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Formel 1: Bahrain-Grand-Prix - Red Bull rätselt, Ecclestone schaut weg

Mercedes hat doch keinen Reifenfresser gebaut, Ferrari hofft auf Regen in der Wüste und Bernie Ecclestone schaut einmal mehr nur aufs Geld. Wir klären auf, warum wir die spannendste Saison seit Jahren erleben und das Rennen in Bahrain dennoch nicht stattfinden sollte. 

Diese Formel 1-Saison ist unberechenbar. Und sie ist genau deshalb eine der spannendsten Saisons überhaupt. Wir beleuchten, warum Red Bull die Dominanz abhandengekommen ist, und was die Saison so herrlich unbeständig macht. Allerdings wollen wir die Lage in Bahrain nicht unbeachtet lassen und sparen nicht mit Kritik an Bernie Ecclestone.

Drei Rennen sind vorbei, es gab drei unterschiedliche Sieger. Mit Lewis Hamilton führt derzeit ein Fahrer die WM an, der noch keinen Sieg einfahren konnte. Das einzige Team, das bei allen drei Rennen ein Platz auf dem Podium ergattern konnte, war McLaren. Die Leistungen der Piloten und der Autos schwanken von Rennen zu Rennen, ja sogar von Qualifikation zu Rennen. Die Experten sind begeistert.

Formel 1-2012: Superspannend und faszinierend 

"Es ist eine superspannende Saison, die wirklich Laune auf mehr macht. Es ist Abwechslung drin, es sind neue Leute vorne. Für mich ist es eine der besten Saisons, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Wenn sogar ein alter Hase wie ich so auf das nächste Rennwochenende brennt, sagt das viel aus!", zeigte sich der 61-jährige Hans-Joachim Stuck laut motorsport-total.com euphorisiert.

“Wir hatten drei sehr unterschiedliche Rennen, und ich denke, wir werden womöglich 20 sehr verschiedene Rennen bekommen. Das ist faszinierend“, schwärmte auch McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. Die Frage ist nur: Warum ist die Saison so spannend? Sprich: Warum liegen die Teams so dicht beieinander und warum ist Red Bull soweit ins Hintertreffen geraten.

Geld regiert, Autos fahren, Menschen leiden

Bevor wir uns um den strauchelnden Riesen Red-Bull und den neuen Glanz der Silberpfeile kümmern, darf eine Einschätzung der politischen Dimension des Grand Prix im Inselstaat Bahrain nicht fehlen.

Im Zuge des Arabischen Frühlings kam es vor einem Jahr auch in Bahrain zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Teilen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und den Sicherheitskräften der sunnitischen Königsfamilie. Saudi-Arabien kam dem Monarchen zur Hilfe und entsandte Soldaten und Polizisten um den Aufstand der Oppositionellen niederzuschlagen. Zur heutigen Lage in Bahrain äußerte sich Wolfgang Grenz, Chef von Amnesty Deutschland, gegenüber welt.de.

In Bahrein ist nicht alles in Ordnung

"Im Vergleich zu 2011, als das Rennen abgesagt wurde, hat sich die Menschenrechtssituation leicht verbessert. Dennoch kommt es weiterhin zu Verhaftungen von Demonstranten, Kritikern und Oppositionellen. Darüber hinaus sind mehrere Fälle von Folter bestätigt. Außerdem geht es in unserem Bericht darum, dass kaum Verantwortliche der Vorfälle des vergangenen Frühjahrs, als die Aufstände blutig niedergeschlagen wurden, zur Rechenschaft gezogen worden sind. In Bahrain werden weiterhin Menschenrechte verletzt, daran besteht kein Zweifel.“

"Wir haben eine Absage empfohlen, weil es das richtige Signal gewesen wäre. Jetzt findet das Rennen statt. Das wirkt wie die Botschaft, dass in Bahrain alles in Ordnung ist. Das ist es aber keinesfalls, dieses Signal ist falsch“, so Grenz. Das sagt auch Zainab al-Khawaja, deren Vater vor lebenslanger Haft steht, weil er für die Einhaltung der Menschenrechte in Bahrain auf die Straße gegangen ist. "Die Regierung will die Formel 1 benutzen, um den Leuten zu sagen, es ist doch alles in Ordnung in Bahrain. Das ist es nicht!“ (BBC).

