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Märchenschlösser: Zu Besuch bei Maharadschas

Keine Macht mehr, kein Geld mehr, aber Riesenimmobilien an der Hacke - die einstigen Herrscher Indiens sind prachtvoll verarmt. Um wenigstens die Unterhaltskosten für ihre Märchenschlösser einzuspielen, vermieten immer mehr adlige Familien ihre guten Stuben an Touristen.

Von Bettina Sengling

Seine Hoheit Dr. Digvijay Singh trägt Flip-Flops und einen braunen Baumwollanzug, die Frisur ist noch vom Mittagsschlaf derangiert. Müde lässt er sich in einen verstaubten Sessel plumpsen. "Die Hitze!", stöhnt der Fürst. Jeden Mittag wälzt sie sich über Wankaner, das kleine Wüstenstädtchen in Gujarat, Westindien. Selbst die Fliegen brummen träge, und der alte Ventilator an der Decke wühlt erschöpft in der heißen Luft herum. Die Lobby des Gästetrakts sieht wie der Wartesaal eines Zahnarztes aus, der vor Jahren aus dem Leben geschieden ist. Staub begräbt einen alten Zeitschriften-Packen, Spinnen haben sich in den Zimmerecken häuslich eingerichtet. Ein Diener bringt Cola. "Unser Familienanwesen ist das Werk meines Großvaters", sagt Digvijay Singh, 75. "Er war ein genialer Herrscher in einem kleinen Staat."

Über das heutige Indien möchte der Maharadscha natürlich nichts Negatives sagen. "Ich bin ein überzeugter Demokrat!", behauptet Singh. Die Entmachtung der Maharadschas hält er trotzdem für einen größeren Fehler der Weltgeschichte. "Jeden Tag frage ich mich: Wann bekomme ich mein Königreich zurück?" Die Familie hat keine Macht mehr, kein Geld, und die sechs Oldtimer in der Garage sind auch kaputt. Nur das Schloss ist noch da, wie ein alter Porzellanteller, der zufällig den Krieg überstanden hat. Hilflos muss Digvijay Singh mit ansehen, wie sich die drei Dutzend Zimmer seiner Kindheit in eine Ruine verwandeln. Zu allem Unglück bebte im Januar 2001 die Erde. "Mutter Erde hat es nicht gut mit uns gemeint", sagt der Fürst. Das Erdbeben zerstörte den Uhrenturm und gestaltete das Leben im Familienschloss nicht eben gemütlicher. Der Fürst und auch sein Vater, der fast 100-jährige alte Maharadscha von Wankaner, mussten in den Gästetrakt des Anwesens übersiedeln.

Vermieten, um die Stromrechnung bezahlen zu können

Dort sind seit Jahren auch Touristen willkommen. Die meisten Maharadschas vermieten Zimmer in ihren Palästen, für die sie sonst kaum die Stromrechnung zahlen könnten. Glück für die Gäste: Wer bereit ist, sich nur ein bisschen von den üblichen Routen durch Rajasthan zu entfernen, kann sich günstig in Maharadschas Wohnzimmer einmieten. Auch der Herbergsbetrieb neben dem Märchenschloss von Wankaner soll eigentlich den Unterhalt des Palastes sichern. Das klappt nicht, denn die Reisebusse der Touristen stoppen nicht im verflossenen Königreich des Herrn Singh. Doch der Fürst hat Prinzipien. Hartnäckig empfängt er jeden Besucher persönlich und so höflich, als seien die Touristen Staatsgäste in wichtiger Mission. Widerstand zwecklos. Ein Diener schlurft herein und bringt ein Schlüsselbund, das aussieht, als brauche man dafür einen Waffenschein. Der Maharadscha möchte das Schloss zeigen. Er führt gerne durch die Gemächer, durch vier Stockwerke und sechs Terrassen, in Wintergärten, hundert Treppenstufen in den Keller hinunter, ins Familienmuseum, in die Gärten, auf die Pferdekoppeln, in den Frauentrakt und in die königliche Garage.

