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Reinhold Messner: Der Gipfel der Überheblichkeit

1978 gelang Reinhold Messner die erste Besteigung ohne Sauerstoffmaske, 1980 folgte die erste Alleinbegehung. stern.de sprach mit ihm über den Polit-Zirkus auf dem Dach der Welt und Parallelen zu den Olympischen Spielen 1936.

Was fiel Ihnen als Erstes ein, als Sie vom Plan eines Fackellaufs auf den Mount Everest hörten?

Ich hatte gleich aus mehreren Gründen Bedenken. Erstens ist Bergsteigen keine olympische Disziplin. Man kann natürlich aus dem Sportklettern, das in der Halle stattfindet, eine olympische Disziplin machen, aber nicht am Mount Everest, wo Tourismus oder Abenteuer stattfinden. Zweitens sieht die einheimische Kultur im Mount Everest einen Tanzplatz der Götter. Die Einheimischen würden auf dem Gipfel niederknien und ein Dankesgebet an die Götter schicken, aber dort oben nie eine Fahne schwingen oder eine Fackel in die Luft halten.

Wie interpretieren Sie diese Etappe des Fackellaufs?

Die Chinesen zeigen damit ihre Überheblichkeit gegenüber der tibetischen Kultur. Es ist ja nicht notwendig, dass ich mit der Fackel irgendeine Variante mache. Im Ruhrgebiet hat man die Fackel auch nicht durch Bergwerksstollen geführt. Die Fackel soll ja ein Symbol für das Zusammenkommen der Sportler, Völker und der ganzen Welt sein.

Ist da Großenwahn mit im Spiel?

Das Ganze ist eine Show der Überlegenheit über den Rest der Welt. Man will diesen Fackellauf, der übrigens 1936 erfunden wurde, jetzt am Everest zu einem absoluten Höhepunkt führen. Wie 1936 soll er nur die Überlegenheit eines Systems zeigen.

Wird der Olympia-Fackel auf dem Everest die Luft ausgehen, weil es in 8848 Metern Höhe nicht genügend Sauerstoff gibt?

Eine Pechfackel oder einen Span auf dem Gipfel des Everest brennen zu lassen, ist nicht möglich. Der Wind bläst alles aus. Auch gibt es viel zu wenig Sauerstoff. Aber man kann eine Fackel konstruieren, die nicht nur über eine Energiequelle, sondern auch über eine Sauerstoffquelle verfügt. Die Chinesen werden so ein Hightech-Gerät vorbereitet haben. Für Leute, die ins Weltall fliegen, ist das kein Problem.

Wo befindet sich gerade die Fackel-Expedition?

Die sind jetzt im vorgeschobenen Basislager in 6500 Meter Höhe. Bis dorthin kann man auf einem Gehweg spazieren, auch die Yaks für den Lastentransport. Dann beginnt die eigentliche Kletterei. In zwei bis drei Tagen können die Chinesen auf einer präparierten Piste bis zum Gipfel steigen. Aber alles hängt immer noch vom Wetter ab. Beim Everest braucht man Wetterbedingungen, die den Aufstieg einigermaßen garantieren.

Ist die Nordroute aus Tibet schwieriger als die klassische Südroute von Nepal aus?

Der untere Teil der Südroute ist viel schwieriger, weil der Weg durch den Khumbu-Eisbruch führt. Aber im oberen Teil der Nordroute gibt es bei 8600 Metern die entscheidende Passage. Diese 30 Meter hohe senkrechte Wand ist inzwischen mit Leitern versehen. Sie steigen da hinauf wie auf ihren Speicher.

Droht dem Berg nach einer Kommerzialisierung durch Expeditionen nun eine Vereinnahmung durch die Politik?

Auf der Südroute, auf nepalesischem Hoheitsgebiet, haben die Chinesen durchgesetzt, dass die nepalesische Polizei alle Bergsteiger in 6500 Metern Höhe mit Maschinengewehren zurückhält. Am Gipfel darf niemand sein, wenn die Chinesen ihre Flagge und ihre Fackel in die Luft halten.

Sind im Monat Mai nicht besonders viele Kletterer unterwegs?

Im Moment warten Hunderte von Bergsteigern, die 60.000 bis 70.000 Dollar für eine Besteigung bezahlt haben. Auf beiden Seiten darf niemand höher als 6500 Meter steigen. Alle müssen jetzt warten, bis oben der Zauber abgebrannt ist. Erst dann dürfen sie hinauf. Und die Bergsteiger lassen sich das einfach gefallen, sie fordern nicht einmal von China oder Nepal ihr Geld zurück.

Welchen Rat geben Sie als Bergsteiger und Politiker der chinesischen Regierung?

Der Dalai Lama hat immer gesagt, er wünscht sich nur eine Autonomie für Tibet. Die heißt, die Kultur, die Religion und die Lebenshaltung der Tibeter muss respektiert werden. Das Gleiche sage ich auch. Nur freue ich mich nicht, wenn irgendwelche Tibeter irgendwo mit erhobener Faust und radikalen Parolen auftreten. Im dritten Jahrtausend sollte das Wort unsere Waffe sein. Die tibetische Kultur ist nicht nur ein Erbe der Chinesen und der Tibeter, sondern ein Erbe der Menschheit. Diese einmalige Kultur entstand hoch oben zwischen den Bergen und ist dort lebendig. Wir alle tragen eine Mitverantwortung, dass sie nicht untergeht. Dafür braucht es in Tibet nur eine Autonomie.

Sie selbst sind in einer autonomen Region groß geworden?

Ich bin ein Autonomiekind. Wir Südtiroler haben zwischen 1957 und 1991 unsere Autonomie zwischen Rom und Bozen festgeschrieben und sind heute eine erfolgreiches Gebiet. Südtirol ist befriedet, wir sind Europäer und sitzen nicht mehr zwischen den Stühlen. Wir sind heute ein Kleinod in Mitteleuropa zwischen dem deutschen Norden und dem italienischen Süden. Hätten wir keine Autonomie erlangt, dann würden wie in Ex-Jugoslawien die Fetzen fliegen.

Machen die weltweiten Proteste beim Fackellauf auch Mut?

Ich freue mich, dass der Fackellauf eine Art Sympathiekundgebung für die Tibeter geworden ist. Vielleicht wird das auch für Olympia zutreffen. Das spricht für die demokratische Welt. Überall, wo es erlaubt war, sind Menschen auf die Straße gegangen und haben für Tibet das Wort erhoben. Das soll auch weiter so bleiben.

Interview: Till Bartels

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