Großer Preis von Italien Regengott Vettel sorgt für Sensation

Mit weichen Knien stand der Sieger von Monza beim Großen Preis von Italien auf dem Podium: Sebastian Vettel hat als jüngster Fahrer in der Formel-1-Geschichte einen Grand Prix gewonnen. Geadelt wurde der 21-Jährige von Michael Schumacher: "Nur einer hat das Rennen bravourös gemeistert."
Von Elmar Brümmer, Monza

An das schönste Gefühl des Tages ließ sich erstmal nur denken: "Ich weiß, dass ich heute früher oder später mit dem Gefühl ins Bett fallen werde, ein Sieger zu sein", sagte Sebastian Vettel eine halbe Stunde nach dem schönsten und chaotischsten Tag seines Lebens. Dann musste sich der jüngste Sieger der Formel-1-Geschichte selbst einbremsen. Jetzt erst mal alles auskosten, wie die Riesenpulle Schampus auf dem Podium, und dann erst weiterdenken. Am Ende des fünftletzten WM-Laufs lag der Hesse mit 12,5 Sekunden vor Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes) und dem BMW-Piloten Robert Kubica. Zweitbester Deutscher wurde Nick Heidfeld im BMW auf Rang fünf.

Der Große Preis von Italien war ein Dusch-Grand-Prix, und die Launen des grauen Himmels über der Mailänder Vorstadt hatten den Deutschen schon in der Qualifikation ganz nach vorn gespült. Unter Bedingungen, in denen man - wie die Rennfahrer sagen - Eier haben muss: "Und wir hatten sie", bilanziert Vettel, der im Formel-1-Tempo vom Buben zum Mann gereift ist. Der Chaostag im Autodromo spielte ihm in die Hände, obwohl auch sein Toro-Rosso-Rennwagen eigentlich auf einer Trockenabstimmung unterwegs war. Eine außergewöhnliche Leistung, die auch Michael Schumacher - Vorbild, Freund und Förderer - entsprechend würdigte: "Ein sehr außergewöhnliches Rennen. Nur einer hat das absolut bravourös gemeistert, Sebastian, das war schön mit anzusehen. Ich habe ihm die Daumen gedrückt, dass er das Rennen nachhause fährt", lobte der Ferrari-Berater, und gab zu, dass die Art und Weise seines jungen Kumpels ihn schon "ein bisschen" an das eigene Tun erinnert hat. Einen Vergleich, den sich Vettel verbietet: "Dafür bin ich viel zu jung."

Ferrari ging komplett unter

Vettels großer Auftritt war der einzige Grund für Schumacher, sein Regenwettergesicht zu einem Lächeln zu verziehen: Ferrari ging beim Heimspiel komplett unter, Felipe Massa belegte den sechsten Platz, Kimi Räikkönen wurde punktlos Neunter. Zwei Opfer einer ebenfalls vom Wetter und Reifenpoker durcheinander gewirbelten Qualifikation.

Sebastian Vettel führte zwar früh und souverän nach dem Safety-Car-Start, aber von Rang 15 aus rollte Lewis Hamilton im Silberpfeil das Feld auf, lieferte ebenso gnadenlose wie sehenswerte Überholmanöver, bis er vor seinem Boxenstopp schon bis auf eine Sekunde an Vettel heran war. Mit einmal Tanken wäre der Brite ausgekommen, und hätte mit seinen Regenreifen das Rennen locker gewonnen - wenn nicht die Piste mehr und mehr abgetrocknet hätte, und alle auf die Intermediates genannten Allwetterpneus umstellten. Hamilton musste extra dafür noch mal an die Garage, Vettel absolvierte das im Rahmen seines planmäßigen zweiten Tankhaltes - das war die Entscheidung. Die WM bleibt vier Rennen vor Saisonende damit dramatisch spannend, an der Spitze steht es im Duell Hamilton gegen Massa nur noch 78:77.

Kampf gegen die Tränen

Der zweite große Kampf des Tages war der gegen die Tränen, als zwei Jahre nach dem Rücktritt von Michael Schumacher zum ersten Mal in Monza wieder die deutsche Nationalhymne erklang. Auch Vettels Teamchef Gerhard Berger bekam weiche Knie, die beiden guckten sich auf dem Podium kopfschüttelnd an. Und dann, endlich, der Schluck aus der großen Schampus-Pulle. Während sich unten die rot-blaue Mechanikertruppe in den Armen lag, ließ der Musterschüler seinen Gefühlen freien Lauf. "Unglaublich! Was für ein fantastisches Rennen, nicht ein Problem. Der Schlüssel zum Sieg war, dass ich vorne weg freie Sicht hatte. Es war schwierig zu realisieren, was während des Rennens passiert ist."

Auf der Auslaufrunde zurück zu den Boxen verflog die Analyse, da übermannten ihn die Emotionen: "Das ist mit Sicherheit der schönste Tag meines Lebens. Schöner als sich alle das vorstellen können. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass das Team mir diese Chance gegeben hat." Die Erfolgsbilanz endete in einem Hustenanfall des WM-Neunten (23 Punkte). Gelegenheit macht Siege.

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