Er zeigt den Billardtisch, den Thron, und er würde auch die Pistolensammlung des Großvaters zeigen, wenn in der Schatzkammer das Licht funktionierte. Die Schlossführung wäre, ernsthaft betrieben, eine Aufgabe für Tage. Das Anwesen ist riesig, protzig und kitschig. Aber es sieht auch verwunschen aus, so als sei gerade eben Dornröschen hier eingenickt. Auf den Korbsesseln im Wintergarten vergilben alte Grußkarten, Anzüge hängen im Schrank, und das Badezimmer des Maharadschas hält noch die Zahnpasta bereit. Auch architektonisch ist der Palast wundersam. Gotische Bögen vereinen sich mit Renaissance-Giebeln, klassizistischen Säulen, Art déco und Elementen eines überdimensionalen Playmobil- Schlosses. Digvijay Singh verrät, warum: „Mein Großvater hat alles selbst entworfen!“ „Haben wir Strom?“, fragt der Fürst einen seiner letzten Diener. Im Speisesaal des Palastes geht das Licht an. Die Räume sind hoch wie ein Kirchenschiff, die Treppen aus weißem Marmor, mächtig wie im Schloss von Sissi.

Warten, bis jemand aus Italien die Lampen repariert

Ein blauer Läufer schlängelt sich zwischen Sofas, Sekretären und Dutzenden Vitrinen, die der Großvater einst aus England in die Wüste schleppen ließ. Nur die Leuchter aus echtem Murano- Glas stammen aus Italien. "Leider sind sie seit dem Erdbeben kaputt", sagt der Maharadscha. "Ich habe nach Italien geschrieben, damit der Leuchter repariert wird. Bislang haben sie noch niemanden geschickt." Bis zum Erdbeben teilten sich der alte 100-jährige Maharadscha, der Fürst und dessen Sohn die über tausend Quadratmeter Wohnfläche. Jeder von ihnen hatte eine Etage. Die Gattin des heutigen Maharadschas, die mehrere Jahre lang als Fotomodell in New York arbeitete, lebt bis heute im Frauentrakt. "Es ist der Wunsch meiner Frau, so zu leben, wie es unserer Tradition entspricht", sagt der Fürst. "Sie wollte nicht, dass sich der Maharadscha durch ihre Anwesenheit beengt fühlt." Will der Fürst sie besuchen, ist er zehn Minuten zu Fuß unterwegs.

Touristen wohnen in dem Gästetrakt oder im Gästehaus, das früher einmal die Sommerresidenz der Maharadschas war. Großvaters Erbe ist auch hier nicht in optimalem Zustand. Ein mehrstöckiger Pavillon im Garten steht unter Wasser, dafür ist das Schwimmbad mit den Jugendstilstatuen leer. Am Abend deckt ein Diener im Speisesaal zum Dinner. Der Maharadscha isst mit, damit er sich mit den Touristen unterhalten kann, einem Paar aus Frankreich. "Ich liebe Europa!", bekennt der Fürst. In Oxford studierte er einst Geografie, aus Liebe zu Landkarten. Er liebt auch Deutschland, besonders die Wildwechselschilder an den Autobahnen. "Ich habe kein Volk erlebt, das so naturlieb ist wie die Deutschen!", sagt Herr Singh, der unter Indira Gandhi indischer Umweltminister war. "Ich kenne Deutsche, die in den Wald gehen, um zu hören, wie die Hirsche röhren!" Maharadschas denken bei solchen Geräuschen eher an ihr bevorzugtes Hobby. "Es liegt in der Natur von Königen zu jagen", sagt der Fürst. Das ist nicht zu übersehen. Acht Tiger gucken im Esszimmer von der Wand, und auch die Wohnaccessoires in den anderen Sälen versprühen den Charme eines Naturkundemuseums.

