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DFL-Sicherheitskonzept beschlossen: Das Unbehagen bleibt

Die DFL verabschiedet ein neues Sicherheitskonzept, doch einige Vereine sperren sich partout gegen den Schulterschluss mit dem Verband. Fans kündigen neue Proteste an. Und die DFL-Bosse sind sauer.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Reinhard Rauball hätte auf den Rummel gut verzichten können. Dass ihn im Tagungshotel in Frankfurt-Niederrad gleich Dutzende von Kameras und Mikrofone erwarten würden, hat der Liga-Präsident gewusst. Doch dass auch Hunderte von Anhängern die Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in einem eher unwirtlichen Büroviertel der Bankenmetropole beiwohnten, hat Rauball dann doch überrascht. Die eindrucksvolle Botschaft der frierenden Fans an die Liga-Bosse: Ihnen ist die Sicherheit in neuen Stadien mindestens ebenso wichtig wie Vereinen und Verbänden.

Erwartungsgemäß haben die Vertreter der 36 Profiklubs in der Mehrheit den neuen Maßnahmenkatalog zum "Sicheren Stadionerlebnis" verabschiedet. In Kurzform: Es wird künftig härter kontrolliert, aber auch besser differenziert und vor allem ernsthafter kommuniziert. Rauballs Statement: "Egal, ob Sitzplatz oder Stehplatz, schweigend oder nicht schweigend, Teilnehmer einer Fan-Demonstration oder Besucher des Familienblocks: Wir können allen Fans versichern, dass die heutigen Beschlüsse die Fußball-Kultur in Deutschland nicht gefährden. Im Gegenteil: Diese Beschlüsse werden dabei helfen, die Fußball-Kultur zu schützen."

Und doch laufen zwei Vereine weiter Sturm gegen ein in 16 Einzelanträgen aufgeschlüsseltes Maßnahmenbündel. Zwei Klubs, die speziell für ihre Fankultur geschätzt werden: der FC St. Pauli und 1. FC Union Berlin nämlich. Die Hamburger lehnten genau wie die Berliner geschlossen die Anträge ab. Letztlich kamen die Zweitligisten aber ebenso wenig durch wie die Erstligisten Hamburger SV und Werder Bremen, die vergeblich eine Verlegung beantragt hatten und mit 5:31 Stimmen scheiterten.

Der Drahtseilakt auf den Rängen wird weitergehen

Niemand drückte seine Verweigerungshaltung so drastisch aus wie die eisernen Widerständler von Union. "Es gibt keinerlei Veranlassung, sich einem wodurch auch immer motivierten politischen Druck zu beugen und zum jetzigen Zeitpunkt symbolisch eine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, die überhaupt nie infrage stand", verkündete Vereinspräsident Dirk Zingler: "Für ein solches Handeln steht der 1. FC Union Berlin nicht zur Verfügung." Rauball, der den Beschluss als so wegweisend wie die Beibehaltung der "50+1"-Regel eingestuft hatte ("Wir haben auch den Bundesligaskandal und das Hooliganproblem gelöst"), war darüber mächtig verärgert.

Die Schweißperlen, die dem Liga-Präsident während der Pressekonferenz auf der Stirn standen, verdeutlichen auch: Der Drahtseilakt auf den Rängen wird weitergehen. Fanvertreter und Faninitiativen äußerten Ablehnung - Polizei und Politik hingegen Zufriedenheit. Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, klang fast schon überschwänglich: "Es war höchste Zeit, dass der zunehmenden Gewalt in und um deutsche Fußball-Stadien mit konkreten Maßnahmen begegnet wird. Strengere Einlasskontrollen, verstärkte Videoüberwachung und Sanktionsmöglichkeiten können dafür sorgen, Gewalt gar nicht erst aufkommen zu lassen."

Boykott eines kompletten Spieltags ist eine Option

Dagegen sind Fanvertreter entsetzt. Philipp Markhardt, der Sprecher der für den Stimmungsboykott federführenden Protestaktion "12:12", kündigt unverhohlen eine Fortsetzung an: "Das Ergebnis ist sehr unschön. Ich gehe davon aus, dass es neue Proteste geben wird. Andere Aktionen könnten sich bis in den März hineinziehen. Auch der Boykott eines kompletten Spieltags ist eine Option. Wenn die DFL sagt, nach uns die Sintflut, wäre das das komplett falsche Zeichen."

Ein besseres Miteinander innerhalb der neu gesetzten "Leitplanken" (Rauball) kann es nur geben, wenn sich die Fans vom Ligaverband auch auf Augenhöhe behandelt fühlen. Dass es daran in der Vergangenheit gehapert hat, wird zumindest nicht mehr bestritten. Vertrauen ist auf vielen Seiten verspielt; erstaunlicherweise scheint auch Christian Seifert als Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung über eine aus dem Ruder gelaufene, weil aus seiner Sicht unsachliche Debatte ziemlich enttäuscht, da der Eindruck erweckt worden sei, "wir würden aus dem Elfenbeinturm einen Großangriff auf die deutsche Fankultur starten."

Eine wichtige Mittlerrolle kommt dabei Andreas Rettig zu. Der designierte DFL-Geschäftsführer, zuvor beim SC Freiburg, 1. FC Köln oder FC Augsburg mit der Alltagsarbeit eines Vereins vertraut, hat nicht nur bei einem Fangipfel Anfang November in Berlin Applaus eingeheimst, sondern hat auch jetzt versprochen, die Basis mitzunehmen. "Das haben wir ein Stück weit versäumt, aber die bunte Vielfalt unter den Besuchern erschwert auch die Kommunikation." Oder wie es Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge ausdrückte: "Es war nie geplant, dass wir uns von den Fans entfernen, es scheint mir nur in der Kommunikation etwas schief gelaufen zu sein." Dann hastete auch der Bayern-Boss durch den Pulk der Protestler.

Gewalt außerhalb der Stadien droht weiterzugehen

Der verbindliche Dialog, wie es der Praktiker Rettig nennt, solle nun unverzüglich mit jenem Teil der Fans fortgesetzt werden. Rettig glaubt: "Diese Mitgliederversammlung kann ein Meilenstein für die Fans gewesen sein. Denn jetzt beginnt die Arbeit in der Tiefe." Wohl wahr. Fans haben eine dezidierte Meinung, wie eine Debatte auf Augenhöhe aussehen könnte - jetzt müssen sie von Verbänden und Vereinen auch eingebunden werden.

Entscheidend wird sein, wie die neuralgischen Punkte des Antragspakets in Zukunft mit Leben gefüllt werden. Theoretisch hätte zukünftig ein Veranstalter, also der Heimverein, die Möglichkeit, Gästefans in eigens aufgestellten Zelten durch eine Vollkontrolle laufen zu lassen. Der Vertrauensverlust, das hat das Beispiel beim Bundesligaspiel FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt gezeigt, wäre irreparabel. Zusätzlich hat der Gastgeber wegen seiner Haftbarkeit künftig die Handhabe, dass Ticketkontingent bei so genannten Problemspielen für die Gäste zu reduzieren. Wird der Hamburger SV also künftig nur 1000 Bremer Fans in den Volkspark lassen? Werden solche Fragen nicht im Konsens mit der Basis beantwortet, wird sich die Spirale der Gewalt außerhalb der Stadien mit Sicherheit weiterdrehen. Ein von Rauball angesprochenes "Loch", wie er die offenen Sicherheitsfragen nannte, mag erst einmal zu sein. Aber das Problem ist eben nicht gelöst.

Frank Hellmann, Frankfurt

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