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1. Bundesliga: Drei ??? an den 22. Spieltag

Warum sollte man an diesem Wochenende endlich mal auf die Statistik hören, auch, wenn man gerne mit Außenseitern gewinnt? Ist Schalke ohne Jermaine Jones überhaupt Schalke? Und spielt Leverkusen lieber gegen Augsburg als gegen Barcelona? Drei Fragen, viele Antworten.

Weniger ist mehr. Das stimmt nicht nur in der Architektur, sondern auch in Sachen Hinspielgegentore in einem Champions League-Achtelfinale (hallo, Arsenal!) und tatsächlich auch in Sachen Sportjournalismus. Praktischerweise können wir uns die Maxime aber in unserer Branche so zurechtbiegen, dass sie immer passt. Über mehr Themen weniger schreiben? Oder über weniger Themen mehr schreiben?

Es passt eigentlich immer und klingt auch noch quasi-buddhistisch (auch wenn eine flüchtige Internetrecherche den Ursprung der Redewendung in der Literatur des 18. oder 19. Jahrhunderts vermutet). Warum diese Einleitung, die man auch in weniger Worten hätte verfassen können? Weil wir heute nur drei Fragen an den Spieltag stellen. Weniger? Mehr? Urteilen Sie selbst.

1) Was tippt Redaktionsleiter X?

In unserer Redaktion zählt das Tippspiel "Wer schießt das erste Tor?" zu den festen Bestandteilen eines jeden Bundesligasamstags. Dabei muss die Mannschaft vorhergesagt werden, die als erstes während der Nachmittagsspiele in der Liga ins Tor trifft. Es zählt nicht die Spielminute, sondern der Moment, in dem zum ersten Mal ein Live-Redakteur ruft: "Tor für Wolfsburg!" oder Ähnliches.

Dabei sind schon Vermögen entstanden oder zerronnen - auch, wenn wir es nicht wie Mitt Romney halten und mal eben um 10.000 Dollar wetten. Während viele Mitspieler gerne auf die Favoriten setzen und sich dann lieber mal den Jackpot teilen, gibt es auch hartnäckigere Kollegen, die mit der lakonischen Frage "Was ist denn noch frei?" nach dem entlegensten Außenseitertipp suchen. Wenn man dann mit einem Freiburger Auswärtstor gewinnt, ist die Freude natürlich um so größer - bei keinem gilt das mehr als bei einem hier nicht namentlich zu nennenden Redaktionsleiter.

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit möglichst abstrusen Tipps zu gewinnen und dann vor den fassungslosen Mitarbeitern mit seinem Gewinn vorbeizudefilieren. Auch Redaktionsleiter X aber muss an diesem Wochenende ins Grübeln geraten, wenn Kaiserslautern auf dem Betzenberg gegen Borussia Mönchengladbach spielt. X ist ein bekennender Gegner aller Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, aber bei bisher sieben Lauterer Heimtoren in dieser Saison (der drittschlechteste Wert in der Bundesligageschichte nach 21 Spieltagen) und erst fünf Auswärtsgegentoren der Borussia (der zweitbeste Wert in der Bundesligageschichte nach 21 Spieltagen) muss man schon Romney heißen, um der Stochastik hier die Stirn zu bieten.

Um es noch klarer zu sagen: Noch nie war die statistische Chance für eine Heimmannschaft, ein Tor zu erzielen, in einem Bundesligaspiel zu diesem Zeitpunkt der Saison so schlecht wie für Kaiserslautern gegen Gladbach. Freunde der Maxime "Jedes Spiel fängt immer bei null an" mögen vortreten. Die anderen können sich den Jackpot ja teilen.

PS: Die beiden noch schlechteren Heimoffensiven nach 21 Spieltagen: Tasmania Berlin 1966, Hertha BSC 1991. Die noch bessere Auswärtsdefensive nach 21 Spieltagen: Felix Magaths VfB Stuttgart 2004.

2) Wie wichtig ist Jermaine Jones für Schalke?

Schalkes Jermaine Jones wird aufgrund seiner langen Sperre nach dem Tritt gegen Marco Reus gegen Wolfsburg pausieren müssen, nachdem er am Donnerstagabend in der Europa League spielen durfte. Huub Stevens hat sich in dieser Woche im Interview mit dem Kicker darüber beschwert, dass Jones der einzige sei, der auf dem Platz klare Anweisungen gebe, zugleich aber bestritten, dass das ein großes Problem für Schalke sei.

