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Beckmann/Kerner-Interview: "Jeder möchte der Bessere sein"

EM-Reporter, Fußballfans, Familienväter: Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner über große Spiele, ihre Konkurrenz als Talkmaster - und die Leidenschaft ihrer Frauen für Ailton und Panini-Bilder.

Sie beide werden die Fußball-EM aus Portugal kommentieren. Würden Sie die Spiele nicht lieber in der Kneipe gucken, Bier trinken und den besseren Bundestrainer geben?

Kerner: Das mache ich dann, wenn Reinhold kommentiert. Es kommt vor, dass wir uns an freien Tagen unter Kollegen verabreden, um die Spiele zu sehen.
Beckmann: Ich kenne Portugal ein bisschen, die Kneipen dort haben was herrlich Melancholisches. Möglicherweise können wir diese portugiesische Schwermut mit der Fado-Musik und dem Vinho verde nach der Vorrunde ganz gut gebrauchen.

Haben Sie schon eine Trauerrede vorbereitet, Herr Beckmann? Sie kommentieren das dritte Gruppenspiel der Deutschen gegen die Tschechen, und das könnte der letzte Auftritt von Völlers Elf sein...

Kerner: ...pfui!
Beckmann: Das habe ich mit Rudi Völler anders besprochen. Natürlich sollte man sich auch für diesen Fall ein paar Gedanken zur Seite legen - aber jetzt freue ich mich erst mal wie ein kleiner Junge auf diese EM. Eigentlich machen wir ja nichts anderes als in der Kneipe auch: 90 Minuten zugucken und dazu was sagen. Ich gestehe allerdings: Als Kommentator ist man etwas strukturierter und zurückhaltender.
Kerner: In meinem Berufsleben gibt es nichts, was so viel Vorbereitung erfordert wie ein Live-Kommentar beim Fußball; bei der Talkshow habe ich ein großes Team hinter mir, da ist die Vorbereitung standardisiert. Aber beim Fußball habe ich immer so eine Grundnervosität.

Warum das? Sie sind doch schon ein paar Tage im Geschäft.

Beckmann: Trotzdem: Du musst dich zum Beispiel immer wieder darauf einstellen, dass ein Spieler, der in seinem ganzen Fußballerleben noch nie was gerissen hat, urplötzlich mit einer Aktion zum Helden wird - also musst du jeden einschätzen können. Ich habe immer eine Liste vor mir, da stehen alle Spieler drauf, und zu denen mache ich mir dann Notizen.
Kerner: Schreibst du mit der Hand?
Beckmann: Ja.
Kerner: Ich auch. Manchmal bin ich aber auch ganz froh, dass der Name auf dem Rücken steht - ich bin ja nicht der Allwissende, der da oben auf der Tribüne sitzt.
Beckmann: Wichtig ist auch, mit den entscheidenden Leuten zu sprechen. Vor dem Spiel Deutschland gegen Malta etwa habe ich viel mit Horst Heese, Maltas Trainer, geredet...
Kerner: ...und deshalb wusstest du, dass der seinen eigenen Keeper einen Fliegenfänger nennt. Das ist natürlich herrlich. Vor dem Pokalfinale hat mir Jörg Berger...

...der als Trainer mit Alemannia Aachen gegen Werder Bremen antrat...

Kerner: ...erzählt, dass seine beiden Töchter dabei sind. Das sind Zwillinge, die sind 15 und heißen Romy und Julia. Sie haben ihm auf dem Hinflug gesagt: "Papa, für uns ist das etwas ganz Besonderes..." - Berger dachte natürlich: "Klar, der Alte im Pokalfinale, tolle Sache!" -, aber dann sagten sie: "...das ist nämlich heute unser erster Inlandsflug." Leider gab es Romy und Julia nicht im Bild - aber das wäre eine gute Geschichte gewesen.
Beckmann: Bei der EM haben wir dann an den Tagen der Deutschland-Spiele das Mittagessen mit dem Bundestrainer - eine sehr schöne, stilvolle Einrichtung.
Kerner: Und Tradition für den LiveReporter; das war auch bei Franz Beckenbauer so und bei Berti Vogts.
Beckmann: Da kriegt man auch mal Kritik zu hören. Neulich musste ich mir von Völler sagen lassen, dass ich beim Spiel gegen Belgien zu streng mit seiner Mannschaft umgegangen sei. Er habe ein paar Anrufe von Freunden erhalten, und die hätten ihm gesagt, ich sei zu hart gewesen...
Kerner: ...hat er mir auch mal gesagt - genau dieselbe Formulierung! Aber Völler weiß, glaube ich, dass er in uns beiden kritische, aber wohlmeinende Beobachter hat.

