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Imagewandel: Vom Spinner zum Trendsetter

Galten Jogger vor einigen Jahren noch als Spinner, ist ihre Sportart heute auf dem Weg zum Massensport. Fast jeder vierte Deutsche läuft regelmäßig!

Man trifft sie immer häufiger in Fußgängerzonen, am Straßenrand, in Parks oder am Strand, in kleinen Grüppchen oder alleine und in fast jedem Alter: Jogger, Walker oder ambitionierte Marathonläufer. Der Laufsport ist in Deutschland auf dem Weg zum Massensport. In nur fünf Jahren hat die Zahl der Menschen, die gelegentlich oder häufig laufen, zwischen Kiel und Bodensee um 2,5 Millionen auf gut 16 Millionen im Jahr 2002 zugenommen. Eine neue Dokumentation des Stuttgarter Verlags Motor Presse mit aktuellen Statistiken und Marktforschungsstudien mit dem Titel «Laufen in Deutschland 2003» zeigt: Fast jeder vierte Deutsche im Alter über 14 Jahren läuft.Die wachsende Begeisterung für den Laufsport hat nach Ansicht des Lauftrainers Herbert Steffny ihre Ursache in einem völlig geänderten gesellschaftlichen Stellenwert dieser Bewegungsform. «Das ist der Gegentrend zum Nichtstun», sagte der 13-fache Deutsche Meister über verschiedene Langstreckendistanzen in einem dpa-Gespräch. Seit Jahren leitet der Ex-Spitzensportler Lauf- und Ausdauerfitness-Seminare, schreibt Bücher und ist unter anderem persönlicher Trainer von Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Prominente Vorbilder wie er dürften zum Aufschwung der neuen Laufbewegung beigetragen haben. Der Politiker hatte 1996 mit dem Laufen begonnen, seine Ernährungs- und Lebensgewohnheiten geändert und so 30 Kilogramm Übergewicht abgebaut.Weder die Berufsgruppe noch das Alter setzen Grenzen. Büroangestellte schnüren nach Feierabend ebenso die Laufschuhe wie Hausfrauen, Studenten oder Rentner. Die Motive sind ganz verschieden. Führungskräfte wollen nach anstrengenden Arbeitstagen abschalten, Mütter nehmen eine Auszeit vom Erziehungsalltag und Senioren wollen sich auch in der zweiten Lebenshälfte fit halten. Gewichtskontrolle und Abspecken sind für viele Läuferinnen und Läufer ein fast ebenso wichtiger Grund den Beinen ihren Lauf zu lassen.Besonders entscheidend für den gesellschaftlichen Boom war nach Ansicht Steffnys, «dass sich die Laufbewegung vom reinen Leistungsgedanken abgekoppelt hat». Für viele habe früher das Erreichen von Spitzenzeiten im Vordergrund gestanden. Bei den heutigen Laufveranstaltungen spiele dagegen der gesellschaftliche Rahmen, das gemeinsame Erlebnis und das Kennenlernen anderer Laufbegeisterter eine große Rolle. «Damit wurde das Laufen auch für Frauen interessant», resümiert Steffny.Seit der Trimm-Dich-Bewegung der 70-er Jahre hat sich zudem einiges verändert. Damals seien Freizeitjogger und Langstreckenläufer häufig als Spinner, Exoten oder weltabgewandte Asketen angesehen worden, erinnert Steffny. Selbst Sportbegeisterte hätten Marathonläufer als diejenigen Athleten angesehen, die eben zu langsam seien für die spannenden Wettkämpfe im Stadion. Heute sei das Laufen positiv besetzt: «Fast in jeder Familie gibt es jemanden, der läuft. Die Läufer sind inzwischen das herumlaufende schlechte Gewissen der Nichtläufer», beobachtet der Lauftrainer. Auch die Kommerzialisierung habe ihren Anteil an diesem Imagewandel. Zudem stehe heute das gezielte Training unter gesundheitlichen Aspekten im Mittelpunkt. Viele Läufer orientieren sich zum Beispiel an ihrer Herzfrequenz, um Überlastungen zu vermeiden und die Ausdauer gezielt zu verbessern.Vielen reicht das gelegentliche Joggen inzwischen nicht aus. Immer mehr Freizeitläufer suchen auch die sportliche Herausforderung und das Überschreiten bisheriger Grenzen. Das machen die wachsenden Teilnehmerzahlen bei den immer zahlreicher werdenden Laufwettbewerben deutlich. Ob Volkslauf mit 5 bis 10 Kilometer Länge, Stadtlauf über die Halbmarathondistanz (21,1 Kilometer) oder die klassische Marathon-Strecke (42,195 Kilometer): Jahr für Jahr starten laut den neuen Statistiken mehr Menschen. Die großen City-Marathons in Frankfurt, Köln oder Berlin sind Monate vorher ausgebucht. Der Berlin-Marathon mit einer Rekordzahl von etwa 38 000 Teilnehmern im Jahr 2001 ist mittlerweile der drittgrößte Stadtmarathon weltweit.

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