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Flugzeugabsturz AF447: Air-France-Piloten sollen schuld sein

Über zwei Jahre nach dem Absturz einer Air-France-Maschine im Atlantik haben die Ermittler eine Analyse des Unfallhergangs veröffentlicht. Die Hinterbliebenen der Opfer sind empört.

Von Till Bartels

In zwei Minuten dürften wir in eine Zone geraten, in der es ein wenig turbulenter zugehen wird als im Moment

Untersuchungen von Flugunfällen dauern lange. Oft vergehen Jahre, bis die Ursachen von Abstürzen geklärt sind. So auch im Fall des Air-France-Fluges 447, bei dem in der Nacht zum 1. Juni 2009 228 Menschen starben. Nachdem im Mai diesen Jahres die französische Behörde für Flugunfalluntersuchung BEA erste Ergebnisse der Flugschreiberauswertung und einige Sätze aus dem Gesprächen im Cockpit kurz vor dem Absturz der Öffentlichkeit präsentierte, hat sie jetzt den "Zwischenbericht Nummer 3" vorgelegt.

Demnach haben die Piloten mehrere Fehler gemacht und Warnsignale ignoriert. In den letzten Minuten des Nachtfluges von Rio nach Paris habe die Crew nicht angemessen auf den Ausfall der Geschwindigkeitsanzeige und den Abriss der zum Fliegen notwendigen Strömung an den Tragflächen reagiert. Weiter heißt es in dem Bericht der BEA: "Obwohl der Verlust der Geschwindigkeitsangaben festgestellt und verkündet worden war, hat keiner der beiden Kopiloten das Verfahren 'unreliable IAS' (indicated airspeed - angezeigte Fluggeschwindigkeit) aufgerufen."

Auch seien die Piloten für eine solche Situation nicht geschult gewesen. "Die Kopiloten hatten keine Ausbildung in hoher Flughöhe für das Verfahren 'unreliable IAS' und die manuelle Flugzeugsteuerung erhalten", kritisieren die Ermittler. Ihre Einschätzungen basieren auf der Auswertung des in 4000 Metern Tiefe im Atlantik geborgenen Flugdatenschreibers und des Stimmrecorders.

Ungenügendes Pilotentraining, fehlerhafte Anzeigen

Als Konsequenz aus den Erkenntnissen wird Piloten dieses Maschinentyps ein spezielles Trainingsprogramm empfohlen. Damit soll in großen Höhen der schnelle Wechsel vom automatischen auf den manuellen Flug geübt werden, gerade auch bei ungenauen Geschwindigkeitsanzeigen. Zudem sollen neue Richtlinien ein besseres Teamwork im Cockpit gewährleisten. Die "Sicherheitsermittlung" der BEA nennt auch die Tatsache, dass "keine ausdrückliche Verteilung der Aufgaben zwischen den beiden Kopiloten" erfolgte. Gemeint ist damit mangelnde Koordination im Cockpit, nachdem sich der Flugkapitän vor Einflug in die Gewitterfront schlafen gelegt und das Kommando an seine beiden Kopiloten, die in eine Gewitterfront flogen, übergeben hatte. "In zwei Minuten dürften wir in eine Zone geraten, in der es ein wenig turbulenter zugehen wird als im Moment, da müsst ihr aufpassen", hatte ein Kopilot noch die Kabinen-Crew gewarnt.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf das Fehlen einer Anzeige für den Anstellwinkel der Tragflächen; eine solche Anzeige gibt Aufschluss über die Lage des Flugzeugs in der Luft. Trotz der Alarmsignale der sogenannten Überzieh-Warnung habe keiner der Piloten bemerkt, dass der Airbus A330 bereits durchsackte.

Bereits am Donnerstag hatte Fernando Alonso, ein Testpilot bei Airbus, die Cockpit-Crew der Unfallmaschine kritisiert. "Die Besatzung hat nicht das vom Flughandbuch vorgeschriebene Verfahren angewandt", sagte Alonso. Die Piloten hätten die Maschine nach einem Warnsignal doppelt so steil wie vorgeschrieben nach oben gezogen, erklärte er dem französischen Magazin "Le Point". Die Fluggesellschaft Air France dagegen betonte in einer Erklärung, dass sie die technischen Fähigkeiten der Besatzung zum gegenwärtigen Stand der Ermittlungen nicht infrage stelle. Die deutsche Lufthansa hate bereits kurz nach dem Unglück ihr Ausbildungsprogramm für die Piloten angepasst.

Opfer-Angehörige kritisieren Ermittler

Nur scheibchenweise erfahren die Hinterbliebenen der Opfer der Luftfahrtkatastrophe die Wahrheit. Die Opfervereinigung HIOP AF447 zeigt sich in einer Stellungnahme "empört darüber, dass nach den monatelangen Verzögerungen bei der Suche nach dem Flugzeugwrack auch die Auswertung von Flugdatenschreiber und Sprachaufzeichnungen nur schleppend erfolgt." Die Angehörigen äußerten im Vorfeld der jüngsten BEA-Veröffentlichung ihren Unmut darüber, dass die BEA nur die Piloten ins Visier nimmt. Auch sei die Möglichkeit eines Softwarefehlers im elektronischen Steuerungssystem des Airbusses nicht berücksichtigt worden. Die Ergebnisse einer bereits im Juni 2010 allen Behörden vorgelegten Untersuchung am Flugsimulator durch den Experten Gerhard Hüttig von der Technischen Universität in Berlin seien unberücksichtigt geblieben.

Sie deuten darauf hin, "dass es bei einem simultanen Ausfall mehrerer Geschwindigkeitssensoren aufgrund eines Softwarefehlers im elektronischen Steuerungssystem des Airbus A330 zur Anstellung der Höhenflosse und damit zur Änderung des Anstellwinkels des Flugzeugs kommen kann". In großer Flughöhe und mit geringen Geschwindigkeitsreserven bis zum Strömungsabriss (Stall) hätten die Piloten nur wenige Sekunden Zeit, diesen Fehler durch manuelle Steuerungskommandos zu korrigieren, heißt es in der Stellungsnahme von HIOB AF447, die stern.de vorliegt.

"Tote Piloten können sich nicht mehr verteidigen und sind deshalb die einfachere Option", bemerkte der Berliner Luftverkehrsrechtsexperte Elmar Giemulla, der Angehörige der deutschen Opfer vertritt. Er kritisierte, dass die Ermittlungen nicht breit genug angelegt waren. "Es wurde völlig einseitig in Richtung Pilotenfehler ermittelt und alle möglichen anderen Ursachen wurden außen vor gelassen", sagte Crolow.

Die Hinterbliebenen - unter den Opfern sind auch 28 Deutsche - fordern eine sofortige Offenlegung der aufgezeichneten Daten, damit die französische Justiz eine unabhängige Untersuchung einleiten kann. Gegen Air France und den Flugzeugbauer Airbus laufen Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung. Auch zwei Jahre nach einem der schwersten Unglücke der jüngeren Luftfahrtgeschichte bleibt die Frage nach der Verantwortung mit der Veröfffentlichung des Zwischenberichts Nummer 3 weiterhin unbeantwortet.

mit Agenturen

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