Anmerkungen aus der Fußball-Provinz Die Sportschau muss bleiben!


Die Zeichen mehren sich, dass die Fußball-Bundesliga wegen ein paar Milliönchen ihre Haut zu Markte tragen will: Erstens könnte der Spieltag weiter zerlegt werden, zweitens wird wohl das Free-TV beschnitten. Doch ist das überhaupt ökonomisch sinnvoll? Eine Warnung.
Von Oliver Fritsch

Warum etwas Bewährtes ändern? Diese Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich von dem Reformwillen der deutschen Fußballbranche und ihren Zugeständnissen an die Fernsehsender höre, wie sie derzeit gerüchte- und andeutungsweise kursieren. Der Bundesligaspieltag (bisher ein Freitagsspiel, sechs Samstags-, zwei Sonntagsspiele) soll ab 2009 weiter zerstückelt werden: weniger Samstag stattdessen mehr Sonntag; statt drei verschiedenen Anstoßzeiten am Wochenende womöglich vier oder fünf; die ARD-Sportschau, das liebe Fernsehkind, könnte dran glauben müssen. Noch sind es nur Spekulationen, doch die Indizien mehren sich.

Die Folgen wären immens: Es gäbe mehr Live-Fußball im Bezahlfernsehen, wir Fans sollen uns also noch weniger Gedanken darüber machen, wie wir den Rest unserer Wochenenden verbringen müssen. Allerdings würde das Free-TV (wir verzichten mal auf die Frage, ob die mit Milliarden Quasi-Steuern gepäppelten deutschen Öffentlich-Rechtlichen diese Bezeichnung tatsächlich verdienen) erste Bilder erst am Samstagabend um 22 Uhr senden dürfen – also im ZDF-Sportstudio statt in der ARD ab 18.30 Uhr. Die Rendite aus dieser Reform: ein paar Millionen mehr, unter Umständen eine bessere Vermarktung im Ausland, weil Asiaten ein Spiel, das mittags stattfindet, wegen der Zeitverschiebung vielleicht eher schauen würden.

Doch die Macher um Karl-Heinz Rummenigge (Bayern München)

und Christian Seifert (DFL) könnten einem Irrtum aufsitzen und einen folgeschweren Fehler begehen. Schauen wir auf den Ist-Zustand: Das Produkt Bundesliga läuft gut. Fußball ist mit monumentalem Vorsprung Deutschlands Sportart Nummer eins, die Stadien sind voll, die Sportschau hat konstant gute Quoten, die Sponsoren sind zufrieden bis glücklich. Die Live-Spiele kaufen zwar nicht so viele wie erhofft, doch die Abonnentenzahl im traditionell schwierigen deutschen Bezahlfernsehmarkt wächst. Außerdem ist Fußball wieder zu einem geselligen Ereignis geworden, weil man sich am Samstagmittag bei Freunden oder in der Kneipe trifft. Wie in den 50er Jahren, als nur die wenigsten einen Fernsehapparat besaßen.

Auch wenn es auf den ersten Blick ein wirtschaftliches Versäumnis zu sein scheint, dass die Liga aus ihrer Beliebtheit nicht den letzten Cent herausholt – selbst wenn man es nur ökonomisch betrachten wollte, sind der hohe Bekanntheitswert und der hohe Konversationswert der Marke Bundesliga ein wichtiger Faktor. Leute wie Felix Magath, Uli Hoeneß und Jürgen Klopp sind vielen Deutschen fast zu Teilen der Familie geworden, man spricht über sie im Büro, auf Partys und auf der Kegelbahn. Ob das noch in dem Maß so wäre, wenn man sie nicht mehr zur gewohnten Zeit oder nur noch gegen Gebühr sehen kann? Ich bin skeptisch, zumal der Versuch, die Zusammenfassungen auf 20.15 Uhr zu legen, im Jahr 2001 (damals noch bei SAT.1) schon mal nach nur wenigen Wochen gescheitert ist. Ebenso das Samstagsspiel um 20.15 Uhr.

Die Frage, die ja wohl eigentlich hinter den Überlegungen steckt, könnte man vermutlich auch anders beantworten als die Wortführer der Liga: Worin liegen die Ursachen für die schwachen Leistungen deutscher Klubs im Europapokal? Liegt es wirklich nur am Geld? Oder doch an mangelhaften Trainingsmethoden und Schwächen in der Unternehmensstrategie? Außerdem, was würde mit dem zusätzlichen Geld passieren? Würde auf dem überhitzten Transfermarkt dann für durchschnittliche oder unbekannte Spieler statt drei Millionen vier Millionen berappt?

Wer, außer ein paar Verrückten, kuckt schon alle Spiele? Vielleicht gibt's ja doch noch was anderes auf Erden als Fußball. Wer will sich wirklich Duisburg gegen Rostock reinziehen, nachdem er sich Wolfsburg gegen Karlsruhe angetan hat? Denn die Bayern, Herr Rummenigge, werden ja wohl weiterhin auf ihren bewährten Samstag-halb-vier-Termin pochen, nicht wahr? Ob die Chinesen und Japaner ihre heißgeliebte Man United von Energie Cottbus verdrängen lassen? Und was ist mit den Stadionfans, eine der letzten konservativen Bastionen hierzulande? Es gab mal eine sehr aktive Initiative "Pro 15:30", denen Anstoßzeiten heilig waren. Sonntagsspiele sind bereits jetzt unbeliebt, besonders bei Auswärtsfans.

Fazit: Es gäbe wohl wenig Nutzen (sprich: Millionen), aber große Risiken.

Sicher, die Generationen über 20 werden dem Fußball wohl treu bleiben, aber bestimmt werden sie nicht alle zu Premiere-Kunden, und sie werden auch nicht alle ihre Wochenenden auf der Couch verbringen. Auf die Jüngeren würde ich schon gar nicht wetten, dass sie nicht vielleicht doch zum Handball oder zum Eishockey wechseln. Vielleicht unwiderruflich. Und was sagen eigentlich die Klubsponsoren? Leichte Änderungen – warum nicht? Doch der deutsche Fußball lebt von seiner Tradition.

Bei aller Kritik am Umfang der Werbung und der journalistischen Qualität und sowenig wir Steffen Simon vermissen würden – die Sportschau muss bleiben! Oder meinetwegen ein ähnliches Sendeformat samstags zwischen 18 und 20 Uhr. Und die Spiele, die Sonntag um 13 Uhr angepfiffen werden, kommen ohne meine Beteiligung aus, weil ich diese Zeit dort verbringe, wo der wahre Fußball lebt: auf den Sportplätzen in unseren Kreisligen.


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