkabinen finden 94 Passagiere Platz.

Ein vergoldeter Seeadler als Galionsfigur: die "Sea Cloud II" im Hafen.

Ein vergoldeter Seeadler als Galionsfigur: die "Sea Cloud II" im Hafen.

Auch der Materialauftrag in der Lounge, dem Restaurant und den Kabinen ist etwas leichter ausgefallen, doch haben sich die Innenausstatter des spanischen Kaufhauskonzerns El Corte Ingles redlich Mühe gegeben, das luxuriöse Vorbild zu beschwören. Selbst die Kamine fehlen nicht, die mit ihrem elektrifizierten Feuer die Suiten illuminieren.

Klar Schiff

Alle Fahrten haben ein Thema, denn unterwegs zu sein wäre allein wohl doch zuviel an Entspannung. So lockt auf der Strecke von Portsmouth nach Bremen der Besuch in den Gärten der britischen Riviera, wartet zwischen Kopenhagen und Edinburgh die Welt des Whiskys und das schottische Burgenland oder wollen auf der Golf-Trophy von Cadiz nach Las Palmas fünf Premium-Plätze bespielt werden.

So bleibt der Mannschaft in den Häfen Zeit genug, sich um das Schiff zu kümmern. Kein Fleckchen Rost am Rumpf, kein stumpfes Messingteil, kein schadhafter Lack an den hölzernen Decksaufbauten entgeht ihrer Aufmerksamkeit. Die meisten der Männer, die Hand anlegen, sind Filipinos, Söhne der größten seefahrenden Nation. Ein Jahr lang sind sie unterwegs, dann dürfen sie für drei Monate nachhause.

Schlafen unter einem Baldachin: in der Owner Suite auf dem Lidodeck.

Schlafen unter einem Baldachin: in der Owner Suite auf dem Lidodeck.

Der Rest der sechzigköpfigen Crew hat schon nach einem halben Jahr Urlaub. In der Hierarchie ziemlich weit oben, gleich unter dem Kapitän, rangiert der Hotelmanager, der wie der Erste Offizier und der Erste Ingenieur dreieinhalb Litzen blitzen lässt. Die "Sea Cloud II" hat eben Gäste zu verwöhnen.

Die Meister der Mahlzeiten

Die Meister der Mahlzeiten

Wenig Ablenkung, viel Meer

Ein üppiges Frühstück und drei Mahlzeiten am Tag tragen dazu bei. Wann immer möglich, kaufen die Köche auf lokalen Märkten ein, in der Karibik liefern mitunter die Fischer ihren Fang direkt an. Meist aber sorgen spezialisierte Caterer dafür, dass es vom Hummerwürstchen bis zum Langustenschwanz an nichts mangelt.

Das Leben an Bord geht einen gemächlichen Gang. Kein Vergleich mit jenen Kreuzfahrtmonstern, auf denen 4000 Erlebnishungrige nach allen Regeln der in Las Vegas ersonnenen Künste unterhalten sein wollen. Die Bibliothek, eine Boutique mit bordgerechter Kleidung und kleinen Souvenirs, die Sauna und der Fitnessraum - das war es schon fast an Ablenkung. Wäre da nicht noch die Wassersportplattform, die beim Ankern vor malerischen Buchten aus der Bordwand ausgefahren werden kann.

Ein Hauch von Windjammer

Die "Sea Cloud II" ist geschaffen für den Müßiggang. Zum Wegträumen über das Wasser, zum Plaudern mit Gleichgesinnten, zum stillen Lesen. Die hochmoderne Schiffstechnik tut das Ihre zum störungsfreien Ablauf. Auf der Brücke haben die Sicherheitsstandards und Navigationshilfen der Luftfahrt Einzug gehalten, samt Autopilot, Abstandswarner und Black Box.

Früher Kommandant der "Gorch Fock", jetzt auf der Brücke der "Sea Cloud II": Kapitän Immo von Schnurbein.

Früher Kommandant der "Gorch Fock", jetzt auf der Brücke der "Sea Cloud II": Kapitän Immo von Schnurbein.

Wann immer das Wetter und der Fahrplan es erlauben, lässt die "Sea Cloud II" bei Tag die Segel schwellen. Schließlich haben ihre Kapitäne auf den großen Segelschulschiffen gelernt. Meist klettern die Matrosen morgens zwischen Neun und Zehn in die Wanten, acht Stunden später holen sie das Tuch wieder ein.

Matrosen in den Wanten

Um aus der "Sea Cloud II" " ein Segelschiff zu machen, war fast wie beim Airbus quer durch Europa das Know-how von Experten gefragt. Während auf der spanischen Werft die Stahlröhren der drei Masten aus dem Rumpf wuchsen, wurden in Polen die 24 Segel genäht, und bei der Navicom in Wolgast fertigten Boots- und Schiffsbauer, Schweißer, Dreher und Schlosser das gesamte stehende und laufende Gut, die Takelage aus rund zwanzig Kilometern Tauen, Stahldrähten und Kunststoffseilen.

Bei allen Zugeständnissen der "Sea Cloud II" an moderne Technik und gehobenen Geschmack - zwischen den Decksplanken und den Mastspitzen ist sie von makelloser Gestalt. Jedes Detail hat eine funktionale Schönheit, in der die Erfahrung von Jahrhunderten aufgehoben ist. Was sie als Segler zu leisten vermag, kann die Dreimastbark kaum beweisen, denn auf den Kreuzfahrten liegt sie eher sanft am Wind. Wer wirklich eintauchen will in die Zeit der Teerjacken, muss auf Windjammern wie der "Kruzenshtern" anheuern, die neben dem Marinenachwuchs auch zahlende Trainees an Bord nimmt.

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