Geht beim Kommentieren manchmal der Fan mit Ihnen durch?

Kerner: Wenn die schlecht spielen, wird das auch gesagt, Schluss. Aber, ganz ehrlich: Ich bin schon für die Deutschen und habe auch keine Lust, mich dafür zu rechtfertigen. Ich trage keine schwarz-rot-goldene Unterwäsche, aber ich wünsche mir, dass die bei so einem Turnier weiterkommen. Davon lebt doch die ganze Veranstaltung.
Beckmann:Ich habe noch eine Sehnsucht: dass die deutsche Mannschaft über das hinauswächst, was seit Jahren auf fast unsägliche Art und Weise immer wieder als typisch deutsche Tugend beschrieben wird: Kämpfen bis zum Umfallen. Ich wünsche mir, dass da eine spielerische Eleganz, eine Schwerelosigkeit entsteht, an der ich mich mit den Zuschauern erfreuen kann.

Sie waren früher beim WDR für Ihre Persiflagen von Fußballkommentatoren bekannt. Wen konnten Sie am besten?

Beckmann: Das war in der Zeit, als ich als Cutter gearbeitet habe, um mir während des Studiums Geld zu verdienen. Und da habe ich den Heribert Faßbender ein bisschen imitiert. Ich konnte auch ganz gut Ernst Huberty in seiner eigenen, sparsamen Art...
Kerner: ..."Tor. Tor für Deutschland. Hölzenbein. Hölzenbein."

Herr Kerner, wenn Sie den Kollegen Beckmann parodieren müssten, worauf würden Sie sich konzentrieren?

Beckmann: Los, hau raus, Johannes. Ich mache in der letzten Zeit immer so laut "Oohhh!".
Kerner: Wie sage ich das am besten? Ich glaube, Reinhold substantiviert. Er sagt nicht: "Ich bin enttäuscht". Sondern: "Das ist eine Form von Enttäuschung, die wir hier erleben". Ist das so?
Beckmann: Könnte sein. Man darf sich während des Spiels nicht ständig fragen: Was hab ich da gerade gesagt? In dem Moment musst du es laufen lassen, natürlich mit einer gewissen Konzentration.
Kerner: Da haben wir's: nicht konzentriert, sondern "mit einer Konzentration".
Beckmann: Gut aufgepasst. Aber das Schlimmste, was uns passieren kann, ist zu nerven, weil wir zu viel und unkontrolliert babbeln.
Kerner: Es gibt eine Parallele bei unseren Jobs. Bei einem Talkmaster glauben die Leute, der wird fürs Reden bezahlt. Dabei werden wir fürs Zuhören bezahlt, genauso wie wir als Fußballreporter von den Menschen am ehesten geschätzt werden, wenn wir auch mal schweigen.

Wann ist die Konkurrenz zwischen Ihnen härter - beim Talk oder beim Fußball?

Beckmann: Die ist so oder so sportlich. Ich gucke natürlich, ob Johannes mit seiner Show eine gute Quote hat. Und umgekehrt ist das genauso.
Kerner: Sagen wir so: Jeder möchte der Bessere sein, aber keiner wünscht dem anderen, dass er schlecht ist. Wir treten ja auch nicht gegeneinander an. Darauf haben wir uns irgendwann mal besonnen.
Beckmann: Wir tauschen uns auch aus. Es gibt beispielsweise Gäste, die versuchen, uns gegeneinander auszuspielen. Nach dem Motto: Wenn du dieses und jenes nicht tust, gehe ich zuerst zu Johannes.
Kerner: Da geht es um Honorar, und für uns ist das kurze Telefonat mittlerweile sehr wertvoll. So können wir viel klären.
Beckmann: Wenn ich Johannes sage: Ich hab die nächste Sendung voll, die übernächste auch - dann weiß er, dass das Pokerspiel keinen Sinn macht.

Sie haben Herrn Kerner einst für die Fußball-Show "ran" entdeckt. Was zeichnete ihn aus?

Beckmann: Mein damaliger Stellvertreter Michael Lion kannte Johannes vom SFB. Er gab mir eine Cassette mit einer Sendung von ihm. Johannes war damals noch ein bisschen moppeliger, aber unglaublich sicher in seiner Moderation, ganz fest, ganz klar. Und nebenbei machte er sich später auch als Stürmer in der Sat 1-Fußballmannschaft sehr ordentlich.
Kerner: Da haben wir mal mit Wolfgang Overath zusammengespielt, weißt du noch? Der hat zu mir gesagt: "Ich freue mich, dass du dabei bist. Und zwei Sachen noch: Du gehst nicht über die Mittellinie - und spielst jeden Ball zu mir". Großartig.

