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Schlangen-Taktik des BVB: Totstellen, zuschnappen und warten bis der Gegner umfällt

Lange läuft die Borussia dem FC Bayern nur hinterher. Doch dann findet die Mannschaft von Jürgen Klopp wieder zu alten Tugenden zurück. Und die Totgeglaubten stehen plötzlich im Finale.

Von Felix Haas, München

Dortmunds Marco Reus springt über den gefallenen Bayern-Verteidiger Rafinha

Dortmunds Marco Reus springt über den gefallenen Bayern-Verteidiger Rafinha

Tote tragen keine Ghetto-Blaster. Sie lachen auch nicht und tanzen nicht und singen nicht. Spätestens um halb eins in der Nacht stand in der Allianz Arena fest: Der BVB lebt. Denn zu diesem Zeitpunkt erbarmten sich die Spieler und kamen nach einem verdienten Feiermarathon endlich raus aus der Kabine, machten sich auf zum Mannschaftsbus, stellten sich den Fragen der wartenden Journalisten.

Die meisten Bayern-Spieler waren längst auf der heimischen Couch, die Zeugwarte der Teams hatten schon die dreckigen Trikots in großen Wagen durch die Gänge gewuchtet, da kam dann weit mehr als eine Stunde nach Spielschluss Mats Hummels heraus und erläuterte, wie sie das gemacht hatten, die Dortmunder. Wie sie es geschafft hatten, sich 60 Minuten lang totzustellen, um dann schnell wie eine Schlange zuzuschnappen und sich gierig und geduldig in die nächste Ecke zurückzuziehen, bis der Gegner von alleine umfiel.

Ghetto-Blaster stiehlt Hummels die Show

Mats Hummels erzählte dann auch etwas von Räumen und Verschiebungen auf dem Spielfeld, das klang alles interessant - doch so professionell sich Hummels auch geben wollte, seine Teamkollegen Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang ruinierten ihm die Show.

Die beiden machten deutlich, wonach den BVB-Spielern gerade wirklich zumute war: zum Feiern. Sie trotteten mit Cappies, Kapuzen und tiefhängenden Hosen an Hummels vorbei und drehten einen Dance-Song auf den mobilen, Ghettoblaster-artigen Boxen auf volle Lautstärke. Hummels schaute sich um und lachte laut, er wusste: Kein Mensch kann mich gerade verstehen. Und er wusste wohl auch: Diese Szene war so viel aussagekräftiger als alles, was er hätte erzählen könnnen.

Rettung für die verkorkste Saison?

Der BVB steht im Pokal-Finale, die Saison, die bisher als verkorkst galt, sie kann noch gerettet werden. Und Trainer Jürgen Klopp darf weiter davon träumen, sich und allen BVB-Fans diesen einen letzten gemeinsamen Traum zu erfüllen: Noch einmal um den Borsigplatz fahren und feiern. Das ist noch immer möglich. Der BVB ist weiter, der FC Bayern raus. Schöner hätte sich wohl kein Borusse diesen Abend vorstellen können.

Dabei hatte der Abend gar nicht schön begonnen. "Die erste Halbzeit war sehr schlecht von uns", sagte Boss Hans-Joachim Watzke und untertrieb damit fast. Der BVB schien überhaupt nicht bereit, den Kampf gegen die dominanten Bayern aufzunehmen. Doch mit zunehmender Spieldauer ging der BVB resoluter beziehungsweise: überhaupt einmal in die Zweikämpfe – und schon bekamen die Bayern Probleme.

Die Borussia im Glück

Natürlich, das gaben auch Trainer Jürgen Klopp und Watzke zu, hatte die Borussia auch Glück. Nicht nur im Elfmeterschießen, sondern auch in der regulären Spielzeit und der Verlängerung. Die größten Glücksfaktoren: die Latte, Langerack und der Linienrichter, der ein klares Handspiel von Schmelzer ebenso übersah wie sein Chef Gagelmann auf dem Spielfeld.

Doch am Ende stand, wie Klopp sagte, ein "Höllenspiel" für den BVB. "Beide Mannschaften haben alles gegeben. Bayern war in der ersten Halbzeit sicherlich überlegen, aber wir haben uns den Ausgleich in der zweiten Halbzeit mehr als verdient", sagte der Coach und fügte noch mit einem Schmunzeln hinzu: "Es sollte heute sein! Jetzt sind wir weiter und fertig." Mit weiter hatte er natürlich recht. Mit fertig eher nicht.

Erstens, weil er nicht ahnen konnte, dass er an diesem Abend noch lange nicht fertig sein würde. Vor der Arena warteten hunderte BVB-Fans und feierten das Team und Klopp bis tief in die Nacht (Reus und Aubameyang holten wieder ihren Ghetto-Blaster dazu). Und zweitens ist der BVB natürlich nicht fertig, weil noch das große Finale wartet. Oder, wie es BVB-Abwehrspieler Erik sagte: "Noch ist überhaupt nichts gewonnen." Immerhin hat die schwarz-gelbe Schlange schon mal das größte Opfer erlegt.

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