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Philipp Köster - Kabinenpredigt: Tribünensperre zeigt: Funktionären ist die Fankultur fremd

Die Sperre der Südtribüne im BVB-Stadion war ein Schuss in den Ofen. Das Gewaltproblem wird bleiben, solange die Funktionäre die Fans nicht ernst nehmen, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Philipp Köster: Sperre der BVB-Südtribüne war ein Rohrkrepierer

Graue statt gelbe Wand beim BVB: Die Sperrung der Südtribüne im Dortmunder Stadion hat ihre Wirkung verfehlt.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Westfalenstadions blieb am Samstag gegen den VfL Wolfsburg die vollständig leer. Mit der Sperrung sollte die aktive Fanszene für die teils beleidigenden Spruchbänder beim Spiel gegen RB Leipzig bestraft werden. Und es genügte nach dem Anpfiff ein kurzer Blick ins Stadionviereck, um festzustellen: Die Strafe war ein Rohrkrepierer. Denn statt auf der Süd stand der Kern der Ultra-Szene einfach gegenüber auf der Nordtribüne: Dort war genügend Platz, weil der VfL Wolfsburg sein Platzkontingent bei weitem nicht ausgeschöpft hatte.

Und so war die leere Südtribüne nicht nur ein missratenes pädagogisches Experiment, sondern auch ein Tiefpunkt in der ohnehin schon zerrütteten Beziehung zwischen den Fankurven und dem Fußball-Establishment. So wenig gegenseitiges Verständnis, so wenig Wohlwollen und Kompromissbereitschaft wie heute war selten. Und dazu haben beide Seiten ihren Teil beigetragen, nicht nur die Anhänger, sondern in gehörigem Maße auch der , auch der Ligaverband, auch die Klubs.

Dampfplauderern das Feld überlassen

Man muss das noch einmal so deutlich sagen. Schließlich ließ die öffentliche Diskussion der letzten Woche vermuten, in deutschen Stadien gehe es noch deutlich gesetzloser zu als in kolumbianischen Favelas. Wohlgemerkt: Niemand sollte versuchen, die Vorfälle am vorletzten Samstag in Dortmund zu rechtfertigen. Jeder, der bei klarem Verstand ist, kann nur hoffen, dass all jene, die Flaschen und Steine schmissen, sehr bald identifiziert und vor Gericht gestellt werden. 

Aber in der Aufarbeitung der Vorfälle hätte es ja die Gelegenheit gegeben, dass all die Fußball-Funktionäre mal entschieden Partei ergreifen –Partei für die überwältigend große Mehrzahl friedlicher Fans in den Kurven und Partei für eine lebendige und kritische Fankultur. Stattdessen durften dampfplaudernde Politiker und Populisten wieder einmal ein völlig verzerrtes Bild der Fanszene in deutschen Stadien malen. Die Südtribüne als paramilitärisch durchorganisierte Ultra-Kohorte, das passte wunderbar ins Bild vom durchgeknallten Fanatiker, hatte nur mit der Realität rein gar nichts zu tun.

Leipziger Thomanerchor statt Punkrock à la BVB

Dass die Funktionäre schwiegen, war kein Zufall. Weder beim DFB noch bei der DFL interessiert sich irgendjemand ernsthaft für Fankultur. Anhänger sind für die Verbände nur so lange interessant, wie sie eine optisch gefällige Kulisse für die pathetischen Werbespots bilden, mit denen die Liga ihre Fernsehbilder vermarktet. Wenn es hingegen um berechtigte Anliegen der Kurven geht, stoßen die Anhänger in der Regel auf Ignoranz und Ablehnung. Ganz im Gegenteil wurde in den letzten Jahren kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die Kurven als Störenfriede zu klassifizieren, die ständig die große, bunte, friedliche Bundesliga-Party kaputt machen wollen. All das, was klassische Fanszenen ausmacht, die oft überbordende Begeisterung, die Fahnen und die Gesänge, die Wildheit auf den Stehplätzen, ist den Verbänden suspekt.

Am liebsten hätten viele Funktionäre heutzutage überall brave Zuschauer wie in Leipzig, wo sie die Fankurve zum Familienblock umgewidmet haben. Friedlich, aber eben auch bis in die Gesänge hinein bieder und ausrechenbar, statt Punkrock. Die Ablehnung der Funktionäre haben die Fans in den letzten Jahren zu spüren bekommen. Zum Beispiel in der hysterischen Diskussion, die 2012 zum Thema Stadiongewalt geführt wurde und in der notorische Scharfmacher wie Rainer Wendt unwidersprochen behaupten durfte, wer in ein deutsches Stadion gehe, begebe sich in Lebensgefahr. Damals wurde jede noch so windelweiche Polizeistatistik herangezogen, um die Fankurven als Brutstätte der Gewalt zu überführen. Als hingegen die polizeiliche Erfassungsstelle ZIS für die Saison 2015/16 beispielsweise eine Rückgang der Pyrotechnik um 36 Prozent vermeldete, schwiegen Verbänden und Klubs.

Anliegen und Kritik Ernst nehmen

Wer ernsthaft daran interessiert ist, die Gewalt in den Stadien einzudämmen, muss mit den Anhängern auf Augenhöhe sprechen. Das bedeutet, ihre Anliegen und ihre Kritik ernst zu nehmen. Das bedeutet, den vor Jahren abgebrochenen Dialog mit den Fanorganisationen wieder aufzunehmen. Das bedeutet mehr Geld und Unterstützung, für Sozialarbeit mit den Kurven. Nur wenn sich in den Kurven der Eindruck durchsetzt, in Klubs und Verbänden keine Gegner, sondern Gesprächspartner zu haben und nicht für die Vergehen einzelner im Kollektiv bestraft zu werden, werden auch die Anhänger mehr Kompromisse machen. 

Vielstimmig wurde in der letzten Woche ein "Aufstand der Anständigen" gefordert. Vielleicht fängt man damit an, erst einmal die Fans anständig zu behandeln.

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