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Bayern-Angreifer Mario Gomez: Stürmer ohne Fans

Mit seinem Turbo-Hattrick im Spiel gegen Wolfsburg hat Mario Gomez bewiesen, dass er immer noch ein sehr guter Stürmer ist. Nur seine Bosse bei den Bayern sehen das anders. Eine Beziehungsgeschichte.

Von Klaus Bellstedt

Der Hauptdarsteller verschwand um kurz vor Mitternacht wortlos aus der Allianz-Arena. Mario Gomez wollte nicht reden. Dafür redeten andere. Uli Hoeneß zum Beispiel. "Mario hat die wunderbaren Pässe, die sie ihm reingespielt haben, traumwandlerisch verwertet. Das ist im Allgemeinen die Aufgabe von einer Nummer 9. Und die hat er fantastisch gelöst", kommentierte der Präsident die Leistung des Stürmers, der für seine drei Tore beim 6:1-Sieg der Bayern im Pokalhalbfinale gegen den VfL Wolfsburg gerade mal sechs Minuten benötigte. Wohl gemerkt: bei nur 14 Minuten Einsatzzeit. Es war ein grandioser Auftritt von Mario Gomez an diesem regnerischen Frühlingsabend in München. Hoeneß hätte sich seinen kleinen süffisanten Ausritt ruhig sparen können. Andererseits spiegelt die Aussage exakt das wider, worum es in diesem vermaledeiten Beziehungsverhältnis zwischen Gomez und den Bayern geht: Zwischen beiden Seiten geht nicht mehr viel. Und das schon länger. Seit Ende Mai 2012.

"Wenn Mario Gomez sehr gut wäre, dann wären wir jetzt Champions-League-Sieger." Das waren damals die Worte von Uli Hoeneß. Der Präsident kann - wie viele Fans - im Grunde bis zum heutigen Tag die drei vergebenen Gomez-Chancen aus dem verlorenen Finale gegen Chelsea nicht vergessen. Der ganze Club kann das nicht. Im vergangenen Sommer holten sie wie zur Strafe mit Mario Mandzukic und Claudio Pizarro zwei Top-Stürmer dazu. Nach einer langen Knöchelverletzung kam Gomez seitdem nie mehr so richtig zum Zug. Seinen Angreifer-Nummer-Eins-Status verlor der 27-Jährige gewissermaßen von Wochenende zu Wochenende ein Stückchen mehr. An Mario Mandzukic.

Chelsea und ManCity an Gomez dran

Der Kroate, von den Anhängern längst zum Publikumsliebling emporgestiegen, verkörpert inzwischen den Idealtyp im modernen Bayern-Spiel 2013. Sinnbildlich steht Mandzukic vor allem für die neue Berufsmoral der Offensivspieler bei der Fronarbeit gegen den Ball. "Mandschu ist ein Charakterspieler, der alles für die Mannschaft gibt", benannte Heynckes mal die Vorzüge des Angreifers: "Er ist physisch stark, torgefährlich, mannschaftsdienlich." Gomez ist ein ganz anderer Typ. Er ist mehr Einzelgänger auf dem Platz, ein Schleicher ausgestattet mit einem exzellenten Torinstinkt. Der Nationalstürmer hat seit 2009 für die Bayern in 110 Bundesligaspielen beeindruckende 72 Mal getroffen. Aber seit dem Chelsea-Trauma hat Gomez keine Lobby mehr in München. Für einen sensiblen Sportler wie ihn ist das die Pest. Meist hilft da nur ein Wechsel.

Aus England ist zu hören, dass der FC Chelsea und Manchester City Gomez im Sommer aus der zweiten Reihe befreien wollen. Sein Vertrag bei den Bayern läuft noch bis 2016, aber es ist eigentlich unvorstellbar, dass es für den Stürmer über die Saison hinaus in München weitergeht. Die Aussagen der Bosse lassen diesen Schluss auch zu. "Ich weiß nicht, was Mario vor hat. Warten wir mal ab, was geschieht", sagte Karl-Heinz Rummenigge vor kurzem über dessen Zukunft. Franz Beckenbauer wurde sogar noch deutlicher: "Wenn das mit Lewandowski funktioniert, sollte sich Gomez anders orientieren", so der Ehrenpräsident. Worte, die sich für den Spieler wie Ohrfeigen anfühlen müssen.

Sammer nimmt Bewerbung zur Kenntnis

Wie lange tut sich Gomez die Bayern selbst noch an? Sein Berater Uli Ferber sagt: "Natürlich ist Mario nicht glücklich über die Situation", sein Spieler sei "absolut sauber und loyal" zum Verein gewesen, "er hätte es verdient, wenn der Trainer auf ihn setzt." In der kommenden Woche im Spiel der Spiele gegen Barcelona ist Mandzukic gesperrt. Gomez könnte also auf die große europäische Fußballbühne zurückkehren. Aber das ist längst nicht sicher. Auch Claudio Pizarro sei "gut drauf", sagt Jupp Heynckes. "Deswegen wird es für mich nicht einfach auszuwählen, wer letztendlich spielt." Und die drei Tore gegen Wolfsburg? "Seine Bewerbung nehmen wir wohlwollend zur Kenntnis", merkte Sportvorstand Matthias Sammer nach dem Pokalspiel am späten Dienstagabend an.

Irgendwie kann man verstehen, warum Mario Gomez gerade nicht sprechen will.

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