Haben Sie ähnlich nette Erinnerungen an Ihre Fußball-Kindheit?

Kerner: Meine Familie war nicht so fußballbegeistert. Ich weiß noch, beim WM-Finale 1974: Ich war neun Jahre alt, und als wir nach zwei Minuten gegen die Holländer hinten lagen, ist mir richtig körperlich schlecht geworden. Ich wollte den Fernseher ausmachen, für mich war der Tag gelaufen. Da hat mein Vater gesagt: "Dir kann gar nicht schlecht sein. Diese Hysterie dulde ich nicht." Er hat mich gezwungen, weiter zu gucken.
Beckmann: Das sind ja richtige kleine Sozialisationsschäden.
Kerner: Aber meinem Vater sei heute noch Dank: Am Ende hatten wir 2:1 gewonnen! Wo hast du das Spiel gesehen? Beckmann: Da war ich schon 18. Vielleicht zu Hause, vielleicht in einer Kneipe - ich weiß es nicht mehr. Ich hatte mein erstes Fußballerlebnis 1965 auf dem Schoß meines Vaters beim Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund: Bremen gewann 3: 0 und wurde Meister, Torschützen: Matischak, Klöckner, Zebrowski...
Kerner: Unglaublich, was man alles so in seinem Hirn speichert!
Beckmann: ...und der Trainer Willi "Fischken" Multhaup wurde aus dem Stadion getragen. Dieses Spiel, das war's - von da an bin ich zu Werder gepilgert.
Kerner: Wenn du erst mal 40 bist, kannst du nicht mehr vom Fußball abhängig werden - in dem Alter analysierst du und denkst: Das ist doch alles nur Theater. Dieses Anfixen funktioniert nur zwischen neun und zwölf.

Ihr Sohn, Herr Beckmann, ist mit zehn Jahren vermutlich längst abhängig?

Beckmann: Nein, der verweigert sich standhaft und macht lieber Musik. Vielleicht auch, weil Fußball für ihn bedeutet, dass der Vater nicht zu Hause ist. Ich hatte ihn neulich nach Glasgow mitgenommen, als ich Schottland - Färöer-Inseln kommentiert habe. Wir saßen auf der Tribüne, und das fand mein Sohn super - aber zum Fußball hat ihn das auch nicht gebracht. Das war eher so: Tolle Reise, Papa, lass uns das öfter machen.

Können Sie zu Hause wenigstens mit Ihrer Frau über Fußball reden?

Beckmann: Es ist nicht so, dass sie richtig fußballverrückt ist. Aber sie ist ein großer Werder-Fan, da zeigt sie sehr viel Geschmack. Sie liebt das kleine, dicke Ailton. Als kürzlich nach dem Gewinn der Meisterschaft diese Bilder auftauchten von ihm im Entmüdungsbecken...

...der junge Mann war nackt, das Foto an der interessantesten Stelle leider verschwommen...

Beckmann: ...genau, und die "Süddeutsche Zeitung" schrieb darüber: "Hängende Spitze". Da haben wir dann ein bisschen länger drüber geredet.

Herr Kerner, Ihre Frau Britta Becker ist Hockey-Nationalspielerin. Kann sie etwas mit Fußball anfangen?

Kerner: Die Sportarten sind ja ähnlich in der Anlage, aber meine Frau lacht sich immer tot, wenn die Fußballer über zu große Belastungen klagen; beim Hockey hat sie zwei Spiele an jedem Wochenende. Wir reden viel über Fußball, Britta ist Bayern-Fan. Und sie sammelt jetzt zur EM wieder Panini-Fußballbilder. Sie hat drei Heftchen: eins für sich und zwei für unsere beiden Kinder. Und immer so einen kleinen, gelben Zettel dabei, wo die Nummern der Bilder draufstehen, die ihr noch fehlen...
Beckmann: ...das ist ja wie früher bei uns auf dem Schulhof.
Kerner: Und sie tauscht die Bilder dann mit dem Co-Trainer der Hockey-Nationalmannschaft.
Beckmann: Eine Panini-Beziehung? Da würde ich mal genauer hingucken.

Interview: Ulrike von Bülow/Stephan Draf

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