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Meinung

Von Ängsten und Zwängen: Debatte um Bundesliga-Start: Die Meinung der Spieler ist offenbar nicht gefragt

Eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga ab dem 15. Mai wird immer wahrscheinlicher. Damit würde eine wochenlange Diskussion ihr Ende finden, in der ausgerechnet die wichtigsten Protagonisten nichts zu melden hatten.

Salomon Kalou zeigt Trainingsabläufe in Facebook-Live-Video.

Salomon Kalou hat seinen Kollegen einen Bärendienst erwiesen. Der Profi von Hertha BSC Berlin hat mit seinem Facebook-Video das Klischee vom selbstbezogenen Profi, der sich einen Dreck um Abstands- oder Anstandsregeln schert, bestätigt. Das ist nicht nur aufgrund der Debatte um eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga ärgerlich.

Denn die öffentliche Maßregelung der Spezies "verwöhnter Fußballstar" hat in den letzten Wochen ein übertriebenes Ausmaß angenommen, und sie wird durch die Dämlichkeiten aus der Hertha-Kabine nur unnötig befeuert. Dabei geht sie ziemlich weit an den aktuellen Problemen vorbei.

Bundesliga: Krise als starker Stimmungsmacher

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie waren Forderungen laut geworden, dass die kurzbehosten Millionäre doch bitte schleunigst auf einen Teil ihres Gehalts verzichten sollten. "Ich fände es in Ordnung, wenn Spieler, die ganz große Gehälter bekommen, zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebes gegenüber ihrem Arbeitgeber, ihren Vereinen, ein bisschen zurückhaltender wären mit dem Geld", hatte in diesem Zusammenhang der bayrische Ministerpräsident Markus Söder gefordert.

Nicht ganz zu Unrecht hatte Horst Heldt, Geschäftsführer des 1. FC Köln, sich daraufhin schützend vor sein kickendes Personal gestellt und von "populistischen Scheißausdrücken" gesprochen. Aber Söder hatte das Thema mit Bedacht gewählt, die Stimmung in der Bevölkerung witternd. Und deshalb ist im Netz auch zur Stunde am zugegebenermaßen unglücklichen Beispiel Kalou mal wieder nachzulesen, wie schlecht es um den Ruf der Spieler bestellt ist.

Einerseits kein Wunder: Große Krisen sind starke Stimmungsmacher, zumal angesichts existenzieller Bedrohungen. Andererseits greift der Vorwurf deutlich zu kurz und ist vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Geisterspiele besonders bedenklich. Denn auch im völlig verrotteten System des Profifußballs stinkt der Fisch natürlich vom Kopf her, weshalb es grundsätzlich absurd anmutet, den Spielern ihre Gehälter vorzuwerfen.

Darüber hinaus, und auch das macht die Krise deutlich, steht zu befürchten, dass die Profis zwar exorbitante Summen kassieren, ansonsten aber nicht viel zu melden haben – erst recht nicht aktuell, da es um die Fortsetzung der Saison im Schatten von Corona geht.

Seit Wochen sind alle möglichen Meinungen von Politikern, Funktionären und Fans zum Thema zu hören und zu lesen – nur von den Spielern nicht. Und wenn doch, so hat das sofort seltsame Konsequenzen, wie das Beispiel Birger Verstraete belegt.

"... und das ist ein bisschen bizarr"

Der Belgier in Diensten des 1. FC Köln hatte die Maßnahmen nach drei positiven Corona-Tests innerhalb seines Vereins als leichtsinnig kritisiert: "Wir sollten vorerst nicht unter Quarantäne gestellt werden, und das ist ein bisschen bizarr", sagte der Mittelfeldspieler einem TV-Sender in seiner Heimat. 

Verstraete hatte zudem angemerkt, dass die Gesundheit seiner Familie und seiner Freundin "von größter Bedeutung" für ihn sei. Dies würden auch viele andere Spieler so sehen: "Fußball ist nicht das Wichtigste." Er könne sich vorstellen, dass viele Profis bei einer anonymen Befragung für einen Abbruch der Spielzeit votieren würden.

Nur kurz darauf veröffentlichte der 1. FC Köln eine Klarstellung, in der auch Verstraete zurückruderte: Er habe sich "an einigen Stellen falsch ausgedrückt, so dass in der Übersetzung ein missverständlicher Eindruck entstanden ist, der mir leid tut. Statt aus der Emotion heraus ein Interview zu geben, hätte ich den Kontakt zu unserem Arzt suchen und mir meine Fragen erklären lassen müssen."

Tatsächlich hat Verstraete mit seinen Aussagen einen bislang wenig beachteten Blickwinkel in die Debatte eingebracht: den der Aktiven, die schließlich auch von Fällen lesen wie jenem von Junior Sambia, 23-jähriger Mittelfeldspieler des HSC Montpellier, dessen Coronavirus-Infektion einen so schweren Verlauf nahm, dass er zwischenzeitlich ins künstliche Koma versetzt wurde. Den Profis, zumindest den meisten von ihnen, dürfte bewusst sein, dass Covid-19 eben auch für junge Menschen zur Gefahr werden kann.

Die Spielergewerkschaft VDV erreichen deshalb nach wie vor viele Anfragen zum Gesundheitsschutz: "Wir versuchen, besorgten Spielern mit sachlichen Infos Ängste zu nehmen und in Abstimmung mit Clubs auch individuelle Lösungen herbeizuführen", sagte Geschäftsführer Ulf Baranowsky der Deutschen Presse-Agentur. "Nach wie vor gilt aber, dass die Spieler spielen wollen, sofern dies gesundheitlich vertretbar ist."

"Jemanden zwingen werden wir niemals"

Die Verantwortung dafür würden Clubs und Behörden tragen, so Baranowsky weiter – und das ist ein bezeichnender Zusatz: Die Spieler tragen keine Verantwortung, sollen sich aber jeder möglichen Entscheidung fügen.

Tatsächlich kann den Spielern das Erscheinen am Arbeitsplatz sogar angeordnet werden, wenn der Verein alle geforderten Hygiene-Vorschriften einhält und die zuständigen Behörden den Trainings- und Spielbetrieb in der Bundesliga zulassen, wie der Sportjurist Jörg von Appen bei "Sport1" bestätigte: "Ein Spieler muss schon erhebliche Bedenken anmelden, um diesen Grundsatz auszuhebeln."

Zwar würde beispielsweise Werder Bremens Aufsichtsratschef Marco Bode eventuelle Bedenken seiner Profis ernst nehmen: "Wenn wir nochmal Spiele in dieser Bundesliga-Saison oder in der kommenden Hinrunde sehen wollen, brauchen wir hochmotivierte Profis, die nach wie vor in dieser Situation gewinnen wollen. Und das kann ich nicht tun, wenn jemand eigentlich nicht will. Jemanden zwingen werden wir aus meiner Sicht niemals", sagte der frühere Nationalspieler bei Radio Bremen.

Trotzdem verhärtet sich der Eindruck, dass den Spielern in der Coronakrise der Stellenwert von Zirkuspferden zukommt. Sie werden nicht gefragt und sollen sich bloß nicht äußern. Stattdessen haben sie zu funktionieren und werden nebenbei zur Zielscheibe populistischer Solidaritätsdebatten. In einer Zeit, in der sich wohl kein Mensch von Ängsten und Sorgen freimachen kann, ist das nicht weniger fragwürdig als viele andere Mechanismen des Fußballgeschäfts.

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