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Formel-1-Team Brawn: Kalkuliertes Wunder

Neues Team, erstes Rennen – und gleich ein Doppelsieg in Melbourne: So ist noch kein Rennstall in die Formel 1 gestartet. Doch es gibt gute Gründe.

Von Juha Päätalo, Melbourne

Der Doppelsieg des in Melbourne erstmals antretenden Rennstalls Brawn GP hat bei den etablierten Teams eine Schockstarre hinterlassen. "Ich glaube", sagte etwa BMW-Sportdirektor Mario Theissen, "dass Button nur den Sicherheitsabstand zu Vettel aufgebaut hat." Jeder ahnt, dass Brawn-Pilot Jenson Button nicht die ganze Stärke des Autos gezeigt hat. Das letzte Mal, dass ein Wagen bei seinem ersten Rennen einen derart überragenden Eindruck hinterlassen hat, war 2004. "Aber damals war es eine andere Situation", erinnert sich Rubens Barrichello, der 2004 den damals legendären Ferrari fuhr - und jetzt das Brawn-Auto. Der Grund: "Damals haben wir das Auto vor der Saison 30.000 Kilometer getestet, jetzt nur 1500."

Der märchenhafte Einstiegserfolg, den Brawn GP in Melbourne vollbrachte, kommt der Formel 1 in Zeiten der Wirtschaftskrise sehr gelegen. Das Interesse an dem Sport wächst, weil die ganze Welt rätselt, warum Brawn GP quasi aus dem Nichts ein Siegerauto gebaut hat. Und das, obwohl die Zukunft des Teams vor vier Wochen noch auf der Kippe stand. Brawn GP flirtet gerne mit dem Image des Underdogs. Aber das Wunder von Brawn GP hat eine gut kalkulierte Vorgeschichte. Und sechs gute Gründe.

1. Alte Bekannte

Bei Brawn GP arbeiten immer noch dieselben 700 Mitarbeiter wie früher für das Team Honda. Erst morgen müssen 270 von ihnen gehen, weil dann die Jobgarantie des japanischen Autobauers endet. Bis heute hat das Team die fast unerschöpflichen Finanzmittel von Honda zur Verfügung gehabt, um den neuen Boliden zu einem Siegerauto zu machen. "Und das Team ist auch jetzt nicht gerade unterfinanziert", sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh in Melbourne. Er muss es wissen. Schließlich liefert McLaren-Partner Mercedes die Motoren auch für das Brawn-Team. Im Fahrerlager munkelt man, dass Brawn GP immer noch ein Budget von 160 Mio. Euro hat.

2. Feinste Technik

Der neue Rennstall verfügt im zentralenglischen Brackley über technische Anlagen, die selbst Ferrari oder McLaren neidisch machen würden. Dazu gehören drei hochmoderne Windkanalanlagen, in denen die feinen Details des BGP 001 ausgetüftelt wurden. Ross Brawn hat also genau gewusst, was aus dem Auto werden kann, wenn das Team nur überlebt.

3. Der Chef

Ross Brawn ist die Schlüsselfigur dieses Erfolgs. "Ross, du bist eine Legende!", gratulierte sein Fahrer Button in Melbourne. Brawn, ein Atomphysiker, wurde zu Beginn des Jahres 2008 als Retter von Honda eingestellt. Er ist nach einem Sabbatjahr nicht zu seinem früheren Arbeitgeber Ferrari zurückgekehrt, wo er als technischer Direktor tätig war. Er nahm stattdessen die Herausforderung an, das erfolglose Honda-Team nach vorne zu bringen. Man kann sich leicht ausmalen, wie das Honda-Management nun in Tokio über den Ausstieg denkt. Brawn dagegen darf seinen Lebenstraum erfüllen und mit einem Team um den WM-Sieg kämpfen, das seinen eigenen Namen trägt. Eine größere Motivation kann es für ihn gar nicht geben.

4. Schlupfloch im Regelwerk

Der Teamchef hat, genau wie Toyota und Williams, ein Schlupfloch im Reglement ausgenutzt und einen zweiten Diffusor - einen Windkanal im Unterboden - gebaut, der rund 20 Prozent mehr aerodynamische Effizienz bewirkt als die Autos der restlichen Teams. Der Diffusor ist umstritten. Am 14. April entscheidet das Schiedsgericht des Weltverbands Fia, ob er legal ist. Ein Urteil gegen Brawn würde aber bedeuten, dass die Ergebnisse der ersten zwei Rennen nachträglich geändert werden müssen. So ein Schritt aber wäre kaum zu vermitteln. Also müssen die restlichen sieben Teams wohl nachziehen. "Der Diffusor ist aber ein Teil des Gesamtkonzepts der Autos und daher immer ein Kompromiss, wenn man ihn nachträglich einbaut", sagt BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. Noch ein Vorteil für Brawn GP.

5. Das Timing

Es hätte keinen besseren Zeitpunkt für den Coup von Brawn geben können als diese Saison. Denn jetzt zwingen massive Regeländerungen alle Teams dazu, bei null anzufangen.

6. Fehler der Vergangenheit

Wenn man so will, trug auch der Misserfolg der vergangenen Jahre dazu bei, dass das Auto dieses Jahr so stark ist. Als Brawn nämlich bei Honda anfing, war deren Auto für die Saison 2008 schon fertig. Und viel zu langsam. Also stoppte man bei Honda sofort die Weiterentwicklung für 2008 und fing an, das Auto für 2009 zu bauen. Der BGP 001 mag wenige Kilometer auf der Strecke getestet worden sein - aber er wurde über 15 Monate in aufwendiger Detailarbeit vorbereitet.

FTD

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