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Kaum Entschädigung für Flugpassagiere: Abwiegeln, Abblocken, Hinhalten

Bei Flugausfällen und Verspätungen werden die Rechte der Passagiere trotz EU-Vorschriften noch immer allzu oft missachtet. Verbraucherschützer sprechen von "Taschenspielertricks" der Airlines. Die Bundesjustizministerin will dem nun per Gesetz ein Ende bereiten.

Bei Flugausfällen und Verspätungen werden die Rechte der Passagiere noch immer allzu oft missachtet. Bundesweit melden die Verbraucherberatungsstellen eine steigende Zahl an Beschwerden. Jürgen Keßler, der Vorsitzende der Verbraucherzentrale Berlin, sagte am Montag, zwar regele seit 2004 eine EU-Verordnung die Ansprüche von Reisenden gegenüber den Fluggesellschaften. "Was die Durchsetzung des Rechts angeht, sind wir aber noch ziemlich am Anfang."

Auch fünf Jahre nach dem Inkrafttreten der neuen Fluggastrechte drücken sich Airlines häufig mit "Taschenspielertricks und Verweigerungshaltung" vor Ersatzansprüchen, so Keßler. Seit 2005 haben Fluggäste bei Verspätungen, Annullierungen oder Nichtbeförderung je nach Strecke und Zeitverzug das Recht auf Verpflegung und Unterkunft sowie in besonders drastischen Fällen auf Entschädigung bis zu 600 Euro durch die Airline.

Fluglinien sind schlecht zu erreichen

Mit ihren Beschwerden stoßen Passagiere bei den Fluggesellschaften oft auf taube Ohren. "Es ist grundsätzliche Geschäftspraxis, dass berechtigte Ansprüche von den Airlines einfach ausgesessen werden", sagte Keßler. Dies betreffe alle Airlines und nicht nur einzelne schwarze Schafe. Demnach konnten acht von zehn Betroffenen den Kundenservice ihrer Airline nicht erreichen oder klagten über unzumutbare Bearbeitungszeiten, nur drei Prozent konnten ihre Rechte reibungslos durchsetzen.

Mehr als die Hälfte der Befragten sei von der Fluggesellschaft zudem erst gar nicht über ihre Rechte informiert worden. Keßler riet betroffenen Kunden, sich an die Verbraucherzentralen zu wenden und gegebenenfalls vor Gericht zu ziehen, denn oft würden "rechtskräftige Urteile mit Vergleichen vermieden, um Präzedenzfälle zu vermeiden".

In einer bundesweiten Internet-Umfrage der Verbraucherzentralen unter 1122 Betroffenen von Flugstörungen gab die Hälfte an, von den Unternehmen überhaupt nicht über ihre Rechte informiert worden zu sein. In 37 Prozent der Fälle sei von den Fluggesellschaften nichts als Ausgleich angeboten worden. Auf Beschwerden hätten die Gesellschaften in 22 Prozent der Fälle nicht reagiert.

Airlines beteiligen sich nicht an Schlichtungsstelle

Hauptproblem sind laut Umfrage Flugausfälle gewesen. Rund 45 Prozent der Reisenden hätten mit diesem Problem zu kämpfen gehabt. Fast 38 Prozent hätten Verspätungen beklagt. Knapp vier Prozent hätten nicht fliegen können, weil ihre Verbindung überbucht gewesen sei. Häufigste Folge der Probleme für die Fluggäste sei ein verspäteter Abflug gewesen, der sich um über fünf Stunden verzögert habe (38 Prozent). Knapp zehn Prozent hätten den Flug abgebrochen, weil dieser sich erübrigt habe.

Die Umfrage, die vom Bundesverbraucherministerium finanziert wurde, ist nicht repräsentativ. Sie decke sich aber mit den Erfahrungen der Verbraucherzentralen, berichtete Rainer Radloff von der Verbraucherzentrale Brandenburg. Der Verkehrsexperte Holger Krawinkel forderte die Luftfahrtunternehmen auf, sich endlich an der Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr zu beteiligen. Seien sie dazu nicht bereit, müssten sie per Gesetz dazu gezwungen werden.

Die vor einem Jahr gegründete Schlichtungsstelle wird bislang von der Deutschen Bahn und einigen ihrer Konkurrenten getragen. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte dem "Tagesspiegel", die Gespräche mit den Fluggesellschaften über eine freiwillige Beteiligung liefen "konstruktiv". Sie kündigte an, die Schlichtung zwischen Passagieren und Fluggesellschaften gesetzlich zu verankern.

tib/DAPD/AFP/DPA / DPA

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