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1. Bundesliga Bittere Pleiten - Abstiegsangst in Köln und Berlin


Die einen haben ihren Trainer schon zwei Mal ausgetauscht, die anderen hielten trotz aller Kritik bisher an Stale Solbakken fest. Doch nach dem 30. Spieltag spricht wenig für den Klassenerhalt von Hertha BSC und dem 1. FC Köln – zumindest beim FC sind erneute Diskussionen um den Trainer die Folge.

Am Kölner Geißbockheim herrschte am Tag nach der schmerzhaften Abreibung in Mainz ungewöhnliche Ruhe. Die Art und Weise der 17. Saisonpleite hatte Trainer Stale Solbakken gewaltig zugesetzt. Das desolate 0:4 war einmal mehr eine Begegnung der unerfreulichen Art. Nach einer kurzen Nacht ließ der Norweger  unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren.

Die Kölner Entscheidungsträger besprachen unterdessen die Personalie Solbakken und suchten nach einer Lösung für die bedrohliche Situation vier Spieltage vor Saisonschluss. Nach einem Gespräch mit Geschäftsführer Claus Horstmann sagte der Coach der Kölner, das Ergebnis der Beratungen sei, "dass ich hier stehe".

"Wir sind Kölner und ihr nicht"

"Für die Leistung ist der Trainer verantwortlich", hatte Horstmann noch direkt nach dem Spiel gewettert, "ich kann mich nur entschuldigen." Die zornigen Fans skandierten desillusioniert: "Wir sind Kölner und ihr nicht." Kein Bundesliga-Club hat in dieser Spielzeit öfter verloren, keine Mannschaft hat mehr Gegentore (63) kassiert. In Köln wird bereits der in Hoffenheim gescheiterte Holger Stanislawski als "Feuerwehrmann" genannt. Auch eine interne Lösung mit Frank Schaefer, Stephan Engels oder Dirk Lottner wäre denkbar.

Horstmann vermied vor den letzten vier Saisonspielen in Mönchengladbach und Freiburg sowie gegen Stuttgart und München ein klares Bekenntnis zu Solbakken. "Wir haben uns in der Rückrunde sehr, sehr deutlich für den Trainer positioniert. Aber eine 0:4-Niederlage. Das nagt einfach." Solbakken ist überzeugt, in der Vorbereitung alles für den Erfolg getan zu haben. Ein Konzept für eine Trendwende im wichtigen Derby am Sonntag in Gladbach scheint er nicht zu haben. "Neuer Gegner, neue Möglichkeiten", meinte er lapidar.

Rensing gibt Relegation als Ziel aus

Kölns Glück könnte sein, dass Schlusslicht Kaiserslautern und der Tabellenvorletzte Hertha noch schwächer sind. "Den Relegationsplatz müssen wir halten. Dann haben wir noch zwei Chancen, drinzubleiben", sagte Torhüter Michael Rensing. Der ehemalige Bayern-Keeper ist es leid, in der Schießbude der Liga den Dienst zu verrichten. "Das ist deprimierend. Das war das x-te Mal in der Saison, dass wir so auseinandergefallen sind", schimpfte Rensing. Was ihm Hoffnung macht für die Partie in Gladbach? "Nichts", meinte der FC-Schlussmann.

Sechs Punkte aus den verbleibenden vier Spielen lautet die mutige Rechnung von Solbakken - trotz des Zustandes seines Teams. "Wir besitzen nicht die mentale Stärke und Qualität, um nach Rückständen wieder zurück ins Spiel zu kommen", analysierte der Glatzkopf.

Dass sie trotz ihrer ganzen Probleme den Münzwurf gegen Nationalspieler Lukas Podolski nicht zu hoch hängen und auf einen Protest verzichten wollen, war noch das Bemerkenswerteste aus Kölner Sicht an diesem tristen Abend. Der Torjäger war von einer aus den Zuschauerrängen geworfenen Münze im Gesicht getroffen worden und kurz zu Boden gegangen. "Riesenkompliment an Lukas, dass er nicht liegen geblieben ist", erklärte der Mainzer Manager Christian Heidel, "ich habe mich entschuldigt und er hat angenommen."

