HOME

Bayerns 4:0 gegen Barcelona: Unfassbar gut

Der FC Bayern steht nach einem berauschenden 4:0-Erfolg über den großen FC Barcelona so gut wie im Finale der Champions League. Der Sieg ist gleichbedeutend mit einer Wachablösung.

Von Klaus Bellstedt, München

Arjen Robben suchte lange. Sehr lange. Schließlich fand der Niederländer doch noch das, wonach er Ausschau gehalten hatte: seinen Sohn. Kai Robben ist etwas über ein Jahr alt. Aber jubeln kann er wie ein Großer. Oben auf der Tribüne jauchzte der drollige Knirps vor Freude auf den Schultern seines Großvaters Hans. Er wackelte hin und her und winkte, leicht nachgeholfen von Opa, dem Vater zu.

Der erwiderte mit Handküsschen und wilden Tanzeinlagen. Familie Robben war im kollektiven Rausch. Das war mehr als verständlich. Ehrlich gesagt: Selbst als neutraler Beobachter hätte man am liebsten mitgefeiert. Denn das, was sich da unten auf dem Rasen kurz zuvor in 93 berauschenden Minuten abgespielt hatte, war das Beste, was eine deutsche Fußball-Mannschaft auf internationaler Bühne in den vergangen 20 Jahren abgeliefert hat.

Mindestens. Vier Tore erzielten die Bayern in diesem denkwürdigen Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona. Die enttäuschenden Katalanen blieben ohne Treffer. Das Endspiel in der Königsklasse, es ist für die Münchner jetzt zum Greifen nah.

Man kommt bei der Beschreibung des magischen Abends von München einfach nicht am Finale von 2012 vorbei. Damals vergeigten es die Bayern. Sie verpassten die historische Chance, im eigenen Stadion den größten internationalen Titel auf Clubebene zu gewinnen.

Die Niederlage, die neben dem Last-Minute-Drama gegen Manchester United 2001 als die schlimmster Patzer in die Geschichte der Bayern eingegangen ist, schmerzte bis Dienstag um kurz nach halb elf eine ganze Stadt.

Nach dem 4:0-Sieg über Barcelona ist es damit aber vorbei. Es brauchte exakt diesen furiosen Triumph gegen eine bis vor kurzem noch als beste Vereinsmannschaft der Welt bezeichnete Auswahl von Künstlern, um Vergangenes vergessen zu machen – und sich ausschließlich auf die Zukunft zu fokussieren. Die Bilder nach dem Schlusspfiff bewiesen das eindrucksvoll.

Tiki-Taka-Code geknackt

Es war die Gänsehaut-Ehrenrunde der Mannschaft durch das Stadion. Es war die Show des Arjen Robben vor der Haupttribüne. Es waren auch die frenetischen Fans, die mit einem sagenhaften und für Münchner Verhältnisse untypischen Support ihren Teil dazu beigetragen hatten.

Aber es waren vor allem auch die kleinen, die leisen Szenen abseits des großen Jubelsturms. Matthias Sammer saß nach dem Schlusspfiff zum Beispiel ganz allein auf der riesenhaften Auswechselbank der Bayern. Er strich sich immer wieder mit beiden Händen über seinen grauen Pullover. Dann plötzlich sprang er auf und fiel Jupp Heynckes um den Hals. So als wolle er sich beim Trainer bedanken. Das ging eine ganze Weile so, bis sich beide wieder voneinander lösten, sich eher ernst zunickten und entschlossen in die Kabine verschwanden. Auftrag erfüllt.

Aber die Mission läuft noch: So ließ sich die Begegnung zwischen Sammer und Heynckes durchaus deuten. Das Endspiel reicht nicht. Es muss der Titel sein. Und sie alle glauben daran. Sie müssten bekloppt sein, wenn nicht. Wer den Tiki-Taka-Code von Barca derartig eindrucksvoll knackt und in einem Halbfinale der Champions League gegen Kombinationsmonster wie Lionel Messi, Andres Iniesta oder Xavi nicht eine einzige echte Torchance zulässt, selber aber durch Thomas Müller (25./82.), Mario Gomez (49.) und Arjen Robben (73.) vier Mal trifft, der kann nur der Favorit auf den Titel in der Königsklasse sein.

Ob der Gegner im Endspiel nun Borussia Dortmund oder Real Madrid heißt, ist dabei völlig wurscht. Die Bayern sind einfach nur unfassbar gut. Gegen Barca pressten sie im Kollektiv viel besser als das Team von Trainer Tito Vilanova.

Sie betrieben konsequent höchsten Aufwand. Permanent wurden die Passoptionen des Gegners durch Überzahl versperrt, permanent gingen alle Spieler Wege von Strafraum zu Strafraum. Und das im ICE-Tempo. Ja, der 4:0-Erfolg, aber vor allem das Zustandekommen dieses Sieges, hatte durchaus etwas von einer Wachablösung. Nicht mehr Barcelona ist das Maß aller Dinge. Es sind die Bayern. Sie spielen momentan Fußball wie von einem anderen Stern.

Heynckes duldet keine Einzelgänger

"Das ist Wahnsinn, kaum zu glauben. Die haben die letzten Jahre in Europa dominiert, und dann gewinnen wir 4:0. Wir haben miteinander gekämpft, miteinander verteidigt - das war der Schlüssel." So fiel das überschwängliche Fazit von Arjen Robben aus, der gemeinsam mit Thomas Müller und Javi Martinez ein Stückchen aus dem famosen Münchner Kollektiv hervorstach.

Apropos: Immer wieder fiel in der Mixed Zone nach dem Spiel das Wort "Kollektiv". Dass die Bayern so gut als Einheit funktionieren, liegt auch am Trainer. Jupp Heynckes erlaubt keine Egotrips. Das Wohl der Mannschaft steht über allem. Alles wird bei ihm dem Erfolg untergeordnet. Heynckes will sich unbedingt mit dem Champions-League-Sieg aus München verabschieden. Er brennt für dieses eine Ziel, treibt so oft es geht an und lässt nie locker. Gegen Barcelona war eine Szene symptomatisch: Es lief bereits die Nachspielzeit, als Bastian Schweinsteiger an der Seitenlinie nur kurz durchschnaufte und ausnahemsweise nicht wieder sofort dem Ball hinterhersprintete. Heynckes duldete das nicht. Der Trainer forderte seinen Vizekapitän selbst beim Stand von 4:0 unmissverständlich auf, sofort wieder die Jagd aufzunehmen.

Schweinsteiger erfüllte postwendend den Auftrag seines Chefs. Ohne zu murren. Diese Mentalität zeichnet Champions aus. Heynckes hat sie seiner Mannschaft eingetrichtert. Und selbst eine vermeintliche Diva wie Arjen Robben hat sie längst verinnerlicht. Dass sich der Niederländer als einziger Bayern-Spieler nach der Partie nicht an Jubelrunde seiner Kollegen durch die Arena beteiligte und auf die Gemeinschaft pfiff, war dann irgendwie auch egal. Familie geht schließlich immer vor.

Wissenscommunity