HOME

Nico Rosberg und Nico Hülkenberg im Gespräch: "Mein Vater hält uns für Warmduscher"

Schnell und talentiert: Vor Beginn der neuen Formel-1-Saison sprechen Nico Rosberg und Nico Hülkenberg im stern.de-Interview über Neid, Michael Schumacher und ätzende Kritik von Ex-Fahrern.

Herr Hülkenberg, Herr Rosberg, würden Sie bitte für den jeweils anderen einen Saisonausblick wagen?
Rosberg: Für den Nico muss es jetzt erst einmal darum gehen, sich wieder im Geschäft zu etablieren. Soll heißen: Seinen Kollegen Paul di Resta im Team von Force India hinter sich zu lassen. Punkte holen, wenn möglich. In der Endabrechnung ein Platz unter den ersten zehn, dann wäre.... Hülkenberg: ...Gott ja, dann wäre die Saison sehr gut gelaufen!

Was muss Herr Rosberg auf die Piste legen?
Hülkenberg: Bei ihm sind die logischen Schritte: Plätze auf dem Podium, so viele wie möglich. Definitiv der erste Sieg. Dein wievieltes Jahr ist das, Nico, das sechste? Rosberg: Nee, das siebte. Hülkenberg: Mensch, Du gehörst wirklich schon zum Inventar. Also dann: Gleich mehrere Siege.

Sie haben die Testfahrten ja gerade hinter sich gebracht, wie fühlen sich die Autos an?
Hülkenberg: Wir haben mit unserem Wagen definitv eine gute Basis. Aber, Nico, du hast 3500 km bei den Wintertest abgerissen. Hast du eigentlich auch im Auto gepennt? Rosberg: Anders als bei Euch kriegen wir ja Kilometergeld. Im Ernst: Ich mag den neuen Silberpfeil, er ist agil, kompakt, er ist insgesamt sehr gut durchdacht. Nach Melbourne werden wir alle mehr wissen.

Herr Rosberg, ist dies für Sie und das Mercedes-Team nicht auch ein entscheidendes Jahr?
Rosberg: Ach, das letzte Jahr war auch schon entscheidend. Und das Jahr davor auch. 2012 ist ein wichtiges Jahr: Wir müssen nach vorne kommen und wir werden nach vorne kommen. Es müssen Erfolge her, ganz klar. Im Team zerreißt sich gerade jeder, es ist wirklich toll, das zu sehen.

Wie entscheidend ist das Jahr für Sie, Herr Hülkenberg?
Hülkenberg: Nach einem Jahr Abstinenz als Testfahrer bin ich einfach froh, in Melbourne wieder Rennen zu fahren. Ich muss mich etablieren, klar. Aber entscheidend? Wohl eher wichtig.

Wenn man auf die letzten Jahre zurückblickt, waren Sie beide zunächst absolute Senkrechtstarter. Jetzt stagnieren sie auf hohem Niveau, oder?
Rosberg: Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich bin bei einem Top-Team gelandet, ich habe in den letzten beiden Jahren eine Größe wie Michael Schumacher hinter mir lassen können, oft jedenfalls. Das ist keine Stagnation. Hülkenberg: Außerdem kann es in der Formel 1 nicht einfach ständig geradeaus nach oben gehen.

Als jüngerer Fahrer haben Sie doch die niedrigeren Formel-Serien...
Hülkenberg: ... im Jahresrhythmus gewonnen. Klar. Aber wir befinden uns nun in der Königsklasse, da ist es eben viel schwieriger. Mir fällt eigentlich nur Lewis Hamilton ein, der direkt beim Einstieg durchstarten konnte.

Ist Sebastian Vettel überhaupt ein Referenzpunkt für Sie beide?
Rosberg: Überhaupt nicht. Mein Referenzpunkt ist mein Team. Hülkenberg: Wer da vorne gewinnt, ob das ein Alonso oder Button oder Vettel ist – das muss dir erst einmal egal sein. Man muss sich auf sich selbst konzentrieren.

Trotzdem stehen Sie beide ja in Vettels Schatten. Hätten Sie nicht auch gerne diesen Platz an der Sonne?
Rosberg: An der Sonne? Nein. Seinen Platz auf dem Podium? Sehr gerne. Hülkenberg: Es ist jedenfalls kein Neid im Spiel. Sebastian hat sich seine Erfolge hart erarbeitet, dass wissen alle.

Michael Schumacher kreist ja um Sie beide wie ein Fixstern. Sie, Herr Hülkenberg, hatten denselben Manager und wurden seit ihren Anfängen mit ihm verglichen. Sie, Herr Rosberg, haben ihn direkt im Team. Ist Schumacher für Sie ein Bezugspunkt? Oder nur ein Rennfahrer, der gut 15 Jahre älter ist als Sie, und dessen Meinung Ihnen deshalb auch mal egal ist?
Hülkenberg: Michael ist der siebenfache Weltmeister. Das steht - und das bleibt. Natürlich sitze ich nicht mit ihm am Tisch und diskutiere mit ihm meinen Fahrstil. Aber egal? Weiß Gott nicht. Rosberg: Man merkt im täglichen Umgang mit ihm, woher diese Erfolge kommen. Er ist einfach sehr diszipliniert, sehr fokussiert.

Aber Sie könnten doch auch sagen: Den Alten habe ich hinter mir gelassen, zwei Jahre hintereinander – der nächste, bitte.
Rosberg: Schumacher endgültig geschlagen? Das würde ich nie sagen. Wir haben mindestens noch eine Saison zusammen, ich traue ihm alles zu. Es ist befriedigend, ihn hinter sich gelassen zu haben. Aber wenn das zur Selbstzufriedenheit führt, hat man gegen ihn schon verloren.

