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Interview

Gianni Onorato von MSC Cruises: MSC-Kreuzfahrtchef: "Nur zwei Prozent aller Urlauber machen eine Kreuzfahrt - da ist noch Potenzial"

MSC Cruises lässt neue Kreuzfahrtschiffe bauen wie am Fließband. Taufpatin ist stets Filmdiva Sophia Loren. Wir sprachen mit dem Chef Gianni Onorato über den Expansionsdrang des Schweizer Unternehmens, das bis heute in Familienbesitz ist.


Mit einem MSC Containerschiff im Rücken: Gianni Onorato im Yacht Club der "MSC Bellissima". Der Italiener leitet als Chief Executive Officer das Unternehmen MSC Cruises seit 2013.

Mit einem MSC Containerschiff im Rücken: Gianni Onorato im Yacht Club der "MSC Bellissima". Der Italiener leitet als Chief Executive Officer das Unternehmen MSC Cruises seit 2013.

MSC Cruises gilt als die größte private Kreuzfahrtreederei der Welt. Jedes Jahr werden bis zu zwei Neubauten für jeweils mehr als 4000 Passagiere in Dienst gestellt. Am 9. November soll die "MSC Grandiosa" im Hamburger Hafen getauft werden.

Das Kreuzfahrtunternehmen beschäftigt 23.500 Mitarbeiter und ist Teil der MSC Group, einem der größten Logistikfirmen und globalen Containerreederein. Gianni Onorato ist der Geschäftsführer der Kreuzfahrtsparte. Der Italiener studierte Sprach- und Literaturwissenschaften und war lange bei der italienischen Reederei Costa Crociere tätig, ehe er 2013 zu MSC Cruises wechselte.

Herr Onorato, können Sie mir erklären, warum Ihre Kreuzfahrtreederei ihren Sitz nicht in einer italienischen Hafenstadt hat, sondern in Genf, in Sichtweite der Berge?

Das lässt sich einfach erklären: MSC ist bis heute ein Familienunternehmen, das von Gianluigi Aponte 1970 in Brüssel gegründet wurde. Kurze Zeit später verliebte er sich in eine Schweizerin und verlegte den Firmensitz 1974 nach Genf, wo wir nun seit 45 Jahren ansässig sind.

Jedes Jahr stellen Sie zwei Neubauten in Dienst. Stoßen Sie nicht bald an Grenzen des Wachstums?

Nein, ich nenne ihnen die Fakten: Es scheint zwar viele Kreuzfahrtschiffe zu geben, weil sie groß und sehr sichtbar sind. Nur 27 Millionen Menschen buchen weltweit eine Kreuzfahrt, aber 1,6 Milliarden unternehmen jedes Jahr eine Urlaubsreise – das sind weniger als zwei Prozent. Daher gibt es weiterhin ein hohes Potential, egal wie groß die Schiffe und welchen Segment des Marktes sie unterwegs sind.

Das klingt nach rasantem Wachstum. Wie finanziert MSC das? Haben Sie Partner?

Nein, aber wir platzieren Anleihen am Schweizer Finanzmarkt. Außerdem gibt es für die Werften, wo wir die Schiffe bauen lassen, eine Unterstützung von 80 Prozent durch Kredite. Daher müssen wir uns an den Neubauten mit nur 20 Prozent Eigenkapital beteiligen.

MSC Cruises hat zwischen 2003 und 2013 im Umsatz um 800 Prozent zugelegt...

...der Ausgangspunkt war damals niedrig. Erst 2013 hatten wir zwölf Kreuzfahrtschiffe mit 1,8 Millionen Gästen. Jetzt haben wir uns neue Ziele gesteckt: Bis 2027 werden wir die Flotte von zurzeit 16 auf 29 Schiffe über sechs Schiffsklassen erweitern und rechnen mit 5,5 Millionen Passagieren.

Was haben MSC Cruises vom MSC Container-Geschäft gelernt?

Cruise und Cargo mit ihren 510 Schiffen sind klar getrennte Geschäftsfelder und zwei Firmen. Zu Beginn gab es eine Anschubfinanzierung. Heute gibt es keinerlei finanziellen Verbindungen mehr...

… aber rekrutieren Sie nicht auch Kapitäne von den Containerschiffen?

Klar, wir nutzen diese Synergien und die Stützpunkte in den Häfen, die die Cargo-Sparte weltweit aufgebaut hat. So fangen wir nicht bei Null an und können viel einfacher und schneller auf eine bestehende Infrastruktur zurückgreifen.

An Bord von Kreuzfahrtschiffen geht es um Service - und somit um gut geschultes Personal. Wie schwierig ist es an gute Mitarbeiter zu kommen. Bildet MSC Cruises auch aus?

Wir investieren viel in unsere Crews und haben neben der maritimen und technischen Ausbildungsstätte in Italien auch Hotelfachschulen und Trainings-Zentren auf den Philippinen, in Indien und weitere in Mauritius, Brasilien und Kuba. Pro Jahr benötigen 4000 neue Mitarbeiter.

Sie sind neben Europa auch in Asien und in Südamerika präsent. Müssen Sie das Angebot an Bord auf die regionalen Unterschiede anpassen? 

Wir haben ein internationales Produkt und möchten alle Nationen an Bord begrüßen. Wenn aber in einer Region eine bestimmte Nation stark vertreten ist, passen wir das Speiseangebot und Entertainment-Programm entsprechend an. In Südamerika gibt es zum Beispiel mehr Fleisch, insbesondere Beef, und in Nordamerika mehr Proteine in den Hauptgerichten und weniger Kohlenhydrate.

Ab der Saison 2020 wird die "MSC Bellissima" in China stationiert werden. Wird dafür das Casino vergrößert? Nein, das ist eine Legende, die sich so hartnäckig hält wie das Vorurteil, dass man in der Schweiz weniger Steuern zahlen muss. Der chinesische Markt funktionierte am Anfang vor allem mit Casinoschiffen. Jetzt gleicht er sich den anderen Märkten an: Immer mehr Familien und Millennials unternehmen dort eine Kreuzfahrt.

MSC expandiert ja nicht nur auf dem Wasser, sondern nun auch an Land. Demnächst wollen Sie eine eigene Insel in der Karibik eröffnen.

Ja, im November wird es soweit sein: Das Ocean Cay MSC Marine Resort ist eine große Herausforderung und wesentlich komplizierter als ein Schiff zu bauen.

Was kann denn an einer Insel so schwer sein? Das ist doch nur ein Stück Natur?

Nein, überhaupt nicht. Das Eiland war eine Ruine, eine ehemalige Mine, wo feinster Sand abgebaut wurde. Rund um die Insel war das Meer voller Metallschrott, wir mussten 5000 Tonnen Industrieabfälle entsorgen und die Insel in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Verwandeln Sie Ocean Cay in einen Fun-Park, den Kreuzfahrtgäste für einen Tag besuchen?

Wir haben die Insel von den Bahamas für 99 Jahre gepachtet, 200 Millionen Euro in die Renaturalisierung investiert und 75.000 einheimische Bäume und Sträucher gepflanzt. Das wird auf keinen Fall ein Vergnügungspark mit Zipline, sondern eine Insel mit Bucht und Traumstränden.

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