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BVB-Fan zur Krise: Verschont uns mit eurem Mitleid!

Als Dortmund-Fan hat man es dieser Tage nicht leicht. Die Gefühlslage: scheiße. Das Schlimmste aber ist das Mitleid. Erst recht das der Bayern-Fans.

Von Michael Streck, London

Beim BVB herrscht geballte Ratlosigkeit

Beim BVB herrscht geballte Ratlosigkeit

Vor ein paar Monaten schickte mich der stern nach Dortmund. Ich sollte eine Geschichte schreiben, die ich nicht schreiben wollte: Trauerarbeit eines Dortmund-Fans. Ich fuhr also nach Dortmund, glaubte fest, dass der BVB gegen Hannover gewinnen und damit die Geschichte obsolet werden würde. Wurde sie nicht. Dortmund verlor gegen Hannover, und ich schrieb ein kleines Stück. Darin stand:

Ich will's nicht klein reden oder schön. Das geht nicht. Es stimmt, Dortmund spielt weit unter den Erwartungen; denen der Fans, der Medien, vor allem aber den eigenen, vier Niederlagen in Serie. Und, ja auch, Jürgen Klopp sah angeschlagen aus nach den Spielen in Köln und Hannover. Er selbst würde wohl "scheiße" sagen statt angeschlagen. Das implantierte Haar zerrupft, rang er - sonst schlagfertig und witzig - nach Worten, die dann fade wirkten und blass, weil: neu. Das Vokabular des Misserfolgs gehörte bislang nicht zu seinem Repertoire, "weiter kämpfen", "dran bleiben", "Umfeld". Er sagte auffällig oft "dementsprechend" und klang irgendwie genauso sperrig wie die Mannschaft spielt. Die Zeitungen weideten sich ein bisschen daran, weil man Klopp bislang nur anders kannte: als Werbestar, als Motivator, als sprücheklopfender Charmeur. Nicht als Verlierer. Und nun sah er so aus wie ein Dortmund-Fan nach Niederlagen. Zerrupft, Gefühlslage: scheiße.

Ein Bier zum Trost. Es schmeckte: scheiße

Das war Ende Oktober. Aber irgendwie dachten alle, dachte auch ich, dass es dennoch irgendwann vorbei sein würde mit der Ergebniskrise, die damals noch Ergebniskrise hieß und heute nur noch Krise heißt. Dachte und hoffte, dass es zwangsläufig besser werden müsste angesichts der Qualität der Spieler und der Qualität des Trainers. Jürgen Klopp dachte das gewiss auch. Es wurde dann: schlimmer. Immer schlimmer. Die Niederlage gegen Augsburg war nun der vorläufige Tiefpunkt.

Nach jeder weiteren Pleite schreiben mir Bekannte und Freunde nach London: Was ist mit deinem Verein los? Sie meinen es gut. Sie wissen, dass ich leide. Und wer glaubt, dass mit räumlicher Distanz schlechte Ergebnisse erträglicher werden, irrt. Neulich waren wir im Urlaub. Auf Reisen bin ich eigentlich ziemlich entspannt. Es sei denn, Dortmund spielt. Ich bin nie entspannt, wenn Dortmund spielt. Nie. Und auch nicht im Urlaub. Dortmund spielte in München gegen den FC Bayern, und wir steckten in Wales. Ich wurde sehr unruhig während der Fahrt, die Frau hat sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Sie ist eine gute Frau. In einem Küstenstädtchen enterten wir einen Pub, und die freundlichen Waliser waren so freundlich und stellten auf BT-Sport, den Sender, der das Spiel in Großbritannien übertrug. Dortmund ging in Führung, ich brüllte durch den ganzen Pub, die Frau entschuldigte sich für mein Gebrüll, "He's from the Dortmund-area...", und die freundlichen Waliser nickten freundlich und hatten größtes Verständnis. Dortmund verlor natürlich. Zum Trost kriegten wir ein Bier. Es schmeckte: scheiße.

"Wengerisierung" des BVB unter Jürgen Klopp

Das Schlimmste ist das Mitleid. Sogar Bayern-Fans haben inzwischen Mitleid. So weit ist es schon gekommen. Vermutlich werden nun alle möglichen Experten gefragt oder auch solche, die in solchen Zeiten für Experten gehalten werden. In der "Zeit" äußerte sich gerade der Philosoph Wolfram Eilenberger. Er sagte, Dortmund sei die Anomalie der Liga. "Die äußere Zensur ist in Dortmund meinem Eindruck nach aber auch zu einer inneren geworden, zum Denkverbot. Dortmund, wie es sich in der späten Vorrunde zeigte, war kein Ver-ein mehr, sondern eine Sekte. Und zwar mit allen klassischen Attributen: Artikulationsverbote, totale Gemeinschaftssuggestion, unbedingter Erlöserglaube."

Vielleicht hat er Recht. Vielleicht ist es aber auch nur schön formulierter Unsinn. Ich weiß es nicht. Eilenberger fürchtet im Übrigen eine "Wengerisierung" des BVB unter Jürgen Klopp. Der Franzose Arsène Wenger trainiert Arsenal London ungefähr seit der Erschaffung des Universums. Arsenal holt zwar mit Wenger kaum noch Titel, qualifiziert sich aber jedes Jahr für die Champions League und spielt an guten Tagen immer noch den schönsten Fußball in England.

Bitte kein Mitleid mehr

Ich hätte nichts gegen eine Wengerisierung des BVB. Es gibt Schlimmeres, als sich jedes Jahr für die Champions League zu qualifizieren und schönen Fußball zu spielen. Zurzeit würde ich jede Art der Wengerisierung unterstützen und glatt unterschreiben. Wir sind Letzter.

Aber vorerst gilt: Bitte kein Mitleid mehr. Bitte nicht in Freiburg verlieren. Bitte nicht absteigen. Bitte, Bitte. Und bitte den Besserwissern zeigen, dass Anomalien durchaus funktionieren können, ihren Charme haben und allemal sympathischer sind als Geschäftsmodelle wie Wolfsburg oder Leverkusen.

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