Die traurige Formel 1-Tradition

Die Reaktion von FIA-Präsident Jean Todt: "Wir sind nur am Sport interessiert, nicht an der Politik.“ Formel-1-Boss Bernie Ecclestone legt ebenfalls die Scheuklappen an. "Wir mischen uns nicht in Politik oder Religion ein." Diese Haltung hat eine traurige Tradition. Von 1977 bis 1981 fuhr man Rennen in Argentinien, wo die Bevölkerung unter einer Militärdiktatur litt. 1985 gastierte man im Apartheids-Staat Südafrika. Renault und Ligier boykottierten den Grand Prix. Niki Lauda traute sich damals verhaltene Kritik zu äußern.

"Ich will nicht politisieren, das steht mir nicht zu. Aber was hat die Formel 1 in einem Krisengebiet verloren, in dem es jeden Tag rund gehen kann?“, so der damalige Titelverteidiger laut faz.net. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb damals: "Die Politik der Formel 1 hat nichts mit Weltpolitik zu tun. Sie dreht sich vor allem um Millionen. Egal, wo und auf welcher Straße sie liegen.“

Das Rennen sollte nicht stattfinden

Zurück in der Gegenwart wird zumindest die Sicherheit der Teams von allen Seiten beteuert. Dennoch: RTL und Sky übertragen zwar das Rennen, Sky Deutschland schickt aber keine eigenen Mitarbeiter nach Bahrain. "Die Situation ist zu unübersichtlich und zu gefährlich“, erklärte Sprecher Dirk Grosse. RTL bemühte sich bis zuletzt vergeblich um ein Visum für Auslandsreporterin Antonia Rados. Politische Journalisten scheinen derzeit unerwünscht in Bahrain. Ein Boykott wäre die richtige Entscheidung gewesen, keine Frage.

Eine kunstvoll gedrechselte Überleitung von den schwerwiegenden politischen Bedingungen im Bahrain zur sportlichen Vorschau auf das Rennen scheint zum Scheitern verurteilt. Deshalb sparen wir uns eine solche und wiederholen die Eingangsthese: Die spannendste Formel 1-Saison seit langem.

Red-Bull-Flügel bewusst gestutzt 

Es gibt nur ein Team im Feld, dem die Spannung so gar nicht schmeckt. Red Bull wünscht sich die Überlegenheit des letzten Jahres zurück. Doch die Zeiten, in denen Milch und Gummibärchensprudel flossen, sind vorbei und das hat hauptsächlich technische Gründe.

Das Ende der Dominanz von Red Bull hat sicherlich nicht unwesentlich mit dem Verbot des auspuffangeströmten Diffusors zu tun. "Wir haben beim Auto nicht mehr die Überlegenheit, die wir im Vorjahr hatten. Das ist auf diverse technische Änderungen zurückzuführen, die bewusst gegen Red Bull durchgesetzt wurden", so Red-Bull Motorsportberater Helmut Marko auf motorsport-total.com. Die Flügel des Red Bull wurden gestutzt, nun ist das gesamte Gleichgewicht des Fahrzeuges aus den Fugen geraten. Die geringe Höchstgeschwindigkeit des Red Bull macht sich nun bemerkbar.

