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Schlag 12, der Mittagskommentar aus Berlin: Boykottiert Blatter!

Die Wiederwahl des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter steht an. Wer sie boykottiert, macht sich um den Weltfußball verdient. Blatter selbst versteht nicht mehr, was er gerade anrichtet.

Von Axel Vornbäumen

Geht auch eine Nummer kleiner: Sepp Blatter, Noch-Präse der Fifa

Geht auch eine Nummer kleiner: Sepp Blatter, Noch-Präse der Fifa

Mein Kollege Andreas Borchers hat gestern an dieser Stelle in letzter Konsequenz gefordert: "Zerschlagt die Fifa!". Für alle, die den Kommentar nicht zu Ende gelesen haben: Es lohnt sich. Für alle, die ihn zu Ende gelesen haben und schon zu träumen begonnen haben: So wird es nicht kommen!

Aber es geht eine Nummer kleiner - und weit mehr als nur symbolische Wirkung hätte das auch: Boykottiert Blatter!

Was würden Sie im Fifa-Skandal tun?

79 Jahre Engstirnigkeit

Boykottiert die am morgigen Freitag anstehende Wiederwahl-Farce des Fifa-Präsidenten. Boykottiert diesen eitlen alten Potentaten, der in der ganzen Engstirnigkeit seines 79jährigen Funktionärslebens nicht sieht, was er da gerade anrichtet. Und was er, sollte er im Amt verbleiben, noch anrichten wird. Boykottiert diesen Sepp Blatter, der in seinem Streben nach Machterhalt sich nicht um ein Jota unterscheidet von Burundis Präsident Nkurunziza.

Es sind die letzten Druckmittel, die, wenige Stunden vor Beginn des Fifa-Kongresses, noch bleiben, um das jämmerliche Dasein dieses Machtapparates nicht in einer Endlosschleife zu verlängern. Von alleine wird der Fifa-Präsident nicht drauf kommen, sichtbare Konsequenzen zu ziehen. "So wie ich ihn kenne, wird er nicht zurücktreten. Er hat Angst vor dem großen Loch", sagt der frühere Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni. Die Angst des Funktionärs vor dem großen Loch - wie unglaublich kleingeistig die große Welt bei genauer Betrachtung doch sein kann.

Der Anschlusstreffer

Es ist an der Zeit, Zeichen zu setzen. Wann, wenn nicht jetzt?! Die Europäische Fußball-Union erwägt den Boykott der Wahl. Nichts spricht gegen einen solchen Schritt, alles spricht dafür. Die Wahl Blatters wäre dann immer noch möglich - aber ein demonstratives Fernbleiben der Uefa hätte dramatische Auswirkungen. Europa, auch wenn es in der Fifa nicht über die entscheidenden Stimmen verfügt, ist nicht irgendwer - hier ist die Wiege des Fußballs. Und vielleicht zieht eine konsequente Haltung der Europäer ja andere mit: Angeblich überlegen Funktionäre aus Südamerika ebenfalls, ob sie die Wahl Blatters noch mittragen können.

Große Veränderungen brauchen ihr Momentum. Die US-Justizministerin Loretta Lynch hat das mit ihrem öffentlichkeitswirksamen Schritt gegen die Fifa-Funktionäre getan. Der Anstoß kam von außen, nun muss auch der Druck von innen steigen. Sollte Blatter stürzen, dann wäre das, nein, nicht der Beginn der Zerschlagung der Fifa. Es wäre so etwas wie ein spätes Anschlusstor im längst verloren geglaubten großen Spiel um die Reinheit des Weltfußballs. Dann wäre wieder ein bisschen von dem da, was ja bekanntlich zuletzt stirbt: Hoffnung.

Axel Vornbäumen betreibt gelegentlich Milieustudien. Heute Abend beobachtet er in der Kneipe den bekennenden KSC-Fan und Kollegen Borchers beim Relegationsspiel gegen den HSV. Man kann ihm auf Twitter unter @avornbaeumen folgen.

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