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Jahreshauptversammlung Der FC Bayern zeigt, dass er seinen moralischen Kompass längst verloren hat

Herbert Hainer spricht auf der Bayer-Jahreshauptversammlung in München
Bayern Präsident Herbert Hainer forderte auf der Jahreshauptversammlung eine ruhige und sachliche Diskussion um das Thema Katar – mit Buhrufen war er überfordert.
© Ulrich Gamel/kolbert-press / DPA
Schon seit Jahren tänzelt der FC Bayern um das Thema Katar herum. Das Geld aus dem Wüstenstaat nimmt man gerne, Kritik ist dagegen unerwünscht. Wie der Verein mit seinen Mitgliedern umgeht, hat die Jahreshauptversammlung gezeigt.

Für die Führungsriege des FC Bayern muss sich dieser Abend der Jahreshauptversammlung angefühlt haben, wie das verlorene Elfmeterschießen 2012 im "Finale Dahoam". Die Bosse des größten deutschen Clubs wirkten geschockt, fassungslos, erbost: Der Pöbel hatte aufbegehrt. Die Mitglieder des FC Bayern München e.V. hatten von ihrem Recht Gebrauch gemacht, ihren Mund aufzumachen und Kritik zu üben. Für die obersten Herren sehr offensichtlich ein Affront. Die Veranstaltung legte offen, wieso es seit Jahren zwischen Verein und Chefetage kriselt: Die Bosse zeigten sich verständnislos, arrogant, teilweise ekelhaft überheblich.

Im Königreich Säbener Straße ist Kritik unerwünscht. Ganz besonders, wenn es um ein Thema geht, das sehr sensibel, weil kostspielig ist: Katar. Mit Blick auf die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr stellen sich immer mehr Fans die Frage, wie man vergnügt ein Fußball-Turnier schauen kann, ohne sich mitschuldig zu machen, an den Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutungen von Wanderarbeitern, offenem Sexismus und Unterdrückung von Minderheiten, wie es in dem Emirat der Fall ist. 

Für die Fans des FC Bayern ist dieses Problem ein noch viel persönlicheres. Ihr Verein kooperiert seit Jahren mit dem Wüstenstaat und ihre Spieler betreten Woche für Woche mit einem Logo von "Qatar Airways" auf dem Ärmel die Spielfelder der Bundesliga. Auch ihr Trainingslager findet in Katar statt. 

Kahn duckt sich weg, Hainer gibt sich gönnerhaft

Grund genug also, darüber zu sprechen − auch wenn das nicht jeder wollte. Vorstandschef Oliver Kahn schaffte es besser sich vor dem Thema wegzuducken, als früher Bälle aus den Winkeln seines Tores zu kratzen. Kahn nahm an diesem Abend das Wort "Katar" nicht einmal in den Mund.

Präsident Hainer wählte dagegen die Taktik "Angriff ist die beste Verteidigung" und sprach das Thema offen an. Der Verein würde sich einem sachlichen Diskurs stellen, so Hainer mit einem gönnerhaften Grinsen, aber eine Wortwahl wie "niederträchtig oder feige" passe nicht zum FC Bayern. Als Kritik in Form von Buhrufen aus dem Publikum kamen, wirkte Hainer verwirrt, starrte einen Moment in die Reihen wie ein autoritärer Vater, der das erste Mal Widerspruch von seinem Kind bekommt. Bis er süffisant fragte, ob die Fans in der Halle denn etwas gegen einen sachlichen Diskurs hätten? 

Irgendwann ist Geld so blutig, dass es nicht mehr stinkt

Hainer zeigt allein in diesen kurzen Episoden, welch Geistes Kind er und auch die restliche Führungsetage der Bayern ist: solange die Fans das Stadion vollmachen, brav Merchandise und Ticketgelder zahlen und durch ihre Unterstützung den FC Bayern zu einem attraktiven Produkt machen, sind sie willkommen. Aber man duldet keine Nachfragen. An der Säbener Straße herrscht nicht der Anstand, sondern das Geschäft. Und irgendwann ist Geld ja auch so blutig, dass es nicht mehr stinkt. 

Als Uli Hoeneß vor einigen Wochen im "Sport1 Doppelpass" von dem Journalisten Lucas Vogelsang darauf aufmerksam gemacht wurde, dass beim Stadionbau in Katar bereits mehr als 6500 Arbeiter ums Leben gekommen seien, entgegnete dieser: "Ja, aber doch in 10 Jahren...". Eine Pointe braucht es in diesem Fall wohl nicht.

Die vollkommen wahnsinnige Wahl Katars zum WM-Standort ist das eine. Als privat geführter und eigentlich von Mitgliedern bestimmter Club Geschäfte mit einem solch skrupellosen Regime zu machen, ist das andere. Seinen Kritikern dann aber auch noch vorzuschreiben, in welcher Art und Weise sie diese Geschäfte kritisieren dürften, ist an Arroganz kaum zu überbieten.

Der FC Bayern hat spätestens mit seinem Katar-Deal seinen moralischen Kompass verloren. Oder besser gesagt: In hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Das Argument "die anderen Vereine machen das doch auch alle" sollte nicht der Gradmesser sein. Und bei aller Leistung, die der Verein in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat, sollte er nicht vergessen, wofür er jeden Samstag auf dem Platz steht: Nicht für Scheichs und Geschäftspartner, sondern für seine Fans.


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