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Unterwasserparks der USA Wo der Mensch verbannt ist

Am Seeberg Cortes Bank vor San Diego lauert ein Seelöwe unter einer Tanginsel Fischen auf. Das Revier ist eine Schatzkammer der Artenvielfalt.
Am Seeberg Cortes Bank vor San Diego lauert ein Seelöwe unter einer Tanginsel Fischen auf. Das Revier ist eine Schatzkammer der Artenvielfalt.
© Brian Skerry/National Geographic
Fast drei Millionen Quadratkilometer Ozean hat US-Präsident Barack Obama in seiner Amtszeit noch schnell unter Schutz gestellt. Das kann ihn zu einem der wichtigsten Umweltschützer machen.
Von Cynthia Barnett
Cashes Ledge ist der höchste Unterwasserberg im Golf von Maine – und eine Freude für Meeresbewohner. Über seinen Granitkämmen und Böschungen spülen die Gezeiten warmes, planktonreiches Oberflächenwasser in die Tiefe. Dank der internen Wellen, die zwischen zwei Wasserschichten entstehen, gibt es überall reichlich zu schlemmen: für die Grundfische am Meeresboden, die Wale, Heringe und Seevögel an der Oberfläche und auch für die Fische dazwischen.
Doch das Naturwunder ist bedroht, etwa durch Überfischung, Verschmutzung und die Folgen des Klimawandels, die sich immer stärker bemerkbar machen. Ziel der Wissenschaftler ist eine ganze Kette von Meeresschutzgebieten.

Schutzgebiete seit 1906

US-Präsident Theodore Roosevelt führte 1906 mit dem Antiquities Act ein Gesetzgebungsverfahren ein, das es bis heute seinen Nachfolgern ermöglicht, öffentliche Gebiete von historischer oder wissenschaftlicher Bedeutung zum Naturerbe zu erklären. Seitdem sind in den USA auch mehr als 1200 marine Schutzzonen entstanden.
Doch den rapiden Abbau der Meeresflora und –fauna hält das nicht auf, sagt Robin Kundis Craig, Juraprofessorin an der Universität von Utah und Ozeanspezialistin. Denn in den meisten geschützten Gewässern sind Fischfang oder andere Ressourcengewinnung in gewissem Umfang erlaubt. Eine Ausnahme sind die zwei Gebiete in der Arktis und im Atlantik, die US-Präsident Barack Obama unmittelbar vor Ende seiner Amtszeit im Dezember zur Schutzzone erklärte.

Das erste Meeresschutzgebiet vor der Ostküste

Erst kurz zuvor, im Spätsommer 2016, hatte Obama den Antiquities Act genutzt, um zwei Meeresgebiete als Naturerbe auszuweisen. Zunächst erweiterte er das Papahanaumokuakea Marine National Monument im Nordwesten von Hawaii um das Vierfache auf über 1,5 Millionen Quadratkilometer. Blauwale, Hawaii-Mönchsrobben und Spitzenräuber wie Thunfische und Haie finden hier Zuflucht.
Drei Wochen später deklarierte Obama das erste Meeresschutzgebiet vor der Ostküste der USA: Northeast Canyons and Seamounts, gelegen etwa 210 Kilometer südöstlich von Cape Cod und gut 12.700 Quadratkilometer groß.
Kalifornischer Adlerrochen
Ein Kalifornischer Adlerrochen schwebt entlang des Kamms der Cortes Bank durch die leuchtenden Gärten voller Seegras und goldenem Riesentang. Seine Standard­kost, Mollusken und Würmer, stöbert er mit der Schnauze in Gras und Sand auf.
© Brian Skerry/National Geographic
Der Klimawandel verschärft die Folgen von Umweltverschmutzung und Überfischung. Die Veränderungen vollziehen sich im Verborgenen, ihre Auswirkungen sind dafür umso deutlicher zu spüren. Seit 2014 erleben wir die umfassendste bisher bekannte Korallenbleiche, ausgelöst durch Ozeanerwärmung aufgrund von Treibhausgasen, erklärt Dr. Mark Eakin, Meeresforscher an der US-Behörde für Ozeane und Atmosphäre NOAA. Doch jetzt gibt es Anlass zur Hoffnung: Forscher finden immer mehr Hinweise, dass ausreichend große Schutzgebiete die Ozeane widerstandsfähiger gegen den Klimawandel machen.
Den besten Beweis dafür liefert ein Naturdenkmal, das 1961 von Präsident John F. Kennedy ausgewiesen wurde: Buck Island Reef, gelegen vor der Amerikanischen Jungferninsel St. Croix.
Etwa ein Drittel des knapp 3,6 Quadratkilometer großen Naturdenkmals wurde als "No-Take-Zone" ohne Fischfang ausgewiesen. Doch das war zu wenig. Während der 1990er-Jahre wurden die Fischbestände um die Insel durch Hunderte Netze so stark dezimiert, dass schließlich Präsident Clinton einschritt und den Naturpark auf fast 77 Quadratkilometer erweiterte.

Die Widerstandskraft der Elchgeweihkorallen

Extensiver Fischfang ist nicht die einzige Bedrohung für Buck Island. In den 1980er-Jahren brach die tödliche Weißbandkrankheit bei den Elchgeweihkorallen aus, die das Wahrzeichen der Insel sind. Nur fünf Prozent der Elchgeweihkorallen blieben verschont. "Ich kam mir damals vor wie ein Mediziner, der nur noch den Tod feststellen kann", berichtet Robert Steneck, Ozeanograf an der University of Maine, der seit Jahrzehnten zu Buck Island forscht.
Kalifornischer Zahnlippfisch
Auf Futtersuche streifen ein Kalifornischer Zahnlippfisch und weitere Fische durch Tangwald und vorbei an Kalkalgen. Der Unterwasserberg leitet nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche – eine fruchtbare Oase entsteht.
© Brian Skerry/National Geographic
2014 kehrte Steneck für eine Bestandsaufnahme der Korallenriffe zurück. Wie erwartet waren die riesigen Korallenhaufen an der Nordseite immer noch leblos – als würde man durch einen versteinerten Wald tauchen. Aber im Süden erlebte er eine Überraschung: junge Elchgeweihkorallen, die gesündesten, die er an den 52 Untersuchungspunkten seiner Studie vorgefunden hatte. Auf 30 Prozent des südlichen Riffs wuchsen lebende Korallen, im Vergleich zu durchschnittlich 18,5 Prozent in der Ostkaribik insgesamt. Stenecks Befund: Vor Buck Island werden Algen und Tang, die sonst das Wachstum der Korallen hemmen, von Papageifischen, Blauen Doktorfischen und anderen weggefressen.
Können Meeresschutzgebiete wie Buck Island zur Erholung des gesamten Ozeans beitragen? Auf Buck Island erforscht man nun die erstaunliche Widerstandskraft der Elchgeweihkorallen und die Möglichkeit, ganze Korallenkolonien auf kranke Riffe zu transplantieren. Möglicherweise kehren eines Tages auch Haie und Zackenbarsche zurück in ihr altes Revier, genauso wie der Kabeljau. Verglichen mit der Zeit, als die USA noch Kolonie waren, hat der Golf von Maine geschätzte 99 Prozent seines Kabeljaubestandes eingebüßt. Mehr Gebiete, in denen der Fischfang verboten wird, könnten die Rettung für die Unterwasserwelt sein.  
Aus dem Englischen von Ina Pfitzner

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