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Streit um TV-Gelder: Bundesliga ist ein Erfolgsmodell - warum wollen die Vereine es kaputtmachen?

Die Debatte über eine Umverteilung der Fernsehgelder wird vor der DFL-Versammlung in Frankfurt hitzig geführt. Aber die wichtigste Frage wird dabei nicht gestellt: Warum bleibt nicht einfach alles, wie es ist?

Von Tim Sohr

Kameramann beim Fußball-Bundesligaspiel

Kameramann beim Fußball-Bundesligaspiel: Wie werden die TV-Gelder zukünftig verteilt?

Drohgebärden und Polemik, Beleidigungen und der Rückzug in die Schmollecke: In den letzten Tagen ging es unter den mächtigen Männern der Fußball-Bundesliga zu wie in einer weich gezeichneten US-Daily-Soap aus den Neunzigern. Es geht um die Verteilung der TV-Gelder ab der übernächsten Saison, es geht um eine Milliarde Euro - viel Geld, viel Konfliktpotenzial. Heute treffen sich die Vertreter der 36 Profiklubs in einem Frankfurter Hotel zur Mitgliederversammlung des Ligaverbands. Dabei werden die strittigen Vorstöße der letzten Wochen im Mittelpunkt stehen.

Der FC St. Pauli diffamierte mit seinem inzwischen zurückgezogenen Antrag, per Ausnahmegenehmigung die von der 50+1-Regelung befreite Klubs von der Zentralvermarktung der Fernsehgelder auszuschließen, die sogenannten Werksklubs aus Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg, außerdem wäre Hannover 96 von dieser Regelung betroffen; Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler reagierte prompt und bezeichnete seinen St. Pauli-Kollegen Andreas Rettig als "Schweinchen Schlau"; und fast schon traditionell erhebt auch der FC Bayern München hohe Forderungen, die in letzter Konsequenz gar ein Ende der zentralen Vermarktung zur Folge hätten.

So steht die Liga vor einer Zerreißprobe. Aber warum eigentlich?

Die Solidarität im deutschen Profifußball hat sich über Jahrzehnte bewährt. Die Zentralvermarktung sorgt beständig dafür, dass sich die Bundesliga von den Zwei-Klassengesellschaften der anderen europäischen Top-Ligen abhebt. Viele halten sie auch deshalb für die spannendste Liga. Weshalb die Verantwortlichen eigentlich gut beraten sein müssten, keine gravierenden Änderungen an einem funktionierenden System vorzunehmen. Was treibt sie also an?

"Da braut sich sonst was zusammen"

In der Debatte haben sich mehrere Fraktionen gebildet, deren Interessen legitim sind. Es ist nachvollziehbar, dass der FC Bayern als internationales Zugpferd die Zentralvermarktung zwar (vorerst) beibehalten, aber mehr TV-Geld als die bisher rund 50 Millionen Euro pro Saison kassieren will - bei einer Einzelvermarktung wären bis zu 200 Millionen für die Münchener drin. Es ist nur logisch, dass die Traditionsklubs aus Dortmund, Schalke, Bremen oder Frankfurt Argumente wie TV-Zuschauerzahlen und die Zahl der Fans bei Auswärtsspielen ins Feld führen. Es ist jedoch ebenso verständlich, dass die Zweitligisten um eine deutliche Verringerung ihrer Beteiligung von 20 Prozent fürchten. So sagte Bayerns Vorstandsboss Karl-Henz Rummenigge zwar, dass er nichts gegen die Zweite Liga habe, aber: "Die Zweitligisten müssen sich nur etwas realistischer einschätzen. Da braut sich sonst was zusammen."

Bloß: Eine Umverteilung widerspräche allem, was die Liga zu dem Blockbuster gemacht hat, der sie inzwischen auch im internationalen Vergleich ist. Abgesehen von der Dominanz des FC Bayern in der jüngeren Vergangenheit ist die Ausgeglichenheit der größte Trumpf: In Deutschland kann jeder jeden schlagen (drei Euro ins Phrasenschwein). Außerdem rühmt sich die zweite Bundesliga nicht zu Unrecht als bestes Unterhaus des Kontinents - die Masse an Traditionsvereinen, die Spannung und die durchaus vorhandene spielerische Klasse sucht unter den zweiten Ligen ihresgleichen.

Auf lange Sicht würde sich die Liga mit dem Ende der Zentralvermarktung all dieser Vorzüge berauben. Und so nachvollziehbar die Interessen der Vertreter auch sind, so leicht sind sie zu widerlegen: der FC Bayern tritt in der Champions League auch heute schon dominant auf, obwohl man im Ranking der Einnahmen durch TV-Vermarktung in Kürze auf Platz 26 in Europa zurückfallen würde; stark unterschiedliche Ideologien und Konzepte sorgen im direkten Duell für besonderen Reiz, der keine bevorzugte (oder benachteiligte) Behandlung des einen oder anderen Vereins rechtfertigt; auch die Fans auf St. Pauli reiben sich nur zu gerne an finanzstarken Feindbilder wie RB Leipzig.

Die neuen Fernsehverträge sollen Anfang 2016 ausgeschrieben, im Mai 2016 unterschrieben werden. Gültigkeit haben sie dann ab 2017/18. Umso wichtiger aber, dass sich die Vereine heute in Frankfurt zusammenraufen. Es steht nicht weniger als die Einzigartigkeit des Erfolgsproduktes Bundesliga auf dem Spiel. Und ein einzigartiges Produkt lässt sich in der Regel ohnehin besser vermarkten als eines, das daherkommt wie jedes andere.

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