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1. Bundesliga: BVB-Chef Hans-Joachim Watzke im Interview

Im Interview spricht BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über die Machbarkeit des Reus-Transfers, eine Gegenfinanzierung durch einen Barrios-Verkauf und die lange andauernde Vormachtstellung des FC Bayern.

Der Transfercoup mit Marco Reus hat Borussia Dortmund viele Schlagzeilen beschert. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa im Trainingslager des deutschen Meisters im spanischen La Manga gibt sich BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke trotzdem zurückhaltend.

Watzke weist Prognosen zurück, wonach der noch vor sieben Jahren von der Insolvenz bedrohte und lange Zeit zu einer zurückhaltenden Einkaufspolitik gezwungene Revierclub zum großen Dauerrivalen des Branchenführers FC Bayern München aufsteigen wird.

Der BVB hat erstmals seit Jahren wieder viel Geld ausgegeben. Ist der Transfer von Marco Reus als Paradigmenwechsel in der Personalpolitik des Vereins zu verstehen?

Hans Joachim Watzke:  Nein. Wir wollen mit möglichst vielen jungen, talentierten und hochambitionierten Spielern erfolgreich Fußball spielen. Idealerweise ohne neue Schulden zu machen. Einen 22-Jährigen zu verpflichten, der in Deutschland als einer der besten Offensivspieler gilt, macht absolut Sinn - zumal er noch Dortmunder ist. Aber wir werden nun sicher nicht jedes Jahr einen Transfer über 17 Millionen Euro stemmen.

Muss der Reus-Transfer refinanziert werden, zum Beispiel durch den Verkauf eines namhaften Stars wie Lucas Barrios?

Dann hätten wir den Kauf von Reus nicht realisieren können, weil wir ja aktuell noch keinen Spieler verkauft und deshalb nichts zum Gegenfinanzieren haben. Wir spielen ja kein Vabanque. Wir haben im vergangenen Jahr 9,5 Millionen Euro Gewinn erzielt und werden in diesem Jahr nicht weniger machen. Wenn ich das zusammenrechne, weiß ich, dass wir den Reus-Transfer finanzieren können.

Sprengt ein Spieler wie Reus nicht das Gehaltsgefüge der Mannschaft? Wie kommentieren Sie Berichte, wonach er beim BVB sechs Millionen Euro verdienen soll?

In der gesamten Vertragslaufzeit oder pro Jahr? Scherz beiseite: Marco Reus liegt genau innerhalb des Gefüges, das bei unseren Leistungsträgern relativ eng beieinander ist. Er sprengt es deshalb nicht. Marco hat bei der Entscheidung für Borussia Dortmund definitiv auf sehr viel Geld verzichtet.

Erhoffen Sie sich, dass der Reus-Transfer junge und umworbene Spieler wie Mario Götze und Mats Hummels animieren könnte, ihre langfristige Zukunft beim BVB zu sehen?

Ich glaube, dass unsere Spieler diesen Gedanken sowieso haben. Sonst hätten sie ihre Verträge nicht langfristig verlängert. Natürlich ist das für den einen oder anderen auch ein Zeichen, dass sich Borussia Dortmund weiterentwickelt hat. Das spüren unsere Spieler aber sowieso jeden Tag.

Sie haben für die kommende Saison ein Angriffsduo Götze und Reus garantiert. Was macht Sie so sicher, dass Götze dem Werben vieler Topclubs so lange widersteht?

Da bin ich ganz sicher, hundert Prozent. Wir haben mit allen Beteiligten klar besprochen, dass Mario Götze im nächsten Jahr bei Borussia Dortmund spielt. Egal was passiert. Egal, wie hoch ein mögliches Angebot ausfallen wird.

Unabhängig von Götze: Sie selbst haben davon gesprochen, dass der BVB in Zukunft den einen oder anderen wertvollen Spieler verkaufen könnte...

Wir haben viele stille Reserven gebildet, und irgendwann wird das auch mal passieren. Aber konkret ist das nicht geplant. Wir müssen unser Geld zur Weiterentwicklung nicht zwingend über Transfers machen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Vereine mit großen Transfers in den vergangenen Jahren - egal ob Gomez oder Dzeko - sich kontinuierlich gut weiterentwickelt haben.

