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Ermittlungen zum Todesflug AF447: Mensch und Technik verursachten Absturz

Die französischen Ermittler haben heute ihren Abschlussbericht zum Absturz des Air-France-Airbus vorgestellt. Angehörige und Experten warten seit drei Jahren auf die Aufklärung des Unglücks.

Von Till Bartels

Der Absturz des Airbus A330 der französischen Luftfahrtgesellschaft in der Nacht zum 1. Juni 2009 gehört zu den rätselhaftesten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte. Bei dem bisher schwersten Unglück in der Geschichte von Air France starben 228 Menschen. Angehörige wie Luftfahrtexperten beschäftigt seit drei Jahren die Frage: Warum stürzte der zweistrahlige Jet in einem tropischen Gewitter mit drei Piloten an Bord aus einer Reiseflughöhe von 11.500 Metern Höhe innerhalb von nur vier Minuten ins Meer?

Erste Meldungen aus Paris besagen, dass die Ermittler der französischen Flugunfallbehörde sowohl menschliche als auch technische Fehler zum Absturz der Maschine führten. Das geht aus dem Abschlussbericht des Bureau d'Enquêtes et d'Analyses (BEA) hervor, der heute in Le Bourget bei Paris vorgestellt wird. In ihrem Zwischenbericht vor einem Jahr hatte die BEA hauptsächlich von Pilotenfehlern gesprochen. Für ihre Arbeit haben die Ermittler die Flugprofildaten und die Sprachaufzeichnungen aus den vom Meeresgrund in 4000 Metern Tiefe geborgenen Black Boxes ausgewertet.

Die Schuldfrage: Piloten oder Flugzeug?

War es menschliches Versagen der Cockpit-Crew oder gibt es auch technische Gründe, die zu dem verheerenden Absturz führten? Wie bei den meisten Flugzeugunglücken dürfte es sich um eine Verkettung mehrerer Ursachen und Fehlreaktionen handeln. Der letzte Voruntersuchungsbericht, der Ende Mai 2011 erschien, geht davon aus, dass die Piloten nach einem Teilausfall der Instrumente falsch reagierten. Offenbar waren die Pitot-Rohre, die Geschwindigkeitsmesser, vereist, und der Voice Recorder hatte mehrmals die automatische Stimme, die die Piloten vor einer Überziehung der Maschine warnt, aufgezeichnet.

Bisher ist bekannt, dass die Nase des Airbus nach oben gezogen wurde und die Strömung abriss. Dadurch sackte die Maschine ab und geriet in einen unkontrollierbaren Zustand. Richtig wäre die Reaktion gewesen, die Nase zu senken, um wieder Fahrt aufzunehmen. Allerdings waren die Piloten auf eine solche Grenzsituation, einen Strömungsabriss ohne korrekte Geschwindigkeitsangaben in Reiseflughöhe, nicht durch Schulungen im Simulator vorbereitet.

Fehler auch bei der Software?

Während der dreijährigen Untersuchungsphase hat die BEA deshalb mehrere Sicherheitsempfehlungen für Piloten, Airlines und Hersteller herausgegeben. Offen bleibt, welche Mängel der Abschlussbericht am Flugsteuerungssystem auflistet. Denn bisher haben die Vorberichte mögliche Softwarefehler weitgehend außer Acht gelassen. Dann dürfte auch Airbus eine Mitschuld am Unglück treffen. Sowohl gegen den Flugzeughersteller wie auch gegen Air France laufen in Frankreich Ermittlungen.

Bei den strafrechtlichen Verfahren treten Angehörige der Absturzopfer als Nebenkläger auf, darunter auch Hinterbliebene aus Deutschland, die sich dem Verein "Hinterbliebene der Opfer des Flugzeugabsturzes AF447" (Hiob) zusammengeschlossen haben. In einem zivilrechtlichen Verfahren haben sich die meisten Angehörigen längst auf einen Vergleich geeinigt und eine Entschädigung von Air France und deren Versicherung erhalten.

Heute hat zunächst der BEA-Leiter Jean-Paul Troadec das Wort. Die Ermittlungen seiner Behörde sollen Klarheit in den Ablauf der Katastrophe bringen und die Ursachen des Unglücks und weitere Abhilfemaßnahmen benennen. Doch das Kapitel AF447 ist mit dem Abschlussbericht der BEA noch lange nicht beendet. Schon bald dürfte bei der Schuldfrage auch die Stunde der Juristen schlagen. "Dann steht auch die Entscheidung an, ob genügend Anhaltspunkte vorhanden sind, um Personen in einem Strafverfahren haftbar zu machen", sagt Bernd Gans von der Vereinigung der Opfer-Angehörigen Hiop.

mit Agenturen

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