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Interview

Chef von Hapag-Lloyd Cruises: Dieser Mann kennt die geheimen Wünsche der Luxus-Passagiere

Er ist der Chef von zwei Expeditions- und zwei Luxusschiffen: Karl J. Pojer hat Hapag Lloyd Cruises wieder auf Kurs gebracht. Wir sprachen mit ihm über Mega- und Luxusliner und warum seine Neubauten keine Hubschrauber an Bord haben - sowie über sein rasantes Hobby.

Karl J. Pojer

Karl J. Pojer wurde in der Steiermark geboren. Nach Stationen bei Four Seasons, Kempinski, Sheraton Hotels und dem Robinson Club war er bis 2013 Bereichsvorstand für alle Hotels bei der Tui. Seit 2013 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung von Hapag-Lloyd Cruises.

Die Kreuzfahrt-Branche boomt. Geschätzt 27 Millionen Passagiere werden in diesem Jahr weltweit ihren Urlaub auf hoher See verbringen. Zu den Top-Schiffen auf den Weltmeeren gehören die beiden Luxus-Liner "Europa" und "Europa 2" von Hapag-Lloyd Cruises. Geleitet wird die Hamburger Reederei von Karl J. Pojer. Während andere versuchen, die Massen zu begeistern, setzt er auf ein klares Profil: Kreuzfahrten auf höchstem Niveau und anspruchsvolle Expeditionsreisen.

Der stern traf den Österreicher zum Gespräch in der "Europa 2"-Suite. Dieser Nachbau einer Kabine des Flaggschiffes befindet sich in einem Raum am neuen Firmensitz in Hamburg. Zwischen weißem Bademantel, Frottee-Puschen und eine Kuscheldecke mit eingewebten Logo für den Liegestuhl auf dem Balkon sprach der 63-jährige Manager über die Unterschiede zwischen Hotel- und Schiffsurlaub, den richtigen Gästemix an Bord und die Ansprüche der gutbetuchten Passagiere.

Sie waren in ihrer Karriere für Hotels an Land verantwortlich, seit bald fünf Jahren nun für schwimmende Hotels. War das eine große Umstellung?

Ich habe zuvor in Business-, Ferien- und Clubhotels gearbeitet. Wenn da etwas fehlte, konnte ich den Lieferanten anrufen und zwei Stunden später war alles da. Auf dem ist das ganz anders. Die Logistik spielt hier eine besondere Rolle, vor allen bei ausgefallenen Fahrplänen unser Flotte. Wann kommt zum Beispiel wo Proviant an Bord? Daher denken wir bei der Routenplanung zwei Jahre im Voraus. Aber dafür haben wir Routine und Partner vor Ort.

Wann waren Sie zum ersten Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffes?

Das war Mitte der 80er Jahre, privat. Damals war die noch elitär, steif und teuer im Verhältnis zu anderen Urlaubsformen. Das kann man mit heute nicht vergleichen. Längst ist die Kreuzfahrt die innovativste Branche in der Touristik.

Seit Jahren boomt das Kreuzfahrt-Business...

...weil Urlaub auf dem Wasser alle Komponenten hat, die man braucht, um sich zu erholen. Sie checken einmal ein und packen nur einmal ihre Koffer aus. Sie sehen tagsüber andere Städte und Länder. Was immer sie auch machen, egal welchen Landausflug, abends kehren sie in die eigenen vier Wände zurück. Im Vergleich zum stationären Hotel ist das ein großer Vorteil. Außerdem: Wenn beim Urlaub im Hotel eine Woche lang schlechtes Wetter herrscht, haben sie Pech. Aber auf dem Schiff sind sie am zweiten oder dritten Tag schon wieder ganz woanders.

Die Passagiere können sich in der Fremde zu Hause fühlen.

Ja, das ist ein wichtiges Kriterium einer Urlaubsentscheidung. Wo immer ich auch unterwegs bin, sei es in Südamerika, habe ich meinen Rückzugsort. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Dabei sehe ich die Welt und erweitere meinen Horizont.

Welche Rolle spielen die übrigen Gäste an Bord?

Eine der wichtigsten Dinge, die ich in der Club-Hotellerie gelernt habe: Die Homogenität einer Gästestruktur ist Teil des Wohlbefindens im Urlaub. Ich möchte mit Menschen zusammen sein, die gleichgelagerte Interessen haben, und vielleicht auch neue Freunde gewinnen.

Aber das trifft aber nur für kleinere Schiffe zu.

Ja, das stimmt für unsere Luxus- und Expeditionsschiffe.

Nicht für die Megaliner mit 6000 Passagieren?

Die großen Schiffe haben auch ihre Berechtigung. Heute gibt es für fast jeden Geschmack und Geldbeutel das richtige Schiff. Auch sind die Bedürfnisse unterschiedlich. Manche Kreuzfahrtschiffe sind selbst zur Destination geworden. Die brauchen dann Wasserrutschen, eine Eislaufbahn und noch ein weiteres Theater. Das Routing spielt weniger eine Rolle.

Sie sprechen von den riesigen US-Schiffen. Sind Sie schon einmal mitgefahren?

Ja, mehrmals. Man muss für sich selbst entscheiden, was man möchte, fühle ich mich wohl an Bord eines solchen Schiffs? Ich persönlich habe keinen guten Orientierungssinn und verlaufe mich ständig. Auf der anderen Seite gibt es eine Vielfalt, wenn sie das mögen. Und wenn sie nach einer Reise manch einen Passagier fragen, wo sie die ganze Woche unterwegs waren, wissen die Gäste das kaum, weil das Schiff ihnen so viel geboten hat.