Das Offensiv-Traumpaar Götze/Reus flößt selbst dem FC Bayern Respekt ein. Teilen Sie die Einschätzung beim Rekordmeister, wonach der BVB über Jahre der Hauptkonkurrent sein wird?  

Uns trennen vom FC Bayern noch immer Welten. Vielleicht ein oder zwei Welten weniger als noch vor Jahren. Die Bayern machen 300 Millionen Euro Umsatz, andere deutsche Clubs in Topjahren 180 Millionen Euro. Die Branchenführerschaft der Bayern ist in den nächsten zehn Jahren zementiert. Das heißt aber nicht, dass man nicht versucht, gegen sie auch mal ein Spiel zu gewinnen. Und das heißt auch nicht, dass sie jedes Jahr Meister werden.

Aber wer sollte der Hauptkonkurrent sein, wenn nicht der deutsche Meister mit einem viel beachteten Perspektivkader?

Ein Jahr vor den Bayern zu stehen, das haben schon einige geschafft. Aber das auf Dauer zu schaffen, ist schwierig. Wir sind nicht so vermessen zu behaupten, auf Augenhöhe zu sein.

Beim Wechsel von Nuri Sahin im vorigen Sommer vom BVB nach Madrid gab eine Ausstiegsklausel im Vertrag den Ausschlag - nicht zum Vorteil des BVB. Beinhaltet die Einigung mit Reus eine ähnliche Klausel?

Vertragsinhalte werden von uns nie kommentiert. Wir werden das deshalb weder dementieren noch bestätigen.

Kaum war der Transfers von Reus perfekt, wurde dem BVB nachgesagt, er wolle nun auch den in Madrid zum Reservistendasein verurteilten Nuri Sahin zurückholen. Gibt es solche Bestrebungen?

Momentan beschäftigen wir uns nicht eine Sekunde damit. Er ist Spieler von Real Madrid. Deshalb sollten wir uns möglichst wenig dazu äußern. Außerdem ist das kein Wunschkonzert. Aber meine Aussage aus dem Sommer steht: Wann immer Nuri Interesse haben sollte, zum BVB zurückzukehren, würden wir die Machbarkeit überprüfen. Aber im Moment will er Madrid nicht im Ansatz verlassen.

Dagegen erwägt Lucas Barrios einen Abschied aus Dortmund. Wird er den Verein noch im Winter verlassen?

Unsere Absicht ist, dass er weiter bei Borussia Dortmund spielt. Bisher liegt kein Angebot vor. Deshalb gehe ich derzeit von einem Verbleib aus. Hat er ein werthaltiges Angebot, kann er zu uns kommen, und wir werden reden. Das gebietet die Fairness. Aber wir werden ihn - wenn überhaupt - nicht unter Wert abgeben.

In den Zukunftsplanungen der Borussia spielt Jürgen Klopp eine zentrale Rolle. Sie würden den bis 2014 datierten Vertrag gern schon in diesem Jahr vorzeitig verlängern. Was hält der Trainer von diesen Plänen?

Das Thema ist nur auf die Agenda gekommen, weil eine große deutsche Zeitung zu wissen glaubte, der Trainer hätte ein Angebot bis 2017 ausgeschlagen. Was nicht stimmt, weil es gar keines gab. Wir haben erst Anfang Januar. Aber wir müssen irgendwann einen Punkt abpassen, an dem wir uns die Zeit nehmen, in Ruhe darüber zu sprechen. Das kann in einem, in drei oder in fünf Monaten sein.

Die Borussia liegt vor dem Rückrundenstart nur drei Punkte hinter dem Spitzenreiter aus München. Wie stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung?

Die höchste Wahrscheinlichkeit, deutscher Meister zu werden, liegt bei Bayern München. Das haben wir schon frühzeitig gesagt. Das hat uns aber nicht daran gehindert, das Spiel in München zu gewinnen.

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