Tote Jaguare, Gämsen, Löwen, Hirsche, Antilopen und ein Braunbär aus Alaska stehen, liegen und hängen herum. Der Bettvorleger des Maharadschas ist ein ausgelatschtes Leopardenfell. "Wir haben nichts davon angeschafft", sagt der Fürst stolz. "Alles wurde von der Familie selbst geschossen." Viel zu tun hatten die Maharadschas ohnehin nie. Aus Langeweile ließen sie Ende des 19. Jahrhunderts Pavillons und Frauentrakte bauen, bestellten Beistelltischchen und Récamieren und sammelten so nützliche Kleinigkeiten wie Tigerköpfe oder Rolls-Royce. Schon ihre Familiengeschichte verpflichtete zum Nichtstun. Manche ihrer Vorfahren brauchten Domestiken, um auf die Beine zu kommen: Sie selbst konnten sich vor lauter Goldschmuck und Prunk auf der Brust kaum allein erheben. Der Maharadscha von Bikaner ließ sich zum 50. Jubiläum der Thronbesteigung in Gold aufwiegen, andere feierten die Hochzeit ihrer Hunde. Indira Gandhi beendete die jahrhundertelange Sause und strich den Maharadschas 1971 die letzten Privilegien. Geldsorgen zogen in die Gemächer ein, und manche Fürsten tauschten ihre goldenen Pantoffeln notgedrungen gegen Flip-Flops ein.

Keine Ahnung, wie man Geld verdient

"Das Problem der Maharadschas ist, dass sie Geld ausgeben können", sagt Harshvardhan Singh, der Kronprinz von Dungarpur. "Nur wie man es verdient, wissen sie nicht." Er selbst versucht es seit Jahren. Harshvardhan Singh gehört zur jüngeren Generation, er studierte Betriebswirtschaft und arbeitete eine Weile in Bombay. Dann kehrte er in den Palast seiner Kindheit zurück, zu seinem Vater, dem Maharadscha von Dungarpur. Geldnot plagte auch ihn. Harshvardhan Singh überredete seinen Vater, einen Flügel des Schlosses für Touristen zu öffnen. "Wir können das Anwesen sonst nicht halten", erklärt er. Die Begeisterung des Vaters über diesen Plan lässt sich noch heute erahnen. Jeden Abend von halb fünf bis halb sieben sitzt der Maharadscha missmutig auf einem ausrangierten Drehstuhl auf der Terrasse und versucht, an den Gästen vorbeizusehen, als seien sie lästige Aushilfsgärtner. Zuvor kann man ihn bei raschem Gang am Ufer beobachten. Seine Frau verlässt nach alter Tradition nie das Haus. Zur Verteidigung gegen die Eindringlinge spielt er allen Schlossbewohnern jeden Morgen gegen fünf Werke aus seiner Plattensammlung vor, angeblich eine der größten Sammlungen klassischer Sitar-Musik landesweit.

Sein Schloss ist kleiner und feiner als das überdimensionale Dornröschen-Anwesen von Wankaner. Aus den Zimmern mit Seeblick sieht man einen weißen filigranen Tempel auf dem Wasser schwimmen. Der Innenhof mit Marmorpflaster könnte jederzeit Bollywood als Kulisse dienen, so schön ist er. Patina und Luxus mischen sich perfekt. Ein kleiner Tempel voller Wendeltreppen, Türmchen und Giebelfenster wird derzeit von Tauben besetzt. Alte Familienfotos schmücken die löcherigen Originaltapeten, die Seine Hoheit persönlich aus Europa einschiffen ließ. Ein paar Dutzend Tierköpfe im Cocktailzimmer zeugen vom standesgemäßen Lieblingshobby des Bauherrn. Auch der Maharadscha von Dungarpur wurde Ende des 19. Jahrhunderts von unerklärlicher Bauwut gepackt. Der alte Palast mit etwa neun Etagen, einem Tigerkäfig, einem Elefantenstall, unterirdischen Gängen und dem Thron aus Sitzkissen schien ihm nicht mehr à la mode. Vielleicht hatte er auch den Überblick verloren über seine circa 700 Zimmer. Nur ein paar Nebenfrauen mussten bleiben, als der Maharadscha im Jahre 1883 mit seiner Familie in das neue Anwesen am See zog.

