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Bayern im Champions-League-Finale: Die Geburt einer großen Mannschaft

Der FC Bayern München steht erstmals nach neun Jahren wieder im Finale der Champions League. Das 3:0 bei Olympique Lyon hat bewiesen: Jetzt ist auch der Titel möglich.

Von Klaus Bellstedt

Vor genau einem Jahr am 27. April 2009 wurde Jürgen Klinsmann als Trainer bei den Bayern nach einer 0:1-Heimniederlage in der Bundesliga gegen Schalke 04 entlassen. Der Möchtegern-Reformator war nach nicht einmal einer Saison gescheitert. Der Weltclub FC Bayern stand damals vor einer ungewissen Zukunft. Man könnte auch sagen, er stand vor den Trümmern dieser eigenartigen Regentschaft. Exakt 365 Tage nach dem Klinsmann-K.o. machte der FC Bayern München mit einer beeindruckenden Leistung im Halbfinal-Rückspiel bei Olympique Lyon den Einzug ins Finale der Champions League perfekt. Das Erreichen dieses Endspiels am 22. Mai in Madrid ist schon jetzt ein Triumph, für die Mannschaft - aber vor allem auch für den Trainer Louis van Gaal.

Der Niederländer stand im letzten Herbst schwer in der Kritik. Nach einer 1:2-Pleite in der Gruppenphase der Königsklasse gegen Bordeaux und blutleeren Auftritten seiner Elf in der Liga stand er vor der Entlassung. Hoeneß und Beckenbauer, die eigenen Bosse, zählten van Gaal damals an. Hätte man den beiden Bayern-Schwergewichten damals das Erreichen des Champions-League-Finales unter der Leitung desselben Trainers vorhergesagt, sie hätten einen wahrscheinlich für übergeschnappt erklärt. Aber Louis van Gaal hat es tatsächlich geschafft. Er hat diese sensible Mischung aus jungen und hochtalentierten Spielern wie Badstuber, Contento und erfahrenen Stars wie Schweinsteiger und Robben zu einer Einheit geformt und auf Spur gebracht. Nun steht diese bärenstarke Einheit in dem Endspiel des europäischen Clubfußballs, zum ersten Mal nach neun langen Jahren - und sie hat gute Chancen, dort zu bestehen.

Kühl bis ans Herz

Der Auftritt beim hochverdienten 3:0-Erfolg in Lyon (Endabrechnung nach Hin- und Rückspiel 4:0) war fast schon beängstigend stark. Natürlich lag das auch ein bisschen am Gegner. Lyon trat wie schon im Hinspiel vor sieben Tagen in München wie ein besseres Zweitligateam auf. In 92 Spielminuten im Stade de Gerland erarbeiteten sich die Franzosen keine einzige echte Torgelegenheit. Lyon wirkte von Beginn an eingeschüchtert. Der Respekt vor dem FC Bayern, er war bei fast jedem Spieler förmlich greifbar. Die Fans von "OL" verwandelten das Stadion vor dem Anpfiff zwar in einen Hexenkessel, aber spätestens ab der 3. Minute war auch diesbezüglich Ruhe im Karton. Thomas Müller hatte in dieser frühen Phase des Matches die Chance, schnell für klare Verhältnisse zu sorgen. Er versagte freistehend vor dem Tor kläglich.

Diese vergebene Tausendprozentige hätte so einigen Teams einen psychischen Knacks verliehen. Nicht so den Bayern. Kühl bis ans Herz spulten sie ihr Pensum herunter. Strotzend vor Selbstvertrauen zermalmten sie Olympique Lyon mit einem Kombinationsspiel, das einem fast schwindelig werden konnte. Der Führungstreffer von Ivica Olic (26.) stand dafür exemplarisch. Das Fehlen des Rot gesperrten Ribéry war dem Team zu keiner Zeit anzumerken. Auch das zeichnet große Mannschaften aus. Altintop, der für den Franzosen die linke Mittelfeldseite beackerte, vertrat diesen famos. Famos spielten sie eigentlich alle - und doch muss man ein Duo hervorheben: Bastian Schweinsteiger und Ivica Olic.

Hoeneß schwärmt: "Fußball in Vollendung"

Mit Louis van Gaals Königsrochade - Schweinsteiger neben Mark van Bommel auf die Doppelsechs - scheint auch der Spieler selbst seine Mitte gefunden zu haben. Schweinsteiger riss gegen Lyon das Spiel an sich, wie Michael Ballack in seinen besten Zeiten. Der Nationalspieler gewann darüber hinaus jeden Zweikampf. Moderner wie er kann man diese so wichtige Position im Weltfußball nicht interpretieren. Modern ist Ivica Olics Spielweise keineswegs. Der drollige Strafraumstürmer ist eher eine Kopie von "Bomber" Gerd Müller. Er steht da, wo man als Angreifer stehen muss. Ein, zwei kurze Drehungen und der Ball zappelt im Netz. Was so einfach ausschaut, ist doch so schwer. Nur die Wenigsten beherrschen diese Kunst, so wie Olic sie beherrscht. Gleich drei Mal traf der nimmermüde Kroate in Lyon (26., 66., 77.) und avancierte damit zum alleinigen Matchwinner - was das reine Ergebnis betrifft.

"Das war heute Fußball in Vollendung", Bayern-Präsident Uli Hoeneß bekam nach der großen Show von Lyon seinen Mund kaum noch zu. Er rang nach Worten, um dann doch noch einen bemerkenswerten Satz von sich zu geben: "Eine solche Leistung in so einem wichtigen Spiel habe ich vom FC Bayern lange nicht mehr gesehen." Die Bilanz des Trainers fiel dagegen etwas simpler aus: "Wir können Fußballspielen, das haben heute alles gesehen." Wer dabei sein entspanntes Lächeln etwas genauer betrachtete, der konnte erkennen: Dieser Mann hat noch lange nicht genug. Van Gaal will jetzt den Titel. Und egal auf wen die Bayern in Madrid treffen, Barcelona oder Inter Mailand, der Gegner sollte sich in jedem Falle auf einen ungemütlichen Abend einstellen.

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