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Kommentar

Dortmund in der Krise: Warum die Taktik-Diskussion um BVB-Coach Bosz völliger Unsinn ist

Nach anfänglicher Euphorie steckt der BVB in der ersten Krise der Saison. Nun wird die Schuld in der Spielweise von Coach Peter Bosz gesucht - die zu Beginn der Saison noch unisono gefeiert wurde.

BVB-Coach Peter Bosz lässt gern offensiv spielen - wie die BVB-Trainer vor ihm

BVB-Coach Peter Bosz lässt gern offensiv spielen - wie die BVB-Trainer vor ihm

Läuft nicht bei Borussia Dortmund, so viel ist Fakt. Nach einem fulminanten Saisonstart ist die Truppe von in ein handfeste Krise gestürzt. In der Champions League steht der BVB nach zwei blamablen Unentschieden gegen den Achten der zyprischen Liga vor dem Aus und muss sogar noch um die Europa League bangen. In der Bundesliga hat Dortmund seit September nicht mehr gewonnen und aus einem Fünf-Punkte-Vorsprung auf die Bayern einen Drei-Punkte-Rückstand gemacht.

Auf der Suche nach dem Schuldigen ist man da naturgemäß schnell beim Trainer angelangt - das ist nun mal so und gehört auch irgendwie zum Job. Die Art und Weise der Kritik an Bosz allerdings ist völliger . Der wird nämlich für eben jenen Fußball nun kritisiert, für den er zunächst in den Himmel gelobt wurde. Nach sechs Siegen in den ersten sieben Spielen, den ersten fünf davon ohne Gegentor und den Demontagen von Köln und Gladbach keimte bereits die Hoffnung auf, dass die Bundesliga endlich mal wieder spannend werden könnte. 

Die Mär vom "zu offensiven" Fußball

Man könnte nun sagen: Schwebt man mal über den Erwartungen, dann fällt man eben umso tiefer - und das stimmt. Bosz allerdings vorzuwerfen, sein angriffsorientierter Fußball sei nun die Quelle allen Übels oder das klassisch bei Holländern beliebte 4-3-3-System nicht mehr zeitgemäß, ist absurd. Zum einen ist Bosz natürlich nicht der Trainer, der den auf totale Offensive umgekrempelt hat, sondern der dritte sehr offensiv spielen lassende Coach hintereinander nach Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Bosz wurde geholt, weil man beim BVB offensiv spielt.

Zum anderen ist sein 4-3-3-System gar nicht die Revolution für den BVB, für die sie von manchen gehalten wird. Das seit Jahren sehr populäre - und auch beim BVB meist praktizierte - 4-5-1-System ist nahezu ein 4-3-3, schaut man es sich auf der Aufstellung an. Die klassischen Flügelstürmer werden dort nur minimal zurückgezogen und als Flügelmittelfeldspieler gelistet. Der tatsächlich taktische Unterschied auf dem Feld hält sich aber in Grenzen. Beide Systeme können wunderbar funktionieren, wenn die Spieler aggressiv in die Zweikämpfe gehen - oder halt grandios scheitern. Die Eier legende Wollmilchsau aus furiosem Angriffsfußball und stabiler Defensive hat leider noch keiner erfunden.

BVB hat mentale Probleme, keine taktischen

Die These der angeblich neuerdings so schlechten Defensive bei der Borussia hält dem Vergleich mit den vergangenen Spielzeiten zudem nicht stand. In beiden Saisons unter hatte der BVB zu diesem Zeitpunkt jeweils zwölf Gegentore kassiert, unter Bosz nun elf. Aktuell 20 Punkte sind nach zehn Spielen solide, Platz zwei geht mit den Saisonzielen konform.

Das Problem beim BVB ist kein taktisches, es ist ein mentales. Die bitteren Pleiten gegen Tottenham und Real Madrid haben der Mannschaft nach einer anfänglichen Euphoriewelle kalte Nackenschläge versetzt, von denen sie sich noch nicht wieder erholt hat. Hier ist Bosz tatsächlich gefragt, um seine Truppe wieder zurück in die Erfolgsspur zu führen. Dass er dafür aber nicht das System umkrempeln muss, zeigen die ersten sieben Spiele der Saison, in denen das "System Bosz" noch gefeiert wurde. "Manchmal läuft es eben nicht, aber wir müssen da als Mannschaft wieder rauskommen", sagte BVB-Kapitän Marcel Schmelzer nach dem zweiten Unentschieden gegen Nikosia. Oder anders gesagt: Es ist nicht immer die Taktik oder der Trainer schuld.

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