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1. Bundesliga Zwei Spiele, vier Clubs, sieben Thesen


Beim sogenannten Liga-Total-Cup in Mainz testen vier Bundesligisten vor dem Pflichtspielstart ihre Form. Das Ergebnis sagt nicht viel aus. Wir haben uns die Spiele trotzdem genau angesehen - und schon sieben Erkenntnisse über Bayern, Dortmund, den HSV und Mainz gewonnen.

Man mag zu Vorbereitungsturnieren wie dem Liga-Total-Cup in Mainz stehen, wie man will - immerhin liefern diese Veranstaltungen kurz vor dem Beginn der Pflichtspielsaison erste Aufschlüsse darüber, wie weit die Neuzugänge sind, ob Abgänge kompensiert werden konnten und ob sich die Spielweise der Teams verändert hat. Kurzum: Das, worüber man den ganzen Sommer über diskutiert hat, kann man jetzt auf dem Rasen überprüfen.

Das haben wir uns auch gedacht und uns die ersten beiden Spiele des Turniers von Mainz einmal angesehen. Und das haben wir dabei herausgefunden:

1.) Der FC Bayern spielt altmodischen Fußball - aber die individuelle Klasse des Kaders könnte trotzdem für den Titel reichen

Im gleichen Stadion nacheinander Borussia Dortmund und den FC Bayern zu sehen, ist ein interessantes Sinneserlebnis. Wo der BVB mit schnellen Passkombinationen und explosiven Antritten das vertikale Spiel sucht und nach Ballgewinn unmittelbar den Pass nach vorne sucht, baut Bayern auch unter Jupp Heynckes das Spiel ganz gemächlich auf. Drei oder vier Querpässe in der Abwehr oder dem defensiven Mittelfeld sind keine Seltenheit, bevor dann meistens der Spielaufbau über die Außenbahnen gesucht wird. Wenn das nicht klappt - wie gegen den HSV - dann scheinen die Defizite dieser Spielanlage sehr deutlich auf. Wenn Arjen Robben oder Mario Gomez dann trotzdem die Spiele entscheiden, wird es niemanden stören. Warten wir ab, was in der kommenden Saison die Regel sein wird.

Dass der HSV es schaffte, mit relativ simpler Grundordnung (zehn Spieler hinter dem Ball, viel Laufarbeit, auch Elia und Ben-Hatira taktisch sehr diszipliniert) Bayerns Spielaufbau so stark zu behindern, ist allerdings ein Indiz dafür, dass die Münchner schon mal einen Plan B entwickeln sollten.

2.) Mario Götze ist auf dem Weg zum Weltstar - aber vielleicht zu wichtig für den BVB

Götze zeigte in Mainz ein überragendes Spiel auf der rechten Seite. Jeder Angriff lief über ihn, meist im Verbund mit Shinji Kagawa. Mit Schnelligkeit, brillanter Technik und richtigen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen war der Dortmunder oft zu gut für zwei oder drei Gegenspieler. Andererseits war das BVB-Spiel so extrem auf ihn zugeschnitten, dass stärkere Gegner dazu eingeladen würden, ihn gezielt aus dem Spiel zu nehmen. Denn über links ging im Spielaufbau bei der Borussia fast gar nichts. Dort spielte Ivan Perisic, der zwar das Siegtor köpfte, aber ansonsten noch Mühe hatte, sich auf dem hohen Spieltempo des BVB ins Zusammenspiel einzubringen.

3.) Heung-Min Son und seine jungen Mitspieler werden mit dem HSV wahrscheinlich nicht besser abschneiden als zuletzt - aber die Fans könnten sie trotzdem mehr bejubeln

Zwei Tore und eine vergebene Großchance: Hamburgs Jungstar Heung-Min Son hatte einen großen Abend in Mainz. Auch Gökhan Töre und Michael Mancienne zeigten viel versprechende Ansätze. In Kombination mit den allerorts geäußerten bescheidenen Ansprüchen könnte die Brachialverjüngung dem HSV das bescheren, was er in den letzten Jahren am meisten vermisste: den Rückhalt der eigenen Fans. So negativ war die Grundstimmung im Volkspark zuletzt, dass ein schlechtes Spiel den Anhängern immer wichtiger war als zwei gute. Die sympathischen Youngster sind so gesehen der richtige Ansatz für die Rothosen. Eine schwere Saison wird es trotzdem.