Recht hat der Trainer in jedem Fall, was den Führungsanspruch von Jones auf dem Platz angeht. Wir erinnern uns noch gut an ein Spiel in der Ära Magath, in dem Jones aus dem Mittelfeld heraus mit regelmäßigen Zeigebewegungen anwies, wo die Bälle hinsollten, wie beim Spiel mit der Kinect-Konsole. Unbestritten ist auch, wie gut Jones in dieser Saison gespielt hat und wie wertvoll er für Schalke ist. Seine sportal.de-Durchschnittsnote von 3,3 spiegelt die gute Form des amerikanischen Auswahlspielers ebenso wider wie der Vergleich der Schalker Spiele mit und ohne ihn in dieser Spielzeit.

Mit Jones bestritt Schalke 17 Pflichtspiele in dieser Saison, gewann davon 11. Ohne Jones waren es 15 Spiele, von denen nur sieben gewonnen werden konnten. Stevens' Harakiritaktik, die im Debakel von Mönchengladbach endete, war auch dem Umstand geschuldet, dass er praktisch keine defensiven Mittelfeldspieler mehr zur Verfügung hatte, in Abwesenheit von Jones, Lewis Holtby und Peer Kluge. Gegen Wolfsburg soll Kluge vielleicht schon wieder spielen können, ansonsten muss der in dieser Saison nicht eben formstarke Christoph Moritz ran.

3) Liegt Augsburg Bayer besser als Barcelona?

"Was ist das denn für eine absurde Frage?", werden Sie ausrufen. Lassen Sie uns erklären! Logischerweise ist es zunächst mal einfacher, gegen schwächere Mannschaften zu spielen, die weniger individuelle Klasse besitzen und weniger taktische Möglichkeiten haben als der FC Barcelona. Obwohl, wenn man die Sky-Bundesligakonferenz sieht und vor allem hört, dann lernt man in schöner Regelmäßigkeit, dass eigentlich alle Bundesligisten "ne Menge Qualität" haben (und meistens auch "Lust auf Offensive" uvm.).

Falls Sie also Sky-Kommentator sind, brauchen Sie hier nicht weiterzulesen, sondern können vor dem Spiegel üben, "das ist ja der Wahnsinn" zu rufen. Für uns Normalsterbliche gibt es jedoch durchaus Unterschiede hinsichtlich dessen, wie gut eine Mannschaft gegen defensiver orientierte Kontrahenten zurechtkommt.

Ein aufschlussreicher Blick in die Statistik kann das belegen. Drei Clubs liegen momentan im Kampf um die Europa League-Plätze nur zwei Punkte auseinander: Bremen, Leverkusen und Hannover. Diese drei Teams könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein, wenn es um ihre Stärken und Schwächen gegen bestimmte Clubs geht. Werder ist hier das eine Extrem: Gegen die anderen Mannschaften aus den ersten Sieben der Tabelle hat Bremen in der Hinrunde null Punkte geholt - gegen die elf Clubs, die darunter rangieren, 29.

Ganz anders Hannover 96: Elf Punkte holten die Roten gegen die heutigen Top Sechs der Tabelle, aber nur 12 gegen Mannschaften darunter. Bayer Leverkusen liegt in dieser Betrachtung ziemlich genau dazwischen: Gegen Topclubs holte Robin Dutts Team in der Hinrunde fünf Punkte, gegen den Rest der Liga 21. Weder ist Bayer 04 also eine Mannschaft, die besonders gerne gegen kleine Gegner spielt (gerade zu Hause gab es dafür in dieser Saison zu bittere Niederlagen: Nürnberg, Köln), noch kann Leverkusen auf eine ausgesprochen gute Bilanz gegen Topteams verweisen.

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, und das ist auch das Problem der Leverkusener Saison, in der man immer noch nicht wirklich weiß, wohin Dutt mit seiner Elf taktisch und spielerisch eigentlich will. Das ist gar keine Pauschalkritik à la "Dutt raus", denn so schlecht sind die Ergebnisse nun auch wieder nicht, und die defensive Orientierung gegen Topteams haben wir ja in dieser Woche gerade verteidigt.

Aber der spielerische Charakter der Mannschaft war unter den Vorgängern von Dutt klarer erkennbar, im Positiven (Heynckes) wie im Negativen (Labbadia). Zum Spiel gegen Augsburg zurückkommend lässt sich aber sagen, dass Leverkusen diese Art von Gegner an besseren Tagen auch gerne im Autopilotmodus besiegt, ohne zu begeistern, aber auch ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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