Hertha BSC: Hubnik fällt aus

Hertha Manager Michael Preetz versuchte es am Tag nach dem nächsten Nackenschlag mit Aufmunterung, Otto Rehhagel mit Optimismus. Doch die düsteren Gedanken konnten die Chefs von Hertha BSC nicht vertreiben. "Das können Sie sich selbst ausmalen. Nicht gut", beschrieb Chefcoach Rehhagel die Stimmungslage nach der bitteren 1:2-Niederlage gegen den SC Freiburg. Aufsteiger Hertha steht auch vier Spieltage vor dem Saison-Abschluss auf einem Abstiegsplatz. Durch einen Bänderanriss bei Roman Hubnik, ohnehin die tragische Figur des Freiburg-Spiels, hat sich dazu die Personallage extrem zugespitzt.

"Dieses Selbsttor, Wahnsinn. Wir haben uns selbst geschlagen", fluchte Rehhagel nach einer schweren Nacht. "Aber wir haben der Mannschaft gesagt, wir sind weiter im Rennen", berichtete der Oldie von der gemeinsamen Spielauswertung. Dennoch wirkte die Situation bedrückend.

Rehhagel war als Mutmacher unterwegs: "Die Spieler müssen jetzt die Köpfe freibekommen. Wir müssen an die Chance glauben." Das allerdings fällt allen in Berlin zunehmend schwer. Glücksgöttin Fortuna küsst derzeit andere Teams wie Freiburg, wie SC-Trainer Streich einräumte. Das kuriose Eigentor von Hubnik, der später auch Freiburgs zweiten Treffer durch Sebastian Freis verschuldete, war schon der Anfang vom Ende der Rehhagelschen "Entscheidungsschlacht". Bejubelt wurden von den Hertha-Fans neben Hubniks Anschluss nur noch Tore in anderen Stadien: Viermal heftiges Klatschen bei den Mainzer Treffern gegen Köln, dreimal nach Stuttgarts Toren in Augsburg.

Rehhagel wirkt wenig zuversichtlich

"Wir haben Glück, dass die anderen auch verloren haben", gestand König Otto, der den drohenden Absturz in einer seltsam wirkenden Mischung aus Schmerz, Unverständnis und Abstand begleitet. "Wir wollen alles erreichen. Ob's geht, wird auf dem Platz entschieden", sagte Rehhagel - es klang nach Distanz. "Ich bin kämpferisch", wiederholte sein Vorgesetzter Preetz dagegen mehrmals.

Und wie viele Spiele muss Hertha nach der schon neunten (!) Heimpleite der Saison noch für die Rettung gewinnen? "Alle, die jetzt noch kommen", antwortete Rehhagel und wirkte dabei schon ein wenig verzweifelt. "Das ist nun schon das zweite Mal, dass wir uns einen reingehauen haben", kommentierte der 73-Jährige die zweite deprimierende Niederlage im Olympiastadion nacheinander. Verteidiger Christian Lell drückte es noch klarer aus: "Wir haben uns die Eier selbst reingelegt und vorn die Chancen nicht genutzt."

Auch wenn die Krisensaison von Hertha immer mehr an das fatale Abstiegsjahr 2010 erinnert, klammern sich die Protagonisten natürlich an die Hoffnung. "An unserer Situation hat sich ja nichts geändert. Aber es wird immer enger", bemerkte Rehhagel. "Die Mannschaft hat nicht aufgesteckt und alles probiert. Die Moral ist intakt", strich Manager Preetz den kleinen positiven Aspekt heraus.

Am Samstag in Leverkusen fehlen Hertha nicht nur Hubnik, sondern in Janker, Neumann, Mijatovic, Franz und Lustenberger eine ganze Abwehr. "Die Mannschaft lebt. Wir müssen jetzt Köln und Augsburg angreifen", verkündete Manager Preetz dennoch trotzig.

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