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Meinung

Debatte um Identität: Der Bakery-Moment: Wie der HSV im Umgang mit seinem Spieler Jatta gerade alles richtig macht

Vier Wochen ist es her, dass eine Diskussion um die Identität von HSV-Stürmer Bakery Jatta entbrannte. Der Verein selbst stand und steht seither wie eine Wand hinter seinem Spieler – und macht damit alles richtig. 

Von Oliver Creutz

Bakery Jatta - HSV - Hamburger Sportverein

Der HSV lässt dieser Tage keine Zweifel daran aufkommen, dass man als Verein voll und ganz hinter dem Spieler und Mensch Bakery Jatta (M.) steht

Getty Images

Es lief die 87. Spielminute, die Partie war längst entschieden, da traf der Trainer des HSV, Dieter Hecking, seine beste Entscheidung dieses Nachmittags: Er wechselte Bakery Jatta aus, der etwas mehr als zehn Minuten zuvor zum 3:0 getroffen hatte. Jatta verließ das Spielfeld auf Höhe der Mittellinie auf der Gegengeraden, und viele Zuschauer im Stadion standen auf und riefen seinen Namen, dreimal, und als er an der Nordkurve vorbeiging, mit langen Storchenschritten, wie es seine Art ist zu gehen und zu laufen, da tobten die Fans umso lauter. So wird normalerweise jemand gefeiert, der ein entscheidendes Tor gemacht hat.

Das hatte Jatta nicht, es war eher der Bonus-Treffer in einem Spiel, das der HSV klar für sich entschieden hatte. Jatta war bis dahin 75 Minuten lang angelaufen, mal geschickt, oft überhastet, von seinen Mitspielern manchmal übersehen - er wirkte wie jemand, der gerade sehr viel mit sich rumschleppt. Wie jemand, der Ballast abwerfen will.

Gegner legten wegen Jatta Prostest ein, Zuschauer pfiffen ihn aus

Vor vier Wochen hatte die "Bild"-Zeitung in Verbund mit der "Sport-Bild" zur Jagd gegen den Spieler aus Gambia geblasen. Die Blätter gingen dem Hinweis nach, dass Jatta, der 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, womöglich ganz anders heiße, Bakary Daffey nämlich, und dass er schon volljährig gewesen sei und nicht erst 17, als er nach Deutschland kam.

Und dann hagelte es Schlagzeilen von der Bild: "Spielt HSV-Profi mit falscher Identität? - Märchen begann offenbar mit einer Lüge". Mannschaften, die gegen den HSV verloren hatten, legten Protest ein, weil Jatta auf dem Platz gestanden hatte. Einige Zuschauer in Karlsruhe pfiffen ihn sogar aus. Die "Bild"-Zeitung schrieb etwas von Abschiebung und Gefängnis.

Und all das schüttelte Bakery Jatta von sich ab, als er in der 75. Minuten etwas ungestüm den Ball ins Tor von Hannover wuchtete. Die Mannschaft, die Ersatzbank-Spieler, die Betreuer liefen alle zu ihm, um ihn in die Arme zu nehmen. Es war sein erstes Tor seit den Schlagzeilen.

Und die Fans, die ihn seitdem stets überschwänglich begrüßen, wenn vor Spielbeginn die Aufstellung verlesen wird, tobten. So klingt Mitgefühl, gepaart mit ganz normaler Jubellaune an einem halbwegs sonnigen Fußballnachmittag.

Von einer Lachnummer zu einem Verein, der alles richtig macht

Der HSV war in den vergangenen Jahren zur fast schon bemitleidenswerten Lachnummer im Fußball-Land geworden. Nichts, nicht einmal der direkte Wiederaufstieg in die Erste Liga, wollte dem Verein gelingen. Doch jetzt, im Umgang mit Bakery Jatta, machen alle Beteiligten alles richtig: Der Trainer Hecking stellt ihn immer wieder auf. Man hätte es ihm sicherlich nachgesehen, wenn er den Spieler mit Verweis auf die ungeklärte Situation aus dem Kader gestrichen hätte. Hecking dachte im Traum nicht daran. Auch die Vereinsführung zeigte nicht den Hauch eines Zweifels an ihrem Spieler. Man kümmerte sich um ihn. Man war für ihn da. Man verwies immer wieder darauf, dass Jatta eine Spielerlaubnis und einen gültigen Pass besitze.

Überdies handelte es sich keineswegs um einen Asylbewerber: Jatta hatte nie Asyl beantragt. Zuletzt legte Jattas Anwalt dem zuständigen Bezirksamt in Hamburg eine Kopie der Geburtsurkunde seines Mandanten vor. Am 9. September soll das Sportgericht des DFB den Fall verhandeln. Wenn alles gut ausgeht, werden sowohl der Spieler Jatta wie auch der lange gebeutelte HSV als Sieger aus dieser Jagd hervorgehen, die ein Boulevard-Blatt angefangen hatte.

Als Bakery Jatta nach seiner Auswechslung schließlich an der Ersatzbank angekommen war, war er weit mehr als nur ein Fußballspieler: Er war ein Mensch. 

Ein Mensch, dessen schweres Herz jetzt gerade ein kleines bisschen leichter geworden war.

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