Ein Zimmer so groß wie eine Dreizimmerwohnung

Heute werden dort 22 Zimmer an Touristen vermietet, keines gleicht dem anderen, und alle sind herrlich. Das ehemalige Schlafzimmer der Maharani ist etwa so groß wie eine ordentliche Dreizimmerwohnung, mit einem Bett, in dem die Kleinfamilie gemütlich Platz hat. Das Zimmer ihres Gatten verfügt sogar über ein Ankleidezimmer mit Spiegeln und Sitzkissen aus Samt vor den Fenstern. Ein anderes bietet ein Bad, das so geräumig ist wie ein Wohnzimmer im Neubau. Dennoch sind die Hotelzimmer im Palast über das Jahr nur zu 20 Prozent belegt, denn auch Dungarpur liegt nicht auf der üblichen Touristenroute. Wer sich einen Tag Zeit nimmt, hat gute Chancen, eine ganze Weile mit dem Maharadscha, seiner Familie, seinen sieben Windhunden und 40 Dienstboten allein zu sein. Schnell stellt sich Ruhe ein. Vögel kreischen, ein Diener fegt mit Palmblättern Krümel vom Marmor. Das überkandidelte und dauerlaute Indien schickt seine Hupkonzerte nur gedämpft über das Wasser. Man kommt sich ein bisschen ausgeschlossen vom Leben vor, doch unangenehm ist dieses Gefühl nicht. Dies ist kein Ort für Aktivsportler, eher für Kurgäste.

Es döst sich gut auf den Blumensofas, Liegen, Sitzbänken, Schaukeln, Gartenstühlen, Ohrensesseln und Holzthronen, die überall herumstehen. Auch der Kronprinz hasst Unruhe und pflegt seine Langeweile mit Stil. Die Zeit vertreibt er sich mit Kricket oder Tennis auf dem eigenen Platz, den eine Dampfwalze aus Familienbesitz regelmäßig plättet. Das Personal ist auf Zack. Sogar für die Hunde und die Vögel in den Volieren gibt es je einen eigenen Diener. Für Treffen gilt: "Nicht vor zwölf Uhr mittags!" Mitten in der Wüste, in einer kargen Steppenlandschaft, liegt das Fort Chanwa. Es gehört Dalip Singh, dem jüngsten Sohn des Maharadschas von Jodphur. Als Dalip Singh nach dem Tod seines Vaters das Erbe antrat, war das Fort eine Art Ruine, für das sich nur die Fledermäuse und die Kühe des Dorfes Luni interessierten. Fast zwei Jahre Arbeit investierten Dalip Singh und seine Frau, um das heruntergekommene Anwesen für Reisende herzurichten. Es entstand so ein Luxushotel, mit alten doppelstöckigen Turmzimmern, großen Terrassen und einem gepflegten Garten mit Pool und Dutzenden wilden Papageien.

Tun, was sie schon immer getan haben: "Saufen und gar nichts."

Natürlich fährt die Familie oft nach Luni, um das Personal zu kontrollieren und dort nach dem Rechten zu sehen. Eine gewisse Freiheit hat sich jedoch längst eingestellt. Das Geschäft läuft. Der Fürst hat Zeit, um sich seiner historischen Schwertsammlung zu widmen. Dalip Singh fährt manchmal seinen Oldtimer aus, einen Delahaye, rot, Baujahr 1937. Und das Hotel- Business bringt sogar Vorteile, findet Veer Vikram Singh, der Sohn. In Luni redet er manchmal mit den Gästen oder trinkt einen Whisky Soda mit ihnen. "Wo hast du das schon?", fragt er sich. "Die Leute hören sich deinen Unsinn an und zahlen auch noch dafür." Und den Rajputen, den Familien der königlichen Kaste Rajasthans, geht es auch heute eigentlich nicht so schlecht, findet er. "Sie tun, was sie immer getan haben", sagt er. "Saufen und gar nichts."

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