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Qantas-Notlandung nach Triebwerkschaden: Wie sicher ist der Airbus A380?

Nach der Notlandung von Flug QF32 hat Qantas alle weiteren Flüge mit dem Riesenairbus abgesagt. Experten suchen die Ursache des Triebwerksschadens. Müssen jetzt weitere A380 am Boden bleiben?

Von Till Bartels

Ein vollbesetzter Airbus A380 mit 459 Menschen an Bord ist am Donnerstag nach dem Ausfall eines Triebwerks kurz nach dem Start in Singapur zurückgekehrt und notgelandet. Augenzeugen auf der indonesischen Insel Batam bei Singapur hatten einen lauten Knall gehört und später Trümmerteile auf dem Boden gefunden.

Passagiere berichten von einer Explosion im hinteren Teil eines Triebwerkes. "Ich habe nur diesen massiven Knall gehört, wie eine Schrotflinte, die abgefeuert wird", sagte Passagier Tyler Wooster im australischen Fernsehen. Ein Teil des Triebwerksgehäuses habe sich abgeschält, darunter sei Hartschaum zum Vorschein gekommen, abgerissene Drähte hätten herausgeragt.

"Der Motor hat sich zerlegt"

Nach ersten Erkenntnissen hatte sich am Triebwerk Nummer zwei des vierstrahligen Jets der hintere Teil gelöst. Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth geht davon aus, dass sich eine Verdichterschaufel aus Titan in der Turbine gelöst hat. "Der Motor hat sich zerlegt", sagte er im Gespräch mit stern.de, nachdem er erste Aufnahmen des Airbus auf der Website The Aviation Herald gesehen hat.

Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt spricht von einem sehr schwerwiegenden Zwischenfall. Er sieht die Ursache für die Notlandung des A380 in Singapur eher beim Triebwerkhersteller Rolls Royce als bei der Fluggesellschaft Qantas oder bei Airbus."Mit aller Vorsicht, (es ist) wahrscheinlich eher kein Qantas-Wartungsproblem, auch kein Airbus-Problem, sondern ein Problem des Triebwerkherstellers Rolls Royce, dessen Triebwerk im Fluge versagt hat."

Da die Ursachen für die Triebwerksexplosion noch nicht geklärt sind, hat Qantas-Chef Alan Joiyce alle weiteren Flüge mit diesem Flugzeugtyp abgesagt. Die australische Fluglinie schicke eine andere Maschine nach Singapur, um die gestrandeten Passagiere von dort aus am Freitag nach Sydney zu fliegen. Singapore-Airlines hat dagegen die Flüge mit den A380-Maschinen nicht komplett ausgesetzt, sondern für die Dauer einer technischen Inspektion nur verschoben. "Unser Triebwerkshersteller Rolls Royce und der Flugzeugbauer Airbus haben uns geraten, vorsorglich technische Wartungen an unseren A380-Flugzeugen durchzuführen", teilte Singapore Airlines mit. Lufthansa plant vorerst keine Flugstreichungen für ihr neues Flaggschiff A380, wie ein Sprecher am Donnerstagvormittag in Frankfurt erklärte.

Sieben Millionen Passagiere

Bei dem Triebwerksproblem über der Insel Batam handelt es sich um den bisher schwersten Zwischenfall einer A380. In den ersten drei Betriebsjahren der A380 gab es einige Zwischenfälle wegen technischer Probleme, jedoch endeten alle ohne Verletzte oder größere Sachschäden. Im September 2009 musste eine A380 der Singapore Airlines mit 450 Insassen wegen eines Triebwerkschadens in Paris notlanden. Im März dieses Jahres platzten bei der Landung einer Qantas-Maschine in Sydney zwei Reifen.

Das größte Passagierflugzeug der Welt kommt bei fünf Fluggesellschaften zum Einsatz. Nach Auslieferung des ersten Super-Airbus an den Erstkunden Singapore Airlines im Oktober 2007 sind bisher 37 Maschinen dieses Typs ausgeliefert worden. Nach Angaben von Airbus sind zusammen bereits mehr als sieben Millionen Passagiere beförderten worden.

Die australische Fluggesellschaft Qantas ist der zweitgrößte Kunde für dieses Modell. Sie hat derzeit sechs Maschinen im Einsatz und 20 Maschinen fest bestellt. Nur Emirates hat mit 90 Stück mehr Flugzeuge fest geordert. Neben Qantas, Emirates und Singapore Airlines kommt das doppelstöckige Flugzeug auch bei Air France und der Lufthansa zum Einsatz.

Bei den Passagieren ist der Super-Airbus besonders beliebt, weil er in allen Klassen mehr Platz bietet und die Innengeräusche wesentlich leiser sind als bei Jumbojet von Boeing. Airlines berichten, dass ihre Flüge mit diesem Flugzeugtyp wesentlicher besser ausgelastet sind, weil ihre Kunden bewusst A380-Flüge buchen.

Routine im Cockpit: Triebwerk abschalten

Bei der Qantas-Maschine mit der Kennung VH-OQA, die in der Nacht zum Donnerstag in Singapur notlanden musste, handelt es sich um den ersten Airbus A380, der an die australische Fluglinie am 19. September 2008 ausgeliefert wurde. Nach Angaben von Airbus hat das Exemplar 8165 Flugstunden bei 831 Flügen absolviert. Die Triebwerke, die stets von den Airlines ausgesucht werden, stammen von Rolls Royce. Airbus lässt zwei Arten zu: Motoren der Engine Alliance, einem Zusammenschluss der US-Hersteller Pratt and Whitney und General Electric, und das Rolls-Royce-Trent-900. Für letzteres Triebwerk entschieden sich auch Singpore Airlines und Lufthansa. Die A380 von Emirates und Air France sind von den Problemen mit dem Rolls-Royce-Turbinen nicht betroffen.

Für die Wartung ist nicht Airbus, sondern die Fluggesellschaft zuständig. In modernen Langstreckenmaschinen werden bereits während des Fluges Triebswerksparameter zu den Technikzentralen der Airlines am Boden übermittelt, um Unregelmäßigkeiten festzustellen. Daher gelten Strahltriebwerke als sicher, Triebwerksexplosionen kommen nur selten vor. Im Notfall schalten Piloten ein Treibwerk aus, lassen Kerosin ab und steuern den nächstgelegenen Flughafen an. Cockpit-Besatzungen spielen im Simulator das Szenario regelmäßig durch. Die Notlandung in Singapur hat gezeigt, dass eine A380 auch mit drei Triebwerken sicher zu fliegen ist.

Zuletzt war ein Triebwerk einer Boeing 747-400 am 30. August 2010 nur 45 Minuten nach dem Start in San Francisco explodiert. Die Maschine mit 230 Personen an Bord musste sofort umdrehen und landete wieder am Ausgangsflughafen. Das eigentliche Ziel der Passagiere war Sydney gewesen. Der Vorfall ereignete sich mit einem Jumbojet von Qantas.

mit Agenturen

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