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Konflikt ums Budget: Formel 1 vor dem Ende

An ihrem Geburtsort Silverstone hat ein Aufstand der Spitzenteams der Formel 1 möglicherweise den Todesstoß versetzt. Mit der Ankündigung einer eigenen Rennserie ab 2010 und dem Rückzug aus der Königsklasse hat die Team-Vereinigung Fota die Formel 1 in ihrem 60. Jahr zumindest in der derzeitigen Form begraben. Die Folgen sind noch nicht absehbar.

Im englischen Silverstone, wo am Sonntag der Große Preis von Großbritannien ausgetragen wird, scheint sich der Kreis zu schließen. Vor fast 60 Jahren trug die Formel 1 hier ihr erstes Rennen aus, jetzt wurde ihr hier möglicherweise der Todesstoß versetzt. Mit der Ankündigung einer eigenen Rennserie ab 2010 und dem Rückzug aus der Königsklasse hat die Team-Vereinigung Fota die Formel 1 zumindest in der derzeitigen Form begraben. Die Folgen sind noch nicht absehbar. "Das ist das Ende der Formel 1. Eine neue Ära wird beginnen", meinte der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso.

Das letzte Wort in dem Streit der Fota mit dem Automobil-Verband Fia um ein Budgetlimit ist aber noch nicht gesprochen. Am Nachmittag kündigte die Fia "ohne Verzug" rechtliche Schritte gegen die PS-Dissidenten an. "Die Aktionen der Teamvereinigung Fota und im besonderen von Ferrari laufen auf ernsthafte Rechtsverletzungen hinaus", teilte der Verband mit. Dies habe die Prüfung durch die Anwälte des Dachverbands ergeben. Bis zur gerichtlichen Klärung will die Fia die endgültige Starterliste mit den voraussichtlich 13 Namen für die Formel-1-WM 2010 zurückhalten und nicht wie geplant einen Tag vor dem Großen Preis von Großbritannien am Sonntag (ab 14.00 Uhr im Liveticker von stern.de) veröffentlichen.

Schlüsselfigur Mosley

Schlüsselfigur in dem Konflikt ist Fia-Chef Max Mosley, der die Teams mit seinen jährlichen Regeländerungen immer wieder provoziert hat. Die acht Top-Teams um Ferrari, McLaren-Mercedes und BMW-Sauber wollen den Briten von der Verbandsspitze stürzen - möglichst schon nächsten Mittwoch auf der Sitzung des Fia-Weltrats. Eine Fia ohne Mosley wäre sicher ein einfacherer Verhandlungspartner für die Fota. "Die Formel 1 gehört allen, so wie die Olympischen Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften und ist nicht im Besitz von einem.", sagte Teamchef Ross Brawn am Nachmittag.

16 Stunden zuvor hatten die Rennställe nach einem Treffen der Teamchefs im Renault-Werk in Enstone mit ihrer Mitteilung mitten in der Nacht die Motorsport-Welt erschüttert. "Diese Teams haben keine andere Alternative, als mit den Vorbereitungen für eine neue Meisterschaft zu beginnen, die die Werte ihrer Teilnehmer und Partner widerspiegelt." Zugleich zogen die Fota-Mitglieder ihre Nennung für die Saison 2010 zurück. Die Fia sei nicht von ihrer "starren Haltung" abgerückt, klagte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. "Das war für uns nicht akzeptabel."

Fia ist enttäuscht

"Die Fia ist enttäuscht, aber nicht überrascht, dass die Fota nicht in der Lage war, einen Kompromiss zu erzielen", behauptete der Verband in einer ersten Reaktion. Mosley hatte die Rennställe mehrfach aufgefordert, alle Bedingungen für eine Teilnahme aufzugeben. Erst danach könne noch einmal über das umstrittene Reglement für 2010 und ein Etatlimit verhandelt werden. "Die Fia kann weder ein finanzielles Wettrüsten in der Weltmeisterschaft dulden noch kann sie der Fota erlauben, die Regeln der Formel 1 zu diktieren", erklärte der Weltverband.

Ohne die großen Namen der Branche aber wäre die Königsklasse am Ende. Die Neueinsteiger wie Campos Meta, Manor GP oder USF1 haben bei weitem nicht die Strahlkraft der Branchenriesen Ferrari und McLaren- Mercedes. Auch ohne Renault, Toyota, BMW-Sauber, den aktuellen WM- Spitzenreiter BrawnGP, Red Bull und Toro Rosso müsste die Fia künftig auskommen.

Größter Verlierer wäre Ecclestone

Laut Fia gab es 15 neue Bewerber für die Formel 1, von denen am Ende drei übrigblieben. Lola und N.Technology zogen ihre Bewerbungen inzwischen zurück. McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh lud andere Teams in die Alternativserie ein: "Jeder möchte gegen Ferrari, Red Bull oder auch gegen uns fahren."

Größter Verlierer wäre Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, auch wenn er sich gelassen gab: "Ich bin nicht besorgt. Die Formel 1 läuft seit 60 Jahren und wird weiterlaufen", sagte er. Dennoch: Bleibt es bei der Abspaltung, sitzt der 78-Jährige auf einem wertlosen Produkt. Deshalb hatte der Brite im Vorfeld den Teams mit Millionen-Klagen gedroht. Diese fordern ihrerseits von ihm Gelder aus der Vermarktung.

RTL will reagieren

Die drohende Spaltung lässt auch Ecclestones deutsche TV-Partner nicht kalt. "Wir spekulieren jetzt nicht über ein 'Was wäre wenn'", sagte RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer. Sollte es zur Gründung einer "Piratenserie" kommen, werde der Kölner Fernsehsender reagieren. RTL hält noch bis Ende 2011 die Free-TV-Rechte an der Formel 1. Auch der Bezahlsender Premiere, der vertraglich noch bis Ende 2010 an die Formel 1 gebunden ist, verfolgt den Streit gespannt. "Wir halten engen Kontakt zu allen Beteiligten", sagte Sprecher Torsten Fricke. Die Übertragungen der Königsklasse seien für den Sender ein "sehr, sehr wichtiges Recht".

In einer Formel 1 ohne die Top-Teams würden auch die großen Fahrernamen fehlen. Längst haben die Stars wie Weltmeister Lewis Hamilton versprochen, ihren Arbeitgebern auch in eine neue Rennserie zu folgen. "Wir wollen gegen die besten Fahrer und die besten Teams antreten. Das sagt ja wohl alles", meinte Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel, dessen beiden Trainingsbestzeiten im Sportpolitik-Trubel beinahe untergingen.

Ob die Fota eine Serie mit einer Struktur wie in der derzeitigen Formel 1 auf die Beine stellen kann, muss sich zeigen. Angeblich stehen Vermarkter schon Schlange. "Die größten Fahrer, Stars, Marken, Sponsoren, Förderer und Unternehmen, die historisch mit der höchsten Stufe des Motorsports verbunden sind, werden alle in der neuen Serie dabei sein", versicherte die Fota.

Claas Hennig und Christian Hollmann/DPA / DPA

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