4.) Das neue Stadion in Mainz ist schöner als der Bruchweg - aber nicht unbedingt lauter

Obwohl die sogenannte Coface Arena auf der grünen Wiese jenseits der Universität errichtet wurde und sich dort etwa so in die Szenerie einpasst wie die Stuttgart 21-Baustelle in den Schlosspark, sieht das Stadion des FSV von innen sehr gut aus und hat durch die verglasten Ecken einen eigenen Charakter, was man nicht von allen Stadien-Neubauten in Deutschland behaupten kann. Obwohl das unvermeidlicherweise "Arena" gerufene Stadion offiziell für ausverkauft erklärt wurde, blieben auf beiden Seiten des Rasens auffällig viele Plätze leer - vor allem beim Auftaktspiel zwischen Mainz und Dortmund. Von einer Hexenkesselatmosphäre konnte man in diesem Zusammenhang nicht gerade sprechen - wobei das Mainzer Spiel dazu auch nicht viel Anlass gegeben hätte.

5.) Der BVB kann auch ohne Nuri Sahin seinen Powerfußball spielen - aber die Chancenverwertung kann zur Achillesferse werden

Sebastian Kehl und Moritz Leitner gaben die Doppel-Sechs beim Deutschen Meister - und hatten auch ohne Sahin, Sven Bender und Ilkay Gündogan keinerlei Mühe, Mainzer Chancen zu verhindern und eigene Angriffe einzuleiten. Aus der klaren Überlegenheit heraus erspielte sich der BVB zahlreiche Torchancen, die allerdings - vor allem von Robert Lewandowski und Shinji Kagawa - ein ums andere Mal leichtfertig vergeben wurden. Zudem ergaben sich nach Standards und Flanken noch etliche Kopfballabschlüsse, aus denen unter Wettkampfbedingungen gerne auch noch mehr Tore resultieren dürften.

6.) Auf Mainz wartet eine sehr schwere Saison - aber noch hat man nicht die beste Elf des FSV gesehen

Ohne ein 2x30-Minuten-Testspiel zum Omen für die ganze Spielzeit erheben zu wollen: Für den FSV lief vor eigenem Publikum im Spiel nach vorne fast nichts zusammen. Schon in der eigenen Hälfte brachte Dortmunds Pressing die Mainzer in Schwierigkeiten, jenseits der Mittellinie war die Fehlpassquote auffällig hoch. Von den Neuzugängen zeigte Rechtsverteidiger Zdenek Pospech noch große Probleme, Julian Baumgartlinger und Nicolai Müller mussten der Dortmunder Mittelfeldüberlegenheit Tribut zollen, und Eric-Maxim Choupo-Moting blieb - auch dank technischer Defizite - wirkungslos.

7.) Manuel Neuer machte einen schweren Fehler - aber die Probleme liegen in der Viererkette

Das Hickhack um Thomas Kraft und Jörg Butt sowie die Antipathie der Ultras gegen Manuel Neuer haben dazu beigetragen, dass der Wechsel des deutschen Nationalkeepers nach München als Schlüsseltransfer der Bundesliga gehandelt wird. Sportlich macht dieser Wechsel für alle Beteiligten Sinn. Dass Neuer gebetsmühlenhaft auch vor dem Spiel in Mainz als "bester Torwart der Welt" vorgestellt wurde, so, als gebe es darüber gar keine zwei Meinungen, kontrastierte mit seiner Flugeinlage nach einem Freistoß von Dennis Aogo, die Son das 1:0 ermöglichte.

So ein Fehler ist natürlich kein Weltuntergang. Man erinnere nur an Jean-Marie Pfaffs erstes Bundesligaspiel für die Bayern, als der Keeper einen Einwurf von Uwe Reinders ins eigene Netz lenkte. Das hat seinem späteren Status in München nicht geschadet. Pfiffe gegen Neuer gab es in Mainz übrigens am ehesten von den Dortmunder Fans, die noch im Stadion waren. Der Torhüter sollte auch souverän genug sein, mit Unmutsbekundungen der eigenen Anhänger umzugehen, wenn es los geht. Mehr Sorgen als der Keeper muss einem bislang die Abwehr machen. Zwar noch ohne Jerome Boateng und Rafinha, aber der HSV kam zu oft mit Steilpässen in den Rücken der Kette, was unter anderem auch zum 2:0 führte.

Daniel Raecke

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