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Reise-Chaos in Deutschland: Aschewolke drängt Menschen in überfüllte Züge

Die massiven Behinderungen im europäischen Luftverkehr durch den Vulkanausbruch in Island zwingen viele Fluggäste, auf Bus und Bahn umzusteigen. Die Züge der Deutschen Bahn fahren bereits mit Maximalkapazität.

Die Stimme von Mark Köslich klingt geduldig. Sogar ein Hauch von Humor schwingt mit. "Wir begrüßen alle zugestiegenen Fahrgäste", sagt Köslich kurz nach dem Hauptbahnhof Würzburg. "Auch die, die lieber geflogen wären." Köslich ist Zugchef im ICE 882 von München nach Hamburg-Altona. Sein Zug ist an diesem Freitag heillos überfüllt. Die Wolke aus Vulkanasche aus Island hat den Luftraum über Deutschland lahmgelegt. Tausende weichen auf die Bahn aus. Ausgerechnet Freitag, Hauptreisetag.

Schon beim Start in München ist der Zug voll. Junge Leute sitzen in den Fluren, lesen, hören Musik. Selbst in der 1. Klasse sitzen die Leute auf dem Boden. Erfahrene Bahnfahrer, wie Norbert von der Kammer aus Hannover, stürmen sofort in den Speisewagen. "Da ist meistens noch was frei", sagt der Geschäftsmann. Spätestens ab Würzburg klappt auch dieser Trick nicht mehr.

650 Passagiere fasst der ICE normalerweise. An diesem Freitag sind im Schnitt knapp 900 an Bord. Kurz vor Fulda wird Zugchef Köslich leicht nervös. "Bitte lösen Sie die Knoten in den Waggons auf." Seine acht Mitarbeiter vom Zugpersonal haben ihm gemeldet: "Kein Durchkommen mehr." Koffer, Kinderwagen, Menschen, stehend, sitzend liegend.

Im Speisewagen herrscht Ruhe. Gegessen wird in Schichten, wer fertig ist, steht freiwillig auf. "Immerhin sitzen", sagt Lydia Larwig. Die Münchnerin ist auf dem Weg zu ihrer Tochter an der Ostsee. "Eigentlich wollte ich fliegen", sagt sie. Erst eine halbe Stunde vorher erfährt sie, dass ihre Maschine nicht abheben kann. Nebenan im Bordbistro drängen sich die Menschen wie in einer Szenekneipe. Ab Kassel gehen in der Küche langsam die Vorräte zur Neige. "In Hannover können wir Nachschub holen", sagt Sandra Friebel vom Serviceteam. Mit Engelsgeduld balanciert sie Teller, Gläser und Tassen durch das Labyrinth aus Reisetaschen und Koffern.

Mark Köslich und seine Leute machen den Job ihres Lebens. In den knapp sechs Stunden zwischen München und Hamburg wird der Zugchef zum Krisenmanager. Köslich kümmert sich um kaputte Toiletten, hält Feuerlöscher frei und kümmert sich auch noch um den Müll. In Hannover atmet er durch: "Wir haben es fast geschafft", ermutigt er Fahrgäste, die noch aushalten müssen. Viele haben inzwischen über vier Stunden gestanden.

Eine gute Stunde später ist es dann soweit. Der ICE 882 rollt in Hamburg-Altona ein. Nur einige Minuten Verspätung - fast ein Wunder, dass es nicht mehr sind. Die Passagiere steigen erleichtert aus. Die vielgescholtene Bahn hat eine Bewährungsprobe bestanden. Mark Köslich beendet seine letzte von zahllosen Durchsagen: "Thank you for travelling with Deutsche Bahn."

DPA / DPA

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