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Meinung

Tourismus in der Mega-Krise: Was wird aus den schönsten Wochen des Jahres? Vom Ende der Reisefreiheit – vorübergehend

Geschlossene Grenzen und verwaiste Flughäfen, Reedereien stellen ihre Kreuzfahrten ein: Der Tourismus ist fast vollkommen zum Erliegen gekommen. Jetzt bitten sogar Weltkonzerne um Staatsknete.

Check-in-Schalter auf dem Flughafen in Palma de Mallorca: So sieht die Gegenwart des Reisens aus.

Check-in-Schalter auf dem Flughafen in Palma de Mallorca: So sieht die Gegenwart des Reisens aus.

DPA

Was die Flugscham-Debatte im vergangenen Jahr nicht erreicht hat, schafft das Virus binnen weniger Tage: eine massive Senkung des CO2-Ausstoßes der Airlines. Statt einer Diskussion um nachhaltiges Reisen und um die Kompensation von Flugreisen folgen mit einem Schlag radikale Taten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat.

Vergesst das gern propagierte Pflanzen von Bäumchen, mit dem Vielflieger ihren ökologischen Fußabdruck verringern sollen. Was die Regierungen an Maßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung beschlossen haben, hilft der Umwelt enorm. Airlines haben ihren Flugbetrieb um 80 Prozent reduziert oder stellen ihn ganz ein. Die Kreuzfahrtschiffe leeren sich, brechen nicht mehr zu neuen Reisen auf und verbrennen viel weniger Schweröl.

Auch die umweltschädlichen 9-Euro-Schnäppchenflüge sind vom Tisch. Mehr noch: Nicht nur die überflüssigen Reisen, die nur unternommen werden, weil es Billigangebote gab, sind kein Thema mehr, sondern de facto alle Reisen. Ohne dass es direkt ausgerufen wurde, gilt bald praktisch ein Reiseverbot. Fast scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch die Bahn ihren Fahrplan auf ein Minimum zurückfährt.

Und das in Deutschland. Wo doch jeder glaubt, dass ihm im Grundgesetz die Reisefreiheit und das Grundrecht auf Urlaub garantiert sei. Selbst in unserer Fantasie müssen wir uns plötzlich beschränken. Denn wer ertappt sich nicht bei dem Gedankenspielen: Kann ich im Juli noch nach Mallorca fliegen?

Wo überhaupt werde ich meinen Sommerurlaub verbringen? Auf Balkonien – oder gar in Quarantäne? Müssen die schönsten Wochen des Jahres in diesem Jahr ausfallen? Das prekäre an der momentanen Situation: Keiner weiß, wie lange der Zustand der Reisebeschränkung noch dauern wird.

Verkehrte Welt

Alleinfalls gibt es noch Fluchttourismus. Gemeint sind nicht die Migrationsbewegungen und Dramen an der türkisch-griechischen Grenze, sondern das zivilisatorische Phänomen, das am Wochenende nicht nur in deutschen Metropolen, sondern auch in Madrid auftrat: Großstädter flüchten zu ihren Zweitwohnsitzen auf dem Lande, wollten sich in Appartements am Meer einmieten.

Wenn die Firma einen schon zum Homeoffice zwingt, dann bitte wenigstens in einer netten Ferienwohnung auf Sylt oder an einem Ort in den Bergen. Doch was passiert, wenn diese Menschen zu medizinischen Notfällen werden und in der Provinz nicht genügend Betten in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen?

Das Auswärtige Amt rät von Auslandsreisen ab

Wie absurd die Situation geworden ist, zeigen auch die Nachrichten. Der weltgrößte Reiseveranstalter Tui teilte Sonntag nüchtern mit, man habe "mit der Vorgabe der jeweiligen Regierungen beschlossen, den größten Teil aller Reiseaktivitäten, einschließlich Pauschalreisen, Kreuzfahrten und Hotelbetrieb, bis auf weiteres auszusetzen." Was für ein Paukenschlag: Urlaub gibt's nicht mehr, vorerst. Zumindest wohl bis einschließlich Ostern. Und dass in einer für die Branche so wichtigen Reisezeit, die nach den flauen Wintermonaten wieder Geld in die Kassen spülen sollte. Sogar das Auswärtige Amt rät von Auslandsreisen ab.

Der Umsatz bricht ein, so sehr, dass der Reisekonzern Staatshilfe beantragen will. Düster sieht es auch für die Lufthansa aus. Der Branchenprimus in Europa, der im vergangenen Jahr wohl noch einen Milliarden-Gewinn erwirtschaftet haben darf – der endgültige Geschäftsbericht steht erst am 19. März Verfügung – verzeichnete bereits letzte Woche an einem Tag "mehr Stornierungen als Buchungen". Die Airline lotet die Chance auf Staatshilfe aus und setzt auf Kurzarbeitergeld. Die ganze Reisebranche benötigt sogenannte "Liquiditätshilfen".

Die für uns neue Abkürzung Covid-19 wird die Welt nachhaltig verändern. Die Zeiten der Reisen im Übermaß dürften endgültig vorbei sein, für Privat- wie für Geschäftsleute. Letztere merken gerade, dass die Arbeitswelt mit Skype und Videokonferenz funktionieren kann. Auch ohne Morgens-hin-und-abends-zurück-Meeting existiert die Welt weiter. Und seien wir ehrlich: Im Nachhinein scheint der eine oder andere Messebesuch, der jetzt ausfallen musste, eigentlich überflüssig gewesen zu sein.

Das Coronavirus bietet uns eine große Chance und hat auch etwas Positives: Es zwingt uns, unsere Reisegewohnheiten zu überdenken – mit nachhaltiger Konsequenz.

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