VG-Wort Pixel

1. Bundesliga Bundesliga-Vorschau - Borussia Mönchengladbach


Lucien Favre wurde in höchster Not verpflichtet, als die Borussia schon fast mit zwei Beinen in der zweiten Liga stand. Der Schweizer rettete den fünffachen Meister mit einem fulminanten Endspurt. Was ist in der neuen Saison möglich? Wir laden Sie im 13. Teil unserer Serie ein auf eine Reise in ungeahnte Höhen.

Trainerwechsel können manchmal ‚Wunder' bewirken. So eines fand im Frühjahr in Mönchengladbach statt. Lucien Favre übernahm ein scheinbar auswegloses Himmelfahrtskommando. Nach einer Niederlage auf St. Pauli stand die Mannschaft nach 22 Spieltagen sieben Punkte hinter dem Relegationsplatz mit einem miserablen Torverhältnis und mageren 16 Zählern ganz am Ende der Tabelle. In den restlichen zwölf Partien wurden aber satte 20 Zähler geholt und schließlich die Klasse in der Relegation gegen den VfL Bochum gerettet.

Favre profitierte bei seiner Aufholjagd von klugen Personalentscheidungen des Sportdirektors Max Eberl und seines Vorgängers Michael Frontzeck, die in der Winterpause die Schwachstellen des Teams analysiert und entsprechend gehandelt hatten. Im Sommer wurden nun keine Stammkräfte verkauft, gezielt wurden hingegen vor allem junge talentierte Nachwuchskräfte engagiert. Nun stellt sich die Frage, ob die Borussia die bei der Aufholjagd gezeigten Qualitäten über eine gesamte Saison zeigen kann.

Gute Sommer-Zeit
Im Gegensatz zu den letzten Transferperioden verzichtete die Borussia auch aus Geldmangel auf die ganz großen Einkäufe. Mit Joshua King (20), Mathew Leckie (20), Yuki Otsu (21), Lukas Rupp (20) und Matthias Zimmermann (19) wurden fast nur Spieler verpflichtet, die als spielerisch starke Talente gelten. Einzig der schwedische Nationalspieler Oscar Wendt (25) hat auf internationalem Parkett schon erfolgreich seine Klasse bewiesen. Mit dem FC Kopenhagen erreichte er in der letzten Saison das Achtelfinale der Champions League.

Die Gladbacher verfügen über eine eingespielte Mannschaft. Ausgehend von Marc-Andre ter Stegen im Tor, dem Experten schon jetzt eine Zukunft in der Nationalmannschaft voraussagen, ist die Defensive fast völlig befreit von Verletzungssorgen. Nur Ersatzkeeper Christofer Heimeroth muss derzeit kürzer treten. Winterneuzugang Martin Stranzl und Dante, der trotz einiger Angebote gehalten werden konnte, bilden eine Innenverteidigung, die zu den besten der Liga gehört. Auch der Rest der Viererkette ist mit Tony Jantschke und Kapitän Filip Daems eingespielt. Wendt wird sich auf der linken Seite erst einmal hinten anstellen müssen.

Diese Beständigkeit setzt sich im Mittelfeld fort. Das Juwel für die besonderen Momente Marco Reus blieb dem Club ebenso erhalten. Auch die zentralen Akteure Havard Nordtveit und Roman Neustädter gehören fest zum Stamm. Bei der Copa America trumpfte Juan Arango mit Venezuela groß auf. Wenn der technisch ungemein geschickte Südamerikaner diese Leistungen konstant in der Bundesliga zeigt, wird auch an ihm kein Weg vorbeiführen, obwohl sich in der Vorbereitung Rupp in die Mannschaft gespielt hat aufgrund überzeugender Auftritte.

Und auch im Sturm setzt Favre vor allem auf bewährte Kräfte. Igor de Camargo und Mike Hanke haben aber Konkurrenz bekommen. Aus Saloniki ist der allerdings nicht immer pflegeleichte Raul Bobadilla zurückgekehrt. Der pfeilschnelle Leckie hat hervorragende Ansätze in den letzten Wochen gezeigt, so dass ihm die angedachte Teilnahme an der gerade erst gestarteten U20-Weltmeisterschaft in Kolumbien untersagt wurde. King ist hingegen noch in der Aufbauphase nach einer Verletzung.