Die Branche protzt mit immer neuen Superlativen. Hat sie nicht bald eine Grenze erreicht?

Nein, technisch ist alles machbar. Man könnte Schiffe für 15.000 Passagiere bauen, aber das Regulativ sind die Häfen und deren Logistik. In Barcelona oder Venedig wird über diese Thematik berechtigt diskutiert. Aber es gibt den Markt, und der wächst weltweit. In Deutschland haben wir 2016 zwei Millionen Kreuzfahrtgäste gehabt. Ich halte es für realistisch, dass es bis zum Jahre 2020 drei Millionen Passagiere geben wird. Weltweit werden bis 2024 noch 70 neue Kreuzfahrtschiffe gebaut.

Sie lassen gerade zwei neue Expeditionsschiffe in Norwegen bauen. Warum werden die nicht mit Flüssigerdgas (LNG) angetrieben?

Expedition lässt keinen Raum für Experimente. Wir bewegen uns in einer Nische und haben ein spezielles Know-how und ein besonderes Routing entwickelt. So werden wir mit der "MS Bremen" die ersten sein, die die Arktis umrunden und die Nordwest- und die Nordost-Passage hintereinander befahren können. Daher haben wir in der Planung der Expeditionsneubauten früh überlegt, welche Antriebe die neuen Schiffe haben sollen. Aber in Regionen wie Kamtschatka oder am Amazonas wird es in den nächsten zehn oder 15 Jahren keine LNG-Versorgung geben. Daher scheidet Flüssiggas für uns aus. Aber mit Landstromanschlüssen werden die "Hanseatic Nature" und "Hanseatic Inspiration" bereits ausgestattet sein. Zudem kommt rund 70 Prozent schwefelarmer Marinediesel zum Einsatz.

Andere Expeditionsschiff-Reedereien werden mit Hubschraubern und U-Booten ausgestattet sein.

Wir haben uns bewusst gegen solche Marketing-Gadgets entschieden. Bei Reisen in die Polarregionen tragen wir die Verantwortung für die Destination. Da müssen wir uns in die Situation der Einheimischen versetzen, des Eisbärs oder des Pinguins, der Flora und Fauna. Sollen wir da mit dem Helikopter rumfliegen? Das passt einfach nicht, das wollen wir nicht und auch nicht unsere Gäste.

Mit der als Top-Schiffe ausgezeichneten "Europa" und "Europa 2" sind sie in einer Luxus-Nische unterwegs. Wie entwickeln sich die Ansprüche dieser Gäste?

Der Luxusmarkt verändert sich, weg von Haben und hin zum Sein. In den vergangenen Jahren hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Wir verkaufen nicht nur eine Kabine, sondern gerade im Bereich der Luxus- und Expeditions-Kreuzfahrten vor allem einmalige Erlebnisse und Emotionen, die ich woanders so nicht kaufen kann. Das unterscheidet uns auch vom Rest des Marktes.

Verlangen die Leute keinen Kaviar mehr?

Champagner und Kaviar gelten weiterhin als Luxus und werden gerne in Anspruch genommen. Aber das Kernthema, jemanden abzuholen und im Urlaub zufriedenzustellen, ist heute Individualität. Es gilt, die Wünsche der Gäste zu antizipieren, jeder möchte individuell wahrgenommen werden. Wenn wir das schaffen, dann haben wir einen wiederkehrenden Kunden gewonnen.

Welches sind die am häufigsten geklauten Gegenstände an Bord?

Bei uns nehmen die Gäste kaum etwas mit. Das hat nicht nur logistische Gründe, denn die Passagiere kommen eh mit vollen Koffern und haben viele Sicherheitschecks, wenn sie von Bord gehen. Wir haben auch viele Stammgäste. In Hotels an Land ist das anders. Als ich noch General Manager war, kam einmal ein Controller zu mir und klagte über die vielen mitgenommen Aschenbecher und Bademäntel. Das alles würde so viel Geld kosten. Na und, was ist schlimm daran?, fragte ich zurück. Verbuche es als Marketing, ein besseres Kompliment kann man vom Kunden gar nicht bekommen.

Ihre Schiffe gleiten langsam durchs Wasser. Sie aber lieben Geschwindigkeit. Wann waren sie zuletzt auf der Piste und haben richtig Gas gegeben?

Letztes Jahr, leider aus Zeitgründen nur einmal. Da bin ich ein Rennen gefahren, auf einem Porsche Carrera. Denn Motorsport ist meine Leidenschaft. Eigentlich komme ich aus der Formel Ford und Formel 3, bin mit David Coulthard, Rubens Barricello und Michael Schumacher gefahren. Meine Rundenzeiten waren ganz ordentlich. Aber dass ich nicht schneller war, zeigt, warum ich jetzt hier sitze.

Sie wollten ursprünglich Rennfahrer werden?

Bis zur ersten Klasse wollte ich Schaffner oder Fahrdienstleiter werden. Aber dann merkte ich, dass zehn Jungs in meiner Klasse denselben Wunsch hatten. Von dem Tag an wollte ich Rennfahrer oder Hotelier werden. Aber ich habe in neun verschiedenen Ländern gelebt. Jedes Mal musste ich neue Sponsoren finden, eine Kontinuität aufzubauen war schwer. Irgendwann musste ich mich entscheiden. In einer Hotelkarriere sah ich bessere Chancen. Aber so ganz habe ich mit dem Motorsport nie aufhören können und bin so doch irgendwie beides geworden.

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Interview: Till Bartels

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