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Kommentar

Weltmeister beendet Karriere: Bastian Schweinsteiger: Der Größte geht

Dieser Abschied kündigte sich seit längerer Zeit an, und doch ist er eine Zäsur in der Geschichte des deutschen Fußballs: Mit dem früheren Nationalmannschaftskapitän Bastian Schweinsteiger beendet die Symbolfigur einer Ära ihre Karriere.

Fußballer Bastian Schweinsteiger hat sich eine Deutschland-Flagge umgebunden und jubelt mit WM-Pokal in der Hand in die Menge

Für diesen Abschied hatte er einen langen Anlauf genommen. Bastian Schweinsteiger, der leidenschaftliche Kämpfer, hatte noch ein letztes Mal alles gegeben: Um bei der EM 2016 in Frankreich dabei zu sein und mit Deutschland diesen einzigen großen Titel zu holen, der dem Kapitän in seiner Karriere bisher versagt blieb. Inzwischen wissen wir längst: Es hat nicht sollen sein, wie Schweinsteiger damals selbst in einem Brief an die Fans schrieb. So kam der Rücktritt des damals 31-Jährigen im Anschluss an das Turnier auch nicht unbedingt überraschend – und doch machte er Millionen deutsche Fußball-Fans ganz besonders traurig. Genau so traurig, wie sie heute noch einmal sein werden, am Tag seines endgültigen Rückzugs aus dem Fußballgeschäft.

Bastian Schweinsteiger war mehr als ein erfolgreicher Nationalspieler – er war die Seele des deutschen Teams: Spaßvogel, erhabener Kämpfer, später väterlicher Freund. Seine Karriere bestand immer aus harten Kämpfen gegen überzogene Kritiken (die unsägliche Chefchen-Debatte), Dämonen der Vergangenheit (sein verschossener Elfmeter gegen Chelsea im Champions-League-Finale 2012) und ein vermeintliches Verlierer-Image im Nationaltrikot (zu viele verlorene Halbfinals).

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Bastian Schweinsteiger: Karriere eines Kämpfers

Schweinsteiger hat die eine oder andere Träne vergossen auf dem Weg, aber am Ende jeden dieser Kämpfe für sich entschieden. Größere Nehmerqualitäten waren im DFB-Trikot selten zu bestaunen. Schweinsteiger stand immer wieder auf. Exemplarisch dafür steht natürlich das WM-Finale 2014 gegen Argentinien: Ein blutender Wolf mit grauen Schläfen, dem sie von ihm aus alles nehmen können – nur dieses eine Spiel, das gibt er um keinen Preis der Welt verloren. Die Quintessenz einer Kämpferkarriere.

Nicht nur deshalb bedeutet sein Abschied eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Wie kein anderer Spieler steht der frühere "Schweini" für den Wandel, den der deutsche Fußball in den letzten anderthalb Jahrzehnten vollzogen hat – weil er das Bindeglied darstellte zwischen der guten, alten Zeit und der glanzvollen neuen. Weil er noch mit Wörns, Ziege und Hamann spielte, als er mit 19 Jahren zum ersten Mal nominiert wurde. Und weil er später Leitfigur für die nachfolgenden Talente und U-21-Europameister wurde, auch für heutige Häuptlinge wie Neuer, Müller, Hummels. Er war der Größte dieser Zeit. Vielleicht nicht der beste Spieler, das war wohl Philipp Lahm. Aber Schweinsteiger war die größte Symbolfigur - der Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus seiner Weltmeistergeneration.

Entsprechend lässt sich Schweinsteigers gesamte Karriere in zwei Hälften teilen: Den frühen Jahren, in denen er immer wahrgenommen wurde als Frechdachs, der nicht erwachsen werden wollte – mit der "Cousine" im Whirlpool an der Säbener Straße, mit dem Iro zur EM 2008, solche Geschichten; und in das Spätwerk, als er sich um die Jahrzehntwende unter dem damaligen Bayern-Trainer Louis van Gaal als Sechser neu erfand und endgültig zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt wurde. Auch in der Nationalelf war er fortan wertvoller denn je, führte in Abwesenheit des alten Kapitäns Michael Ballack als immer noch junger Routinier eine aufstrebende Truppe zusammen mit Lahm von den rauschhaften Siegen bei der WM 2010 schließlich bis nach Rio. 

"Es war mir eine Ehre, für euch spielen zu dürfen!" 

Ein bisschen paradox mutet es bis heute an, dass Schweinsteiger zeit seiner Karriere immer viel zu kritisch gesehen wurde: Wenn es mal nicht lief, war er für Modefans und Krawallpresse oft das nächstbeste Opfer – auch, weil der späte Schweinsteiger so mannschaftsdienlich agierte, dass es manchmal an Selbstvergessenheit grenzte und auf der Fanmeile oder am Tresen gerne übersehen wurde. Zum Glück hat er sich mit dem epochalen Auftritt im WM-Finale selbst dafür entschädigt. Für wahre Fußballfans verkörperte er mit seiner Haltung und seinen Hochs und Tiefs zu diesem Zeitpunkt ohnehin längst alles, was große Spieler zur Legende qualifiziert. Schon sein Abschied vom DFB bedeutete 2016 auch das endgültige Ende einer mitreißenden Ära des Aufbruchs, die neben Schweinsteiger von den bereits zurückgetretenen Lahm, Klose und Mertesacker geprägt wurde.

Schweinsteiger stand immer wieder auf – aber jetzt, nach weit mehr als einem Jahrzehnt auf höchstem Niveau (und einer Ehrenrunde in der US-amerikanischen Major League Soccer, wo er zuletzt bei Chicago Fire spielte), muss er all den Schlachten und seinem immer kraftraubenderen Spielstil endgültig Tribut zollen. Mit inzwischen 35 Jahren kommt dieses Ende für den längst ergrauten Schweinsteiger vielleicht sogar überfällig. Wie schrieb Schweinsteiger am Ende seiner DFB-Rücktrittserklärung 2016 direkt an die Fans: "Es war mir eine Ehre, für Euch spielen zu dürfen, vielen Dank für alles, was ich mit Euch erleben durfte!"

Ganz ehrlich, Bastian Schweinsteiger: Wir haben zu danken. Es war uns eine Ehre!


Dieser Text erschien in leicht abgeänderter Fassung erstmals anlässlich der Rücktrittserklärung von Bastian Schweinsteiger aus der deutschen Nationalmannschaft am 29. Juli 2016.

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