Schlechte Sommer-Zeit
Die so durchdacht wirkende sparsame Transferpolitik wirft aber auch Fragen auf. Auf erfahrene Spieler wurde weitgehend verzichtet. So bleiben Zweifel, ob der zweite Anzug richtig sitzt. Urgestein Tobias Levels soll noch abgegeben werden, Bamba Anderson ist schon nach Frankfurt verliehen. Natürlich ist das Risiko nicht gering, wenn vor allem auf Nachwuchsspieler in der zweiten Reihe gesetzt wird. Die letzte Saison hat den Verantwortlichen deutlich gezeigt, was sich für Lücken bei Verletzungspech auftun können. Allerdings war die Quote der ausfallenden Spieler in der Tat außergewöhnlich hoch.

Das Mittelfeld ist auf den Außen spielerisch sehr stark. Die Testspielergebnisse waren allerdings nur mittelmäßig. Sowohl Nordveit wie auch Neustädter verteidigen solide, haben aber in der Spieleröffnung Schwächen, was das Spiel der Fohlen für andere Teams ausrechenbar machen könnte. Michael Bradley ist aus England zurückgekehrt. Ein Abnehmer für den amerikanischen Nationalspieler ist noch nicht wieder gefunden. Wenn ein Transfer gelingt, wären wieder Mittel vorhanden, um an dieser Stelle noch einmal nachzulegen.

Wer darf sich nicht verletzen?
Die Gladbacher Fans wären wohl schon dankbar, wenn sich die Pechsträhne der letzten Saison nicht wiederholt. Deckungsspieler fielen in Serie aus, Folge waren unzählige Gegentore. Hinzu kamen immer wieder Undiszipliniertheiten auf dem Feld, die Platzverweise zur Folge hatten. Favre scheint mit beiden Grundübeln aufgeräumt zu haben. Bis auf die genannten Heimeroth (Rückenbeschwerden), King (Reha) und Arango (Urlaub nach Copa America) sind alle Spieler einsatzbereit.

Ein Ausfall von Reus würde das Team natürlich schwer treffen. Die Kreativkraft im Aufbauspiel der Fohlenelf ist kaum zu ersetzen. Doch nach dem Stahlbad der letzten Saison könnte auch solch ein schwerwiegender Ausfall niemanden wohl mehr schocken.

Die Frage an den Fachmann
Wir wollten vom Redaktionsleiter der Webseite TORfabrik.de Marc Basten eine Einschätzung zur Lage der Borussia hören und bekamen auf unsere Frage „Ist die Borussia reif für Europa?" eine deutliche Antwort:

"Diese Frage lässt sich ganz eindeutig mit "Nein" beantworten. Eine Mannschaft, die sich erst in letzter Sekunde über die Relegation gerettet und personell kaum Veränderungen erfahren hat, sollte keinen Gedanken an das obere Tabellendrittel verschwenden.

Für Borussia geht es einzig und alleine darum, nach der Horrorsaison Stabilität zu bekommen und nicht wieder in einen Negativstrudel zu geraten. Zwar war die Mannschaft im letzten Jahr nicht so schlecht, wie es der Tabellenplatz über weite Strecken der Saison ausgedrückt hat, doch sie war auch nicht so gut, wie es die Ergebnisse im Schlussspurt der Liga vermuten lassen könnten.

Wenn alles optimal läuft und das Team den von Trainer Lucien Favre eingeschlagenen Weg weiter vernünftig mitgeht, könnte Borussia vielleicht für die eine oder andere positive Überraschung sorgen. Aber sie wird nichts mit Europa zu tun haben. Es sei denn, die Liga spielt wieder so total verrückt wie im letzten Jahr."

Prognose
Wir sind sehr viel optimistischer. Das Gerüst der Mannschaft stimmt. Die Verpflichtung von Lucien Favre hat sich schon mit dem Klassenerhalt ausgezahlt. Der Trainer ist sehr erfahren, konnte dem Team seine Vorstellungen vom Fußball auch unter einer ungeheuren Drucksituation vermitteln und hat den zahlreichen undisziplinierten Verfehlungen auf dem Feld ein Ende bereitet. Das große Plus des Clubs ist die eingespielte Mannschaft, die in der Rückrunde zeigte, wozu sie fähig sein kann.

Wenn sich die unglaubliche Verletzungsserie der letzten Saison nicht wiederholt und der Einstieg in die Saison klappt, könnte es den Gladbachern gelingen, zum Aufsteiger des Jahres zu werden. Wir glauben im Gegensatz zu den Kollegen von der TORfabrik sogar daran, dass der erste Einzug in den Europapokal nach fünfzehn Jahren Durststrecke gelingen könnte und setzen Borussia Mönchengladbach auf Rang 6 unserer Tabelle.

Uwe Toebe

sportal.de sportal

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker