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Fußball und Corona So sorgt die Bundesliga selbst dafür, dass der Saison-Neustart verboten gehört


Ein kritischer Spieler muss in Köln zum Rapport, Sorglosigkeit in der Hertha-Kabine, die Clubs bekommen bezüglich Corona-Tests einen Maulkorb verpasst. Die Bundesliga liefert derzeit reichlich Gründe, ihr die Fortsetzung der Saison zu untersagen.

Lassen wir an dieser Stelle beiseite, dass die Frage, ob es wirklich verantwortbar ist, die Fußball-Bundesliga während einer Pandemie fortzusetzen, eigentlich nicht ausdiskutiert ist. Zeichen aus der Politik, dass es trotzdem zu Geisterspielen kommen wird, mehren sich. Zuletzt klang es am Sonntag im ZDF in den Worten von Innenminister Horst Seehofer (CSU) zumindest an. Etwas Abwechslung tut Teilen der Heimbleiber-Nation gut, so wohl der Gedanke. Doch angesichts jüngster Ereignisse sollten sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten genau überlegen, wem sie da diese wahrhaft schwierige Aufgabe überlassen wollen. Am kommenden Mittwoch wird entschieden. 

Kritische Töne, Bedenken, gar Ängste – mit all dem hat die Bundesliga seit jeher große Schwierigkeiten. Man klärt intern, wie es gerne heißt, räumt alles aus, erkennt Missverständnisse, findet gegenseitiges Einvernehmen. Nicht selten wohl eher Euphemismen für "Auf-Linie-Bringen". Ein Paradebeispiel dafür lieferte der 1.FC Köln, der am Wochenende seinen Profi Birger Verstraete zum Schweigen brachte. Der 26-jährige Belgier hatte in einem Interview mit einem TV-Sender seines Heimatlandes berechtigte Sorgen geäußert, dass er engen Kontakt mit positiv auf das Coronavirus getesteten Mitspielern und Betreuern gehabt habe und der Trainingsbetrieb dennoch weitergehen soll. Und auch die Pläne, die Bundesliga fortzusetzen, sah Verstraete kritisch. Er äußerte den Verdacht, könnten die Profikicker unbeeinflusst abstimmen, viele würden sich gegen weitere Spiele aussprechen.

Corona-Tests: DFL-Maulkorb für die Vereine

Leider kam es, wie es kommen musste: Statt mit Bedenken und Ängsten des Spielers offen umzugehen, diese für Mitspieler und Öffentlichkeit vielleicht gar zu zerstreuen, wurde Verstraete zum Rapport gebeten. Wenig später – ebenso erwartbar – ruderte der zurück: Es sei alles emotional gewesen, durch Übersetzungsfehler sei es zu falschen Darstellungen gekommen, er hätte mit seinen Sorgen zum Mannschaftsarzt gehen müssen (Stichwort: intern regeln). Zu allem Überfluss schickte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) am Tag danach eine Art Maulkorb-Mail an die Vereine: "Wir empfehlen von eigenen Verlautbarungen abzusehen", heißt es darin, wie das Fachblatt "Kicker" berichtet. In Sachen Coronatests wolle man "eine zentrale öffentliche Kommunikation vornehmen".

Doch sieht so ein verantwortlicher Umgang mit dieser besonderen Situation aus? Oder wird hier – statt die nötige größtmögliche Transparenz an den Tag zu legen - doch eher leichtfertig alles dem immer gleichen Ziel untergeordnet: The show must go on; die Spiele müssen weitergehen?! Komme, was da wolle. Die Frage drängt sich auf: Hat sogar die Gesundheit der Spieler und deren Familien zurückzustehen? Und da wir es nun mal mit einem grassierenden Virus zu tun haben: Will die Liga letzten Endes wirklich verantworten – was Gott verhindern möge –, dass Kontaktpersonen der Spieler- und Betreuerfamilien an Covid-19 erkranken und so das Virus weiter verbreitet wird? Inzwischen wurden aus den 36 Erst- und Zweitligaclubs zehn positiv getestete Personen gemeldet. 

"Wir werden das schon lösen"

Wer sich das Interview mit Birger Verstraete im Internet anschaut, sieht im Gegensatz zu den offiziellen Verlautbarungen des Sonntags einen ruhig antwortenden, nachdenklichen jungen Mann, der sich weniger um sich selbst als um seine Familie und die Familien seiner Kollegen sorgt. Und wer auch nur ein wenig Niederländisch versteht, der erkennt, dass Verstraete – bis auf Nuancen – genau das gesagt hat, was nun angeblich missverstanden wurde. An "erst Gesundheit, dann Fußball" ist ohnehin wenig Zweideutiges. Was die Äußerungen so brisant für die Liga machen: Sie kommen aus ihrem Innersten. Und sie stellen das Hygienekonzept der DFL, ohne dass es keine weiteren Spiele geben wird, infrage.

Dass es im Trainingsbetrieb der Clubs mitunter wenig Corona-adäquat zugeht, offenbarte am Montag ein schnell wieder gelöschtes Facebook-Video von Hertha-BSC-Profi Salomon Kalou. Problembewusstsein? Fehlanzeige. Immerhin verurteilte die DFL die pikanten Aufnahmen, der Berliner Bundesligist suspendierte Kalou. Doch sollte das Virus weitergegeben worden sein, lässt sich das dadurch nicht mehr rückgängig machen. Und es bleibt die Frage: Wäre Kalou auch beurlaubt worden, wäre der Clip nicht aufgetaucht? Offensichtlich sah er kein Problem darin, das Video zu drehen und es zu veröffentlichen.

Wie wenig transparent sich die Bundesliga insgesamt beim Thema Corona gibt, hatte jüngst auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke bei "Markus Lanz" auf unschöne Weise vorgeführt. Eindringlich befragt, was denn passiere, wenn Bundesligaspieler nach Geisterspielen positiv auf Corona getestet würden, ging dem Fußballboss irgendwann die Hutschnur hoch: "Wir müssen jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir werden das schon lösen", entgegnete er Lanz, dem es daraufhin erst einmal die Sprache verschlug. 

Virus lässt sich nicht im leeren Stadion einsperren

Noch einmal: Sieht so verantwortlicher Umgang mit der besonderen Situation der Corona-Pandemie aus? Wohl kaum. Hygienekonzept hin, berechtigte wirtschaftliche Interessen her: In ihrer eigenen Art hat die Bundesliga in den vergangenen Tagen und Wochen selbst gute Argumente dafür geliefert, sie die Saison nicht zu Ende spielen zu lassen. Die Bedrohung durch das Coronavirus lässt sich nicht im eigenen Zirkel, in leer geräumten Stadien einsperren. Deshalb bleibt der Fußball diesmal nicht unter sich, und da hilft auch ein schnell gelöschtes Video nicht. Der nicht an der Bundesliga interessierte Teil der Gesellschaft will vielmehr völlig zurecht wissen, warum er es in Ordnung finden sollen, dass Bundesligaspieler tun dürfen, was den anderen derzeit untersagt ist.

Können wir wirklich absolut sicher sein, dass die Bundesliga die Spiele wieder stoppen würde, sollte es zu zahlreichen Infektionen kommen? So mancher wird nach den jüngsten Vorfällen daran zweifeln. Sollten die Kanzlerin und die Länderchefs ähnliche Zweifel haben, müsste ihre Entscheidung gegen die Bundesliga ausfallen. Denn die Fortsetzung der Bundesligasaison ist nur bei größtmöglicher Transparenz überhaupt vorstellbar. Sie mögen nur spielen wollen – doch nicht zu jedem Preis!


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