Sehen Sie sich als Teil einer deutschen Landsmannschaft?
Hülkenberg: Die Formel 1 ist schon sehr globalisiert. Ich bin hier Fahrer für ein bestimmtes Team, und nicht der fünfte Deutsche.

Es gibt also keinen deutschen Stammtisch?
Rosberg: So mit Erbsensuppe? Nein.

Ist es sinnvoll, in der Formel 1 Freundschaften zu pflegen? Gibt es überhaupt welche?
Rosberg: Es gibt sie schon, aber selten. Und sie sind nicht so ausgeprägt wie im normalen Leben. Hülkenberg: Wir sind alle Egoisten. Wenn man es hinkriegt, zwischen dem Rennen und dem danach zu unterscheiden, zwischen beruflich und privat – dann kann es gehen.

Mit wem sind Sie befreundet?
Hülkenberg: Ich telefoniere oder texte recht viel mit Timo Glock. Beim Fahrer-Briefing sitzen wir immer nebeneinander. Rosberg: Echt? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Hülkenberg: Hast Du noch nicht gesehen? Wir halten auch immer Händchen. Rosberg: Stark: Händchen halten. Das sollte ich mit dem Michael auch mal machen.

Herr Hülkenberg, Sie mussten vor zwei Jahren eine bittere Erfahrung machen: Sie hatten als Neuling bei Williams eine bemerkenswert gute Saison – und mussten dann einem Fahrer weichen, der eine Menge venezuelanisches Ölgeld mitbrachte...
Hülkenberg: Moment, Pastor Maldonado ist ein guter Fahrer.

Er wurde aber wegen seiner finanziellen Qualitäten verpflichtet. Sie müssen sich doch massiv unfair behandelt gefühlt haben.... Denkt man in dieser Situation ans Aufhören?
Hülkenberg: Nie im Leben! Nein, ich habe mich geschüttelt und nach vorne geschaut. Und siehe da: Es hat wieder geklappt.

Aber es gibt derzeit doch mehr Bezahlfahrer als früher, oder?
Rosberg: Das gab es immer schon, dass Piloten Sponsorengelder oder sogar ihr eigenes Geld mitbrachten, die Formel 1 ist einfach ein sehr teurer Sport. Hülkenberg: Ich finde schon, dass es mehr geworden sind. Früher haben sich nur die ganz kleinen Teams mit so etwas über Wasser gehalten. Jetzt ist das schon bei mittelgroßen Mannschaften so. Ich meine: Die Formel 1 ist die Königsklasse des Motorsports. Also sollten dort die besten Fahrer im Auto sitzen. Und nicht die reichsten.

Niki Lauda glänzt gerne mit dem Spruch: "In die heutigen, hoch technisierten Autos könnte man einen Affen setzen – er käme auch ins Ziel."
Rosberg: Ja, und mein Vater hält uns Junge alle für Warmduscher. Kenne ich. Dabei hatte der genau einen Knopf im Cockpit, den für die Getränkeversorgung. Mit der anderen Hand hat er gelenkt. Wir haben heute rund 30 Knöpfe am Lenkrad.

Sagen Sie doch mal, was ein Affe tun müsste, wenn er mit 300 Sachen auf eine Kurve zusteuert.
Rosberg: Nun, dieser Affe müsste schon sehr wach sein, und sehr gute Augen haben, um die Bremspunkte zu erkennen. Das sind ja oft nur Schatten auf der Piste, oder der Ansatz eines Randsteins. Und wenn der Affe sehr schlau ist, hat er die ganze Elektronik schon auf der Geraden vor der Kurve eingerichtet.

Über welche Elektronik reden wir hier?
Rosberg: Differential. Bremsbalance. Das 80 Zusatz-PS von KERS haben einen wahnsinnigen Einfluss auf das Bremsverhalten. Man muss das gut einschätzen können.

Herr Hülkenberg, mussten sie nach einem Jahr Abstinenz viele Dinge neu lernen?
Hülkenberg: Ich muss auffrischen. Beim KERS beispielsweise muss ich lernen: Wie greife ich damit an? Wie verteidige ich mich damit? Das kann im Rennen entscheidend sein. Die Jungens, die im letzten Jahr gefahren sind, haben da schon auf allen Strecken Erfahrungswerte, die muss ich mir halt noch erarbeiten. Dasselbe gilt für die Reifen: Wann bauen die wann und wie ab?

Ist das Intuition? Oder lernt man die Hunderte Manöver pro Strecke schlicht auswendig?
Rosberg: Man muss einfach geistig und körperlich topfit sein, die ganzen anderthalb Stunden lang.

Spielen Sie deshalb Memory, während Sie Liegestütze machen?
Rosberg: Genau. Unter körperlicher Belastung einen kühlen Kopf bewahren, darum geht es in der Formel 1. Hülkenberg: Man muss den Kopf frei haben, auch wenn es im Cockpit 50 Grad heiß ist, man wie ein Blöder schwitzt und trotzdem sehr, sehr schnell in die Kurve gehen muss. Memory ist da wirklich gut: Man ruft Sachen auf, die man sich vorher eingeprägt hat. Und steht unter Höchstbelastung.

Ginge auch Schach auf dem Ergometer?
Hülkenberg: Schach ist gut. Schwerer als Memory. Das Spiel der Könige. Passt zur Formel1.

Stephan Draf und Elmar Brümmer

Wissenscommunity