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1. Bundesliga: Trainerwechsel - Die ''letzte Patrone'' zu oft ein Schuss ins Blaue

Trainerwechsel in der heißen Phase der Liga werden neuerdings martialisch als "letzte Patrone, die sitzen muss" tituliert.  Doch so mancher Club vergriff sich bei der Waffenwahl. Die Geschosse, in die alle Hoffnungen gesetzt wurden, erwiesen sich als Rohrkrepierer oder gingen nach hinten los. Deckung, Stefan Kuntz und Michael Preetz.

"Die letzte Patrone" - kaum ein anderes Bild ist in den letzten Wochen von Medien und Entscheidungsträgern in der Bundesliga häufiger bemüht worden, wenn es um existenziell bedrohliche Situationen ging. Doch so mancher Club vergriff sich bei der Waffenwahl und so verfehlten die Geschosse, in die alle Hoffnungen gesetzt wurden, das Ziel, wurden zu Rohrkrepierern oder gingen voll nach hinten los. Volle Deckung, Stefan Kuntz und Michael Preetz.

Die letzte Patrone muss aber sitzen, denn nur dann klappt es auch mit dem Happy End. Sie kennen das von den Showdowns unzähliger Filme mit Titeln wie "Der Tod schwimmt Brust in Nevada" oder "Männer, die in Stiefeln duschen". Der auf sich allein gestellte Held sieht sich mit dem Rücken zur Wand einer Übermacht an Feinden gegenüber. Es geht um Leben und Tod und ausgerechnet jetzt hat er nur noch eine einzige Patrone im Revolver.

Doch dank Euklid, Pythagoras und Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel reicht unserem Held diese eine auch dicke. Mit einem Geniestreich erledigt er die Hundertschaft und kann nach getaner Heldentat dem Sonnenuntergang entgegen reiten. Wenn es doch auch im wahren Leben nur so einfach wäre, hört man einige Bundesliga-Verantwortliche förmlich klagen, wenn sie sich nach den wiederholten "für dich tu ich alles, da werf' ich mich sogar hintern Zug"-Treueschwüren, zum Trainerwechsel entschlossen, das Bild der "letzten Patrone" bemühten. Wie gerne stünden auch sie als strahlende Helden da, die Herren Preetz, Kuntz oder Horstmann. Doch dazu reicht eben kein Schuss ins Blaue.

Rehhagel: Der Preetzsche Rohrkrepierer

Doch großer Erfolg war den meisten Trainerwechseln, vor allem denen in der Schlussphase dieser Saison vorgenommenen, bisher nicht beschieden. Weder Krassimir Balakov in Kaiserslautern, noch Otto Rehhagel in Berlin - um nur die zwei eklatantesten Beispiele für verschwendete "letzte Patronen" aufzuführen.

Natürlich tragen die Trainer Mitschuld, aber wer hatte sie nochmal verpflichtet? Die Waffenwahl, um im Bild zu bleiben, von Stefan Kuntz, Michael Preetz und Co. war vorsichtig formuliert eben auch alles andere als glücklich. Das unnötige Zerwürfnis von Preetz mit Markus Babbel, dem der sportliche Absturz folgte, sein folgender Fehlgriff - der Abschuss von Michael Skibbe - und dann die Verpflichtung von Otto Rehhagel.

Aber, wer Selbstgespräche via Club-Homepage führt, geht eben auch davon aus, mit Präzisionsschüssen aus der Steinschleuder auch heute noch gegen moderne Hightech-Waffen bestehen zu können. Ein Trugschluss, wie Ottos magere Bilanz (nur acht von 27 möglichen Punkten und dem Absturz auf Platz 17) beweist. Darüber kann auch die Aufholjagd gegen Leverkusen nicht wegtäuschen.

Balakov, der Lauterer Fehlschuss

Komplett nach hinten los ging die Verpflichtung von Balakov, den die Lauterer mitten in der Nacht in Kroatien aus seinem Vertrag loseisten. Die Ablöse des glücklosen Marco Kurz nach der kaum enden wollenden Niederlagenserie war ja durchaus nachvollziehbar. Warum Kuntz im Abstiegskampf aber unbedingt auf den Bulgaren setzen wollte, bleibt fraglich.

Schließlich hat er in seiner bisherigen Trainerlaufbahn keinerlei nennenswerte Erfolge vorzuweisen, verfügt aber über einen Wohnsitz nahe Stuttgart und offenbar ein Sky-Abo, das ihn immerhin über die Bundesliga auf dem Laufenden hält. Zwar glaubt Balakov wöchentlich positive Entwicklungen zu erkennen, die aber nicht nur den höhnisch pfeifenden Fans der Roten Teufel bisher verborgen geblieben waren. Und ganz ehrlich: Fünf Niederlagen in Folge – schlechter hätte es auch unter Vorgänger Kurz nicht weitergehen können.

Streich: Präzisionsgewehr der Marke Eigenbau

Die ominösen "Letzten Patronen" dürfen eben nie in Panik abgefeuert werden. Oder haben Sie schon einmal Clint Eastwood oder Charles Bronson beim Showdown schwitzen oder zittern sehen? Außerdem ist die Wahl der Waffe entscheidend und sollte wohlüberlegt getroffen werden. Ein übereilter Schuss ins Blaue sorgt nur selten für Glückstreffer. Besser ist wohl kalkuliertes Risiko, das Freiburg bewies, als sie sich von Marcus Sorg trennten und statt seiner dem Ausbilder des eigenen Nachwuchs, Christian Streich, vertrauten - einer Knarre Marke Freiburger Eigenbau, die sich letztlich gemessen an den Ansprüchen der Breisgauer als Präzisionsgewehr bzw. Mann mit dem goldenen Colt entpuppte.

"Wir haben daran geglaubt, aber nicht gewusst, ob es gut geht. Man sieht jetzt, was erreichbar ist, wenn man alles mobilisiert", erklärte Präsident Fritz Keller bei bild.de, gestand aber auch ein, dass neben der richtigen Intuition auch etwas anderes entscheidend ist: "Ein bisschen Glück gehört natürlich auch dazu.“ Der Abstiegskampf, unter Vorgänger Sorg noch bittere Realität, ist dort längst abgehakt. Das gesicherte Mittelfeld die neuen Jagdgründe des SC Freiburg.

Dass man den Trainerwechsel bereits frühzeitig vollzog, trug sicherlich ebenfalls zur Stabilisierung der Lage bei. Stabilisierung? Davon können viele andere Clubs nur träumen, auch der Chaos-Club schlechthin, der 1. FC Köln, wo die frischen Impulse von Frank Schaefer beim 0:3 gegen Gladbach auch keine Wende einleiten konnten. Aber beim FC ist man Fehlschüsse auf und neben dem Platz ja gewöhnt.

Malte Asmus 

sportal.de / sportal

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