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Alaska: Aber bitte mit Sahne

Deutsche Bräuche, wie der Kaffeeklatsch mit Kuchen und Schlagsahne, sind Auswanderern in Alaska bis heute nicht abhanden gekommen. Warum sie trotz "Wurst-Problem" nie wieder nach Deutschland zurück wollen.

Pünktlich um halb vier hat Elisabeth Vischer zum Kaffee geladen. "Sie werden sich schon fragen, wo wir bleiben", sagt Erika Nowka, und kurvt die Straßen an den Hängen hinter der größten Stadt in Alaska, Anchorage, hoch. "Hoffentlich hat Hans an den Kuchen und die kalte Platte gedacht." Hans, das ist Erikas Mann, wie sie vor mehr als 40 Jahren nach Alaska ausgewandert. Deutsche Bräuche, wie den Kaffeeklatsch mit selbst gebackenem Kuchen und Schlagsahne und einer kalter Platte, im Land der Lachse natürlich mit Lachsschnittchen, sind den Auswanderern auch nach einem halben Leben in der neuen Welt nicht abhanden gekommen.Das Deutsch ist manchem etwas rostig geworden. "Mein Mann ist ausgerückt, bevor die Wand gebaut wurde", sagt Erika Nowka (62). Ihr Mann flüchtete im Juli 1961, sechs Wochen vor dem Mauerbau, aus der DDR. Doch ist den beiden gelungen, was viele Auswanderer nicht schaffen: Alle vier Kinder sprechen deutsch. Der jüngste, Hans, hat sich in Deutschland wie sein Vater zum Tischler ausbilden lassen und von dort gleich eine deutsche Frau mitgebracht."Ich würde nie zurückgehen", sagt Erikas Schwiegertochter Annette Nowka (36). Sie kam 1997 und hat kein Heimweh. "Wenn man die Freiheit einmal hier genossen hat, kann man die Regeln nicht mehr ertragen", sagt sie. Sonntags kein Rasenmähen zum Beispiel, oder spät abends nicht mehr einkaufen zu können.

"Naja, man vermisst das Brot, die Fleischwurst", sagt Katharina Jensen, die vor 20 Jahren aus der Nähe von Trier in diesen äußersten Nordwestzipfel Nordamerikas kam. Wenn sie in Deutschland ist, dann denkt sie manchmal, es wär' auch schön, in Deutschland zu leben, aber nur kurz, wie sie versichert.Das Wurst-Problem ist eigentlich gelöst. Dank Herbert Eckmann, der 1963 in Anchorage die Alaska Sausage Company gegründet hat. Eckmann wollte nur zwei Jahre bleiben. Inzwischen sind es 43 geworden. "Die alte Generation holt sich bei mir, was sie von früher gewohnt ist", sagt Eckmann. Sülze zum Beispiel. In seinem Laden gibt es Weihnachten auch Stollen."Und Zuckerhüte für die Feuerzangenbowle", sagt Margritt Engel (69), der die Vorfreude auf das nächste Fest schon anzusehen ist. Engel stammt aus Sachsen und kam 1957 als Studentin her. Sie hat lange Jahre Deutsch und Englisch an der Universität Anchorage gelehrt. "Ich würde mich schwer tun in Deutschland", sagt Engel. "Was mich stört, ist die Enge.""Meine Welt ist nicht Sauerkraut, Dirndl und Oktoberfest, ich lebe mit der Zeit", sagt Antje Carlson (43), und an ihrem Arm schlackert eine Uhr sowohl mit alaskischer als auch deutscher Zeit. Einmal im Jahr reist sie in die hessische Heimat, um "aufzutanken", mit Leberwurst, wie sie sagt. "Ich bin stolz auf die deutsche Kultur, das ist mein Identitätsanker." Aber zurück, das käme für Carlson, die an ihrer Doktorarbeit in Sprachandragogik arbeitet, nicht in Frage.Erst am Ende dieses Sommernachmittags, nachdem die Mitglieder des deutschen Clubs in Anchorage dem Apfelkuchen mit Schlagsahne und den Schnittchen gefrönt haben, kommen auch andere Töne als helle Alaska- Begeisterung zum Vorschein. "Ich würde nie wieder in die USA auswandern", sagt Elisabeth Vischer (62). "Was man sich draußen vorstellt, ein reiches Land, das ist ja lachhaft." Mit einem deutschen Akzent hat sie sich nie richtig anerkannt gefühlt. "Ich bin ein Mensch mit zwei Gesichtern", sagt sie.Und Hans Nowka (62) spricht trotz der Proteste anderer Gäste ein bisschen herablassend von "den Amis". "Ich bin immer Deutscher geblieben", sagt er. In den USA drehe sich alles um Arbeit, Arbeit, Arbeit, meint er. Die Jugendfreunde in Deutschland seien längst in Rente und lebten gut damit. Nowka hat nicht mal eine Krankenversicherung. "Ich könnte mir gut vorstellen, mich in Deutschland wieder einzuleben", meint er. "Heimat ist Heimat."

Christiane Oelrich/DPA / DPA
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