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Afrika Cup: Bertis Cup der guten Hoffnung

Mit deutscher Disziplin soll Berti Vogts die nigerianische Fußball-Nationalmannschaft zur Afrikameisterschaft führen. Aber der Druck ist enorm. Der Titelgewinn gilt als nationales Anliegen. Sein Vorteil: Das Team ist hochmotiviert.

Von Erik Wegener

In der Musikindustrie spricht man von einem One-Hit-Wonder. Als Trainer hat Berti Vogts nur einen bedeutenden Erfolg vorzuweisen: 1996 wurde er in Wembley mit der fußballerisch eher durchschnittlichen DFB-Elf um Klinsmann, Bierhoff und Sammer überraschend Europameister. Das Plus der Deutschen war damals der Teamgeist, sie kämpften als verschworene Einheit. Nicht zufällig kreierte Vogts den Slogan "Der Star ist die Mannschaft". Inzwischen hat er dieses Credo auf dem Schwarzen Kontinent eindrucksvoll recycelt. Seit gut einem Jahr ist Vogts Nationaltrainer in Nigeria, nun will er die "Super Eagles" beim Afrika Cup in Ghana (20. Januar bis 10. Februar, alle Spiele live auf Eurosport) zum dritten Triumph führen.

"Von uns wird der Titel erwartet, am besten ohne Gegentor", erklärt Vogts beinahe zynisch. Dafür hat der 61-Jährige gemeinsam mit seinen Helfern, Co-Trainer Steffen Freund und Torwart-Trainer Uli Stein 23 Topspieler aus 19 europäischen Klubs zur Vorbereitung im Luxushotel Atalaya Park in Marbella um sich geschart. Der Duisburger Manasseh Ishiaku, einziger Bundesligaprofi im Kader, wurde in letzter Sekunde aus dem Aufgebot gestrichen. Seine Kollegen spielen in Frankreich, Spanien, Bulgarien, der Ukraine, Rumänien und natürlich in England. Die Bekanntesten sind John Obi Mikel vom Ballack-Club FC Chelsea, Kapitän Nwankwo Kanu (FC Portsmouth) und Angreifer Obafemi Martins von Newcastle United. "Die Qualität der Spieler ist sensationell, es macht großen Spaß, sie im Training zu erleben. Allein sieben Stürmer wird Vogts ins Turnier mitnehmen. Sein lapidarer Kommentar: "Defensiv können wir nicht".

Keine Rücksicht auf Namen

Abgesehen von der Taktik bleibt die größte Herausforderung, dass alle Einzelkönner ihr Ego hinten anstellen, bleibt trotzdem die größte Herausforderung. Daher steht Teambuilding ganz oben auf der Agenda. Vogts lebt die Disziplin vor und hat seine Spieler längst mit der deutschen Ordnungsliebe angesteckt. So haben die Spieler von sich aus einen strengen Fünf-Punkte-Katalog ausgearbeitet. Zu spät kommen, Handy klingeln beim Essen, Spontanparties auf dem Zimmer - alles verboten. Wer sich nicht daran hält, zahlt in den Charity Pott. Das Geld kommt der Kanu-Foundation für herzkranke Kinder zugute. Dessen Gründer ist gleichzeitig eine eminent wichtige Führungsfigur im Team. Stürmer Kanu ist von seinem Coach überzeugt. "Vogts nimmt keine Rücksicht auf Namen", lobt der 31-Jährige. Auch Co-Trainer Freund sieht seinen Chef gereifter: "Berti ist lockerer geworden, das freut mich für ihn".

Beim Afrika Cup treten die 16 qualifizierten Mannschaften in vier Gruppen an. Neben Nigeria, das den Pokal 1980 und 1994 holte, gehören auch Gastgeber Ghana, das von Otto Pfister trainierte Kamerun (mit dem Bochumer Joël Epalle, Mohamadou Idrissou vom MSV Duisburg und dem Hamburger Timothee Atouba), Titelverteidiger Ägypten mit Mohamed Zidan (HSV) und der Senegal zu den Favoriten bei der 26. Auflage der Kontinentalmeisterschaft. Gleich im ersten Gruppenspiel treffen die Super-Adler auf WM-Teilnehmer Elfenbeinküste mit Topstar Didier Drogba sowie dem Bremer Boubacar Sanogo, dem Hamburger Guy Demel und Arthur Boka (VfB Stuttgart). Die Ivorer wurden bis vor kurzem noch von Uli Stielike betreut. Der Coach musste jedoch seine Teilnahme am Afrika Cup absagen. Stielike weilt am Bett seines lungenkranken Sohnes Michael. Vogts: "Da tritt das Sportliche in den Hintergrund, Uli hat mein Mitgefühl".

Prostituierte im Hotel

Für Vogts hat sich in Nigeria vieles verbessert. Anfangs kam er sich in Westafrika vor wie im falschen Film. Die Bedingungen waren unterirdisch. Es gab nur zwei Trainingsbälle, keine Laibchen, keine beweglichen Tore. Nicht mal der Platz war abgekreidet. Man trainierte quasi auf Sand. "Vereinzelt gab es Grasbüschel, nicht größer als Untertassen", beschreibt Uli Stein die bizarren Umstände. Monatelang wartete das Team auf einen Masseur. Nachts schliefen die Spieler in verkommenen Hotels, auf den Gängen wimmelte es von Prostituierten.

Dabei braucht es gar keine Mädchen, die Stimmung ist auch so fantastisch. "Wir sind wie Brüder", schwärmt Verteidiger Ifeanyi Emeghara. Die Spieler sind heiß darauf, für ihr Land zu spielen. Das sieht man daran, dass sie zum Teil ihre Flüge ins andalusische Trainingscamp selbst bezahlt haben. Vogts ist Feuer und Flamme für seine Jungs. Er vergleicht sie gerne mit den Ballkünstlern aus Südamerika. "Von den Argentiniern haben sie das Robuste und von den Brasilianern das Zaubern", meint der ehemalige Nationalverteidiger. Es ist ein kreativer Haufen, der sein Ziel genau im Visier hat.

Titelgewinn ist nationales Anliegen

Mittlerweile ist der Titel ein nationales Anliegen. So reisten eigens vier Verbandsfunktionäre nach Südspanien, um die Mannschaft bei der Ehre zu packen. "Tut uns den Gefallen: Holt den Cup!", bat Nigerias Sportminister Abdulrahman Hassan Gimba . Der Druck ist enorm. Da ist es gut, dass Bertis Truppe nicht zu Hause in Abuja spielen muss. Die einheimischen Fans sind verrückt und extrem anspruchsvoll. Bei einem Geheimtraining in Lagos stürmten kürzlich 10.000 Anhänger die Stadiontore. Torwarttrainer Uli Stein dachte beim Freundschaftsspiel gegen Brasilien, als es nach 20 Minuten noch 0:0 stand, jetzt fangen sie an zu pfeifen. Aber es kam noch schlimmer. Stein: "Unsere Fans haben einfach die Seiten gewechselt und lauthals den Gegner angefeuert".

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