Red Bull fehlt noch das Reifen-Feeling

"Wir hatten noch nie einen guten Topspeed, aber das kam aufgrund unseres immensen Abtriebs nicht so zur Geltung, weil wir aus den Kurven um so viel schneller herausgekommen sind als die anderen, dass der Speed auf der Geraden nicht mehr relevant war. Das ist dieses Jahr ein zusätzliches Problem", so Marko laut motorsport-total.com. Dazu kommt das Problem mit den Pirelli-Reifen. "Das Andere ist, dass die Reifen eine Charakteristik haben, die bis jetzt von niemandem durchschaut wurde. Das soll aber nicht entschuldigen, dass unser Auto nicht auf dem Stand ist, auf dem es sein sollte", betonte Marko.

Vor allem an den schlechten Ergebnissen im Qualifying muss das Team arbeiten. "Wir haben gesehen, dass wir im Rennen wettbewerbsfähig sind, aber es hilft nichts, wenn man so weit hinten startet. Und: Wir müssen das Auto kalkulierbarer machen." Eine ganz andere Qualifying-Leidensgeschichte hatte Mercedes bis um Rennen in Shanghai zu erzählen. Die Trainingsweltmeister in Silber legten starke Zeiten vor, blieben aber bis dahin in den Rennen hinter den Erwartungen zurück. Schuld waren auch hier die Reifen!

Mercedes ist doch kein Reifenfresser

"Keiner hat geglaubt, dass Mercedes in puncto Reifenverschleiß so einen Fortschritt macht. Aber das Temperaturfenster war relativ gleichmäßig und das haben sie hundertprozentig getroffen. Da hat alles funktioniert", lobt Hans-Joachim Stuck. Bei Mercedes hatte man schon Angst, der neue F1 W03 sei wie das Vorgängermodell ein Reifenfresser. "Wenn man es mit diesen Reifen hinbekommt, dann kann man schaffen, was uns gelungen ist", so Ross Brawn zur Überraschung in China. Die entscheidende Komponente ist also derzeit die Reifenabnutzung.

Wie stellt man das Auto ein, das es die Reifen optimal anspricht, nicht zu schnell abnutzt? Wie kann der Pilot durch seine Fahrweise die Reifen schonen? Und das, unter den sehr unterschiedlichen Bedingungen der jeweiligen Strecke. Pirelli-Sportchef Paul Hembery dazu gegenüber auto motor und sport: "In Bahrain erwarten die Fahrer einige technische Herausforderungen. Bei heißen Temperaturen über 30 Grad arbeiten die Gummimischungen unter extremen Bedingungen (…) Auf jeden Fall erwarten wir einen deutlich spürbaren Reifenverschleiß, der den Teams einiges bei der Ausarbeitung der richtigen Strategie abverlangt“, so der Experte.

Kann Ferrari auf Regen hoffen?

Hembery weist auch auf die Veränderungen der Streckenbedingungen im Laufe des Wochenendes hin. "Da die Strecke nicht viel genutzt wird, wird sie sich im Verlauf des Wochenendes stark verändern, je mehr Gummi sich auf dem Asphalt ablagert. Ein wichtiges Thema ist der Sand auf der Strecke. Es dauert immer eine Weile, bis der staubige Abschnitt sauber gefahren ist. Außerdem kann dadurch Graining verursacht werden. Insbesondere die Traktion auf der Hinterachse ist ein Schlüssel zum Erfolg beim Qualifying und im Rennen."

Wer die beste Traktion herstellen kann, bleibt abzuwarten. Neben den vergleichsweise konstanten McLaren, die mit ähnlichen Temperatur-Bedingungen zuletzt gut zurechtkamen, darf man nun auch auf Mercedes hoffen. Und das nicht nur im Qualifying. Vergessen wir aber Red Bull, Lotus, Williams und Sauber nicht. Und Ferrari? Das Team aus Maranello wird auf Regen in der Wüste hoffen. Ein ebenso hoffnungsloses Unterfangen, wie der Versuch, Bernie Ecclestone auf die politischen Rahmenbedingungen in Bahrain aufmerksam zu machen.

Michel Massing 

